# taz.de -- Alte Heimat, neue Heimat
       
       > Dresden will Kulturhauptstadt 2025 werden. Die freie Szene erhofft sich,
       > so endlich bessergestellt zu werden. Für Streit sorgt ein Slogan, der
       > überall in der Stadt prangt
       
 (IMG) Bild: Ist auch ein Stuhl für die Subkultur frei? Und für migrantische Künstler*innen? Stuhl am Elbstrand nahe der Augustusbrücke, Juni 2017
       
       Von Michaela Maria Müller und Frédéric Valin
       
       Ein junger Erich Kästner sitzt auf der Mauer und lugt vergnügt über den
       Albertplatz, er nimmt etwas Faunisches in den Blick. Hinter ihm steht
       zwischen Bäumen die Villa Augustin, in der er zeitweise aufwuchs und die
       jetzt das ihm gewidmete Museum sowie das Literaturhaus beherbergt. Dort
       warten Willi Hetze, Vorsitzender des Dresdner Literaturturner e. V. und
       Autor des Romans „Der Schwärmer“, sowie die Geschäftsführerin des
       Erich-Kästner-Museums Andrea O’Brien und der bildende Künstler Frank
       Eckhardt.
       
       Dresden möchte Kulturhauptstadt Europas werden, 2025 soll es so weit sein.
       Acht deutsche Städte bewerben sich derzeit um die Auszeichnung: Dresden,
       Chemnitz, Gera, Hannover, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg und Zittau. Der
       Titel wird seit 1985 an Städte verliehen, die ein Programm erarbeitet
       haben, das zum einen die europäische Idee widerspiegelt, aber auch
       langfristig einen Stadtentwicklungsprozess in Gang setzen soll, der über
       das Veranstaltungsjahr hinausweist. Eine deutsche Kulturhauptstadt gab es
       zuletzt 1999 mit Weimar, die aktuellen sind die bulgarische Stadt Plowdiw
       und Matera in Italien. Ab Januar sind das irische Galway und Rijeka in
       Kroatien dran.
       
       Dabei geht es nicht darum, möglichst viel Geld zu investieren, sondern ein
       überzeugendes Konzept zu präsentieren. Eine kleine Stadt kann dabei mit
       wenig Mitteln ebenso ein Programm auf die Beine stellen wie eine große.
       Marseille brachte 2013 die bislang größte Summe auf und gab 98 Millionen
       Euro für das Programm und 630 Millionen für Stadtentwicklung und
       Infrastruktur aus, etwa für den Bau des ersten Musée National außerhalb von
       Paris. In Dresden sollen gut 70,6 Millionen Euro investiert werden, davon
       rund 26 Millionen aus dem Haushalt der Stadt, der größte Teil aus Mitteln
       des Lands, des Bunds und der EU.
       
       O’Brien, Hetze und Eckhardt sind Mitglieder des Netzwerks „Kultur in
       Dresden“, das sich 2014 gründete, als der damals schwarz-gelb dominierte
       Stadtrat massive Kürzungen in der Kulturszene beschloss. Die Bewerbung für
       die Kulturhauptstadt sei von ihnen wohlwollend aufgenommen worden, aber es
       sei wieder wichtig gewesen, sich als freie Szene zusammenzuschließen, so
       Eckhardt. Viel konzentriere sich in Dresden auf die großen Häuser, auf Oper
       und Tanz. Freie Szene und die eher repräsentativen Institutionen würden
       aber im Zuge der Bewerbung gleichgestellt, „das ist ein Erfolg für uns“, so
       Hetze, „genauso wie das erklärte Ziel, die Künstler fair zu bezahlen“. Am
       Ende, da sind sich alle drei einig, gehe es darum, feste, unveränderbare
       Förderstrukturen zu schaffen, die es der freien Szene ermöglichen, sich von
       der Marktlogik zu lösen.
       
       Diese Strukturen sind auch deswegen notwendig, weil im Dresdner Stadtrat
       jetzt ein Viertel Rechtsextreme sitzen, die bereits klargemacht haben, dass
       sie der freien Kunstszene nicht wohlgesinnt sind. Im Wahlkampf war
       vonseiten der AfD die Schließung des hoch renommierten Europäischen
       Zentrums der Künste im Stadtteil Hellerau gefordert worden, ein kleiner
       Vorgeschmack, was noch kommen könnte: Die Forderung nach „weltanschaulich
       neutraler“ Kunst gehört ja ins Standardrepertoire der Rechtspopulisten.
       
       Umso mehr verwundert es, dass man auch im Rahmen der Bewerbung mehrfach das
       öffentliche Gespräch mit den Rechtsextremen suchte. Im Rahmen der
       Diskussionsreihe „Streitbar!“ sollte Anfang Oktober diskutiert werden, „wie
       frei Kunst sein darf“ und ob Kritik an Parteien und politischen Positionen
       legitim sei. Einer der drei Diskutanten sollte von der AfD kommen; nachdem
       diese aber einen Rückzieher machte, fiel die Veranstaltung aus.
       
       Der Slogan „Neue Heimat Dresden 2025“ ist Ergebnis einer Bürgerbefragung,
       in der zunächst für Dresdner*innen wichtige Begriffe gesammelt wurden.
       Diese versuchte man dann in den Slogan aufzunehmen. Die Einschätzungen aus
       der freien Kulturszene zum Ergebnis fallen unterschiedlich aus. Inzwischen
       ist er in der ganzen Stadt plakatiert, es wird darüber diskutiert.
       
       Hussein Jinah, 61, sitzt im Café Milan an der Petersburger Straße. Er kam
       1985 nach Dresden, um Elektrotechnik zu studieren. Zwanzig Jahre arbeitete
       er als Streetworker, heute ist er Vorsitzender des Integrations- und
       Ausländerbeirats der Stadt. In diesem Jahr hat er im Verlag mikrotext das
       Buch „Als Weltbürger in Sachsen“ veröffentlicht. Er wünscht sich, dass
       Dresden eine Stadt für alle ist, hat aber auch Kritik an dem Slogan: „Wenn
       ich jetzt die Plakate überall sehe, frage ich mich schon: Warum neue
       Heimat? Ist die alte nicht gut genug? Ich glaube, es muss keine alte Heimat
       durch eine neue ersetzt werden. Sie muss einfach als Heimat für alle
       definiert werden. Menschen sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Egal,
       welcher Status, egal, welche Hautfarbe oder Religion. Es muss eine Heimat
       sein, die nicht gespalten ist, niemanden isoliert.“
       
       „Ich denke, man würde den Initiatoren unrecht tun, den Begriff als
       Verbeugung vor der Neuen Rechten zu verstehen“, sagt Michael Bittner, Autor
       des Buches „Der Bürger macht sich Sorgen“, das 2017 bei edition AZUR
       erschien. Er lebt seit sieben Jahren in Berlin, ist aber noch immer
       verwurzelt in der Dresdner Kulturszene. Dabei spiele auch eine Rolle, dass
       eine Dresdner Besonderheit sei, sich für die bedeutendste Stadt der Welt zu
       halten. „Alles ist schon sehr konservativ, ein bisschen träge, ein bisschen
       selbstzufrieden.“
       
       Zwar gebe es durchaus Subkultur in der Stadt, aber sie spiele sich sehr in
       einem Viertel ab, der Neustadt. „Überspitzt gesagt: In Dresden sitzen die
       Linken seit 30 Jahren in ihrem gallischen Dorf und sorgen dafür, dass die
       Bierhähne nicht eintrocknen. Und da lässt man sie eben in ihrem Biotop
       ihren Firlefanz machen.“
       
       ## Städte-Shortlist am 12. Dezember
       
       Jüngere Entwicklungen, so Bittner, gäben Anlass zur Sorge. „Es gibt aktuell
       keinen Kahlschlag, aber wir haben ein Patt im Rathaus.“ Bürgermeister Dirk
       Hilbert (FDP) regiert mit wechselnden Mehrheiten. Zu den größten Fraktionen
       im Stadtrat zählen die Grünen (15 Sitze), CDU (13 Sitze) sowie Die Linke
       und die AfD (je 12 Sitze). Und CDU und FDP hätten in der Vergangenheit
       schon häufiger bewiesen, dass sie bereit seien, im Einzelfall Bündnisse
       einzugehen, die punktuell Kürzungen beschließen, so Bittner. Im Februar
       dieses Jahres sorgte eine Allianz aus CDU, FDP, Freien Wählern und AfD
       dafür, dass Förderungen für die freie Szene von zwei Millionen auf 400.000
       Euro gestutzt wurden. Auch wenn die freie Szene von der
       Kulturhauptstadt-Bewerbung wohl eher profitieren dürfte, sorgen derlei
       Bündnisse aktuell dafür, dass es einzelnen Projekten an die Existenz gehen
       kann.
       
       Dabei sind diese Räume und Projekte wichtig, vor allem der enge Kontakt mit
       dem Publikum, der an den großen Häusern der Stadt nicht gegeben ist, etwa
       im Theater Hellerau. „Es liegt einfach in der Natur der Sache, dass die
       freien Kulturträger ein anderes Bewusstsein für offene Türen und den Umgang
       mit Publikum haben. Das kann man stärken. Kunst und kulturelle Bildung
       gehen hier zusammen“, sagt Andrea O’Brien.
       
       Am 12. Dezember werden alle Städte ihr Konzept in Berlin vorstellen, und
       die Jury wird die Shortlist bekannt geben.
       
       23 Nov 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michaela Maria Müller
 (DIR) Frédéric Valin
       
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