# taz.de -- Folgen von US-Abzug: Ein neues Kapitel in Syrien
       
       > Die Entscheidung des US-Präsidenten, Soldaten von der türkisch-syrischen
       > Grenze abzuziehen, hat schwere Folgen. Wer verfolgt welche Interessen?
       
 (IMG) Bild: US-Soldaten in der Sicherheitszone an der syrisch-türkischen Grenze Anfang September 2019
       
       Es geht um wenige Dutzend Soldaten, doch mit dem Abzug des US-Militärs von
       der türkisch-syrischen Grenze hat [1][Präsident Donald Trump] ein neues
       Kapitel des Syrienkonflikts aufgeschlagen. Eine [2][türkische
       Militäroffensive] ins kurdisch kontrollierte Nordostsyrien könnte nun
       jederzeit kommen. „Alle Vorbereitungen für den Einsatz sind abgeschlossen“,
       teilte das türkische Verteidigungsministerium am Dienstag mit. Die
       Verlegung der US-Soldaten, die dem Einmarsch im wahrsten Sinne des Wortes
       im Weg standen, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen kaum beachteten
       Teilkonflikt des Syrienkriegs: die umstrittenen Gebiete östlich des
       Euphrats.
       
       Dort haben kurdische Kräfte im Schatten des Syrienkriegs unter Führung der
       Partei PYD einen Quasistaat aufgebaut: mit eigener Verwaltung und
       Streitkräften, den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF). Die Kinder
       lernen nicht nach dem ideologisch durchtränkten Curriculum des syrischen
       Regimes, sondern nach neuen, von den kurdischen Machthabern erstellten
       Lehrplänen. Die sogenannte „Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien“
       umfasst etwa ein Drittel des syrischen Staatsgebiets, ist international
       vernetzt und unterhält sogar inoffizielle Vertretungen im Ausland – etwa in
       Berlin.
       
       Das Kurdengebiet ist neben [3][Idlib], wo sich weiter Anti-Assad-Rebellen
       halten, das zweite große Gebiet, das sich der Kontrolle von Damaskus
       entzieht. Den Rest des Landes haben Regierungstruppen mit russischer
       Unterstützung zurückerobert. Die Kurden kontrollieren aber mit den Städten
       Rakka und Dair al-Saur, die sie von der Terrororganisation „Islamischer
       Staat“ befreit haben, auch zwei mittelgroße urbane Zentren. Doch nicht alle
       Gebiete unter PYD-Kontrolle sind mehrheitlich kurdisch besiedelt. Rakka
       etwa ist mehrheitlich arabisch. Auch an der Grenze zur Türkei gibt es
       Landstriche, in denen Kurden in der Minderheit sind.
       
       Syriens Präsident Baschar al-Assad will ganz Syrien wieder unter seine
       Kontrolle bringen. Die Kurden aber wollen für ihre Unabhängigkeit kämpfen.
       Auch wenn sie keinen eigenen Staat fordern, wollen sie ihre Autonomie
       behalten und ihre Streitkräfte nicht auflösen. Eine politische Lösung
       dieses großen Teilkonflikts in Syrien liegt in weiter Ferne.
       
       ## Die wichtigsten Player im Überblick
       
       ## Die Türkei
       
       Für Ankara ist klar: Hinter der Grenze zu Syrien regiert mit der
       syrisch-kurdischen PYD ein Ableger der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei
       Kurdistans. Die PKK kämpft seit 1984 für die Abspaltung oder Autonomie der
       Kurdengebiete in der Türkei – was erklärt, dass die Türkei einen kurdischen
       Quasistaat in Nordsyrien mit allen Mitteln verhindern will. Präsident Recep
       Tayyip Erdoğan fordert die Einrichtung einer Pufferzone zwischen den
       syrischen Kurdengebieten und der Türkei. Mit gemeinsamen Patrouillen im
       syrischen Grenzgebiet haben Ankara und Washington im September begonnen.
       
       Nun aber droht Ankara wieder mit einer großangelegten Militäraktion. Am
       Dienstag schickte die Regierung weitere Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge
       an die Grenze. Zudem waren Transporter mit Panzern in Richtung Şanlıurfa
       unterwegs. Unklar ist indes, wie weit die Türkei vordringen würde, wenn es
       zu einem Einmarsch käme. Erdoğan hat von einer bis zu 35 Kilometer tiefen
       Zone entlang der syrisch-türkischen Grenze zwischen dem Euphrat und dem
       Irak gesprochen. Mit der Besetzung eines solch großen Gebiets dürfte jedoch
       auch das türkische Militär überfordert sein. Wahrscheinlich ist, dass sich
       die Armee erst auf ein rund 120 Kilometer langes Grenzgebiet zwischen Tal
       Abjad und Ras al-Ain konzentrieren wird.
       
       ## Die USA
       
       Andere sollen die vertrackte Situation ausklamüsern: Das ist ein Leitmotiv
       der Syrienpolitik von US-Präsident Donald Trump. „Es ist Zeit, dass wir da
       rauskommen“, bekräftigte er am Montag sein Ziel, US-Soldaten nach dem Sieg
       gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) aus Syrien
       abzuziehen. Es war eines von Trumps zentralen Wahlkampfversprechen,
       Soldaten aus den Konflikten in der Region zurückzuholen. Dabei sind ohnehin
       nur noch zwischen 1.000 und 2.000 US-Soldaten im Nordosten Syriens
       stationiert. Am Montag räumten einige Dutzend US-Soldaten ihre Stellungen
       in Tal Abjad und Ras al-Ain, was allerdings nicht einen kompletten US-Abzug
       aus Nordostsyrien bedeutet, sondern vor allem als grünes Licht gewertet
       wurde für einen Einmarsch der türkischen Armee in das von Kurden
       kontrollierte Gebiet. Die USA stehen den Plänen Erdoğans skeptisch
       gegenüber, jedoch machten sie klar, dass sie weder die Kurden beschützen
       noch eine türkische Offensive unterstützen werden.
       
       ## Die Kurden
       
       Gegen eine Offensive der türkischen Armee hätten die syrischen Kurden kaum
       eine Chance, auch wenn die Selbstverwaltung mit den SDF über eine
       schlagkräftige Truppe verfügt. Für sie steht das gesamte kurdische
       State-Building-Projekt in Syrien auf dem Spiel. Dementsprechend kämpferisch
       gibt sich SDF-Sprecher Mustapha Bali: Man werde „nicht zögern, jeden
       Angriff von türkischer Seite in einen umfassenden Krieg entlang der Grenze
       zu verwandeln, um uns und unser Volk zu verteidigen“.
       
       Die YPG-Miliz, die wichtigste Einheit des SDF-Bündnisses, war maßgeblich am
       Kampf gegen den IS beteiligt, der seit März als besiegt gilt. Die YPG
       fungierte dabei als Bodentruppe der US-geführten Militärkoalition gegen die
       Dschihadisten. Die kurdische Führung fühlt sich nun verraten von den USA.
       Trump hat deutlich gemacht, dass das Schicksal seiner ehemaligen
       Verbündeten für ihn keine Priorität hat. Die Kurden seien zum Teil
       „natürliche Feinde“ der Türkei, sagte er am Montag. Gleichzeitig warnte ein
       US-Regierungsvertreter die Türkei allerdings vor einem „Massaker“ an den
       Kurden.
       
       ## Russland
       
       Erstaunlich wenig Kritik an den türkischen Einmarschplänen kommt aus
       Moskau. Aus dem Kreml hieß es am Montag, die Türkei habe ein Recht auf
       Selbstverteidigung, gleichzeitig sagte ein Sprecher, dass Syriens
       territoriale Integrität gewahrt bleiben müsse. Die russische Regierung hat
       das Assad-Regime bei der Rückeroberung der von Rebellen gehaltenen Gebiete
       seit 2015 militärisch stark unterstützt.
       
       Seit April nun stoßen russische und syrische Truppen in die Provinz Idlib
       vor, die noch immer von Anti-Assad-Rebellen gehalten wird. Allerdings ist
       die Türkei mit eigenem Militär sowie mit verbündeten protürkischen Milizen
       in Idlib präsent. Beobachter mutmaßen, dass es zu einem Deal kommen
       könnte: Während die Türkei gegen die Kurden östlich des Euphrats vorgeht,
       zeigt sie sich zu einem Rückzug aus Idlib bereit. Das würde Moskau und
       Damaskus ermöglichen, die Provinz vollständig zurückzuerobern.
       
       ## Das Assad-Regime
       
       Seit Beginn des Syrienkrieges 2011 hat sich die Regierung in Damaskus aus
       dem großen, vergleichsweise dünn besiedelten Gebiet östlich des Euphrats
       zurückgezogen. Das ermöglichte den Kurden, dort weitgehend autonom den
       Aufbau eigener politischer Strukturen voranzutreiben. Doch von seinem Ziel,
       das gesamte syrische Staatsgebiet wieder unter Kontrolle zu bringen, hat
       das Assad-Regime nie abgelassen. Obwohl der angekündigte türkische
       Einmarsch in Nordsyrien die Kurden deutlich schwächen würde, verurteilte
       die syrische Regierung die Pläne.
       
       Vizeaußenminister Faisal Mekdad sagte der Zeitung al-Watan, sein Land werde
       keine „Besetzung syrischen Bodens“ akzeptieren. Die Kurden rief er auf,
       sich mit der Assad-Regierung zu versöhnen. Verhandlungen zwischen Damaskus
       und der kurdischen Führung über eine politische Lösung waren im vergangenen
       Jahr ergebnislos zu Ende gegangen. Hauptstreitpunkte: der angestrebte
       Autonomiestatus der Kurden und die Zukunft der kurdischen Milizen.
       
       8 Oct 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vorwuerfe-gegen-Donald-Trump/!5632173
 (DIR) [2] /Geplanter-Einmarsch-in-Syrien/!5628477
 (DIR) [3] /Rebellenprovinz-Idlib/!5620041
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jannis Hagmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kurden
 (DIR) Recep Tayyip Erdoğan
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) Baschar al-Assad
 (DIR) Türkei
 (DIR) Türkei
 (DIR) Türkei
 (DIR) Recep Tayyip Erdoğan
 (DIR) Schwerpunkt Syrische Demokratische Kräfte (SDF)
 (DIR) Türkei
 (DIR) Türkei
 (DIR) Türkei
 (DIR) Türkei
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Türkischer Einmarsch in Syrien: Kurden fehlen strategische Freunde
       
       Mit dem Einmarsch ändert sich das Kräfteverhältnis in Syrien. Vermutlich
       wird nun das kurdische Autonomiegebiet vereinnahmt.
       
 (DIR) Türkische Offensive in Nordsyrien: Ein Hilferuf und viele Folgen
       
       Mit Unterstützung der syrischen Kurden sind Truppen des Assad-Regimes in
       die Grenzregion zur Türkei zurückgekehrt. Wem hilft das?
       
 (DIR) Luft- und Bodenoffensive der Türkei: Dutzende Tote bei Syrien-Invasion
       
       Nach Kampfjets sind auch türkische Bodentruppen auf syrisches Territorium
       vorgedrungen. Tausende Zivilisten sind auf der Flucht.
       
 (DIR) Erdoğans Einmarsch in Nordsyrien: Die Welt darf nicht zuschauen
       
       Erdoğan führt Krieg gegen die Kurden – und die westliche Welt lässt ihn
       gewähren und beliefert ihn mit Kriegsgerät. Das muss sofort aufhören.
       
 (DIR) Kurdengebiet in Nordsyrien: Türkei startet Militäroffensive
       
       Der türkische Präsident Erdoğan schickt Truppen nach Nordsyrien. Syrische
       Nachrichten bestätigen einen Einmarsch im Grenzort Ras al-Ain.
       
 (DIR) Türkei-Pläne für Nordsyrien-Offensive: Erdoğans verhängnisvolle Obsession
       
       Der türkische Präsident Erdoğan lässt seine Armee für einen Einsatz in
       Nordsyrien auffahren. Er riskiert ein Gemetzel und internationale
       Isolation.
       
 (DIR) Vorwürfe gegen Donald Trump: „Dolchstoß in Rücken der Kurden“
       
       Der von US-Präsident Donald Trump angeordnete Rückzug des US-Militärs aus
       Nordostsyrien stößt auch bei Trump-Unterstützern auf massive Kritik.
       
 (DIR) Geplanter Einmarsch in Syrien: Weg frei für türkische Truppen
       
       Die Türkei plant eine Militäroffensive gegen Kurden in Nordsyrien. Zunächst
       geht es offenbar um ein Gebiet, in dem auch viele Araber leben.
       
 (DIR) Rebellenprovinz Idlib: Erdoğans Eiertanz in Syrien
       
       Syrische Regierungstruppen rücken in Idlib vor. Die Offensive stellt das
       türkisch-russische Verhältnis vor eine Zerreißprobe.