# taz.de -- Drei Comic-Klassiker in Belgien: Reisen in gezeichnete Traumwelten
       
       > Hergé, Hugo Pratt, Didier Comès – drei Ausstellungen in Belgien zeigen
       > Klassiker des Comics. Sie alle waren große Erzähler und Zeichner.
       
 (IMG) Bild: In der Hugo Pratt-Ausstellung ist auch sein Aquarell „Les Celtiques“ von 1979 zu sehen
       
       Der eine reiste um die ganze Welt, der andere blieb zeit seines Lebens
       seiner Heimatregion verbunden und porträtierte seine Umgebung auf inneren
       Erkundungen. Ein weiterer ließ einen Stellvertreter mit rotblonder
       Haartolle für sich unterwegs sein und begann selbst erst im Herbst seines
       Lebens die Welt zu bereisen.
       
       Die Rede ist von drei bedeutenden, bereits verstorbenen Comicautoren, die
       gerade in Belgien – genauer: in der französischsprachigen Region Wallonie –
       mit Ausstellungen geehrt werden. Alle drei waren sowohl große Erzähler als
       auch Zeichner, ihr Einfluss setzt sich bis heute fort. Ihre Namen: Hergé,
       Hugo Pratt und Didier Comès.
       
       Ohne Hergé – er wurde als Georges Remi 1907 in Brüssel geboren und drehte
       für seinen Künstlernamen seine Initialen um in RG, was auf [1][Französisch
       „Hergé“ ausgesprochen] wird – sähe die belgische und wohl auch die
       europäische Comicgeschichte anders aus. Als er 1929 seinen Reporter
       „Tintin“ („Tim“ auf Deutsch) erfand, hatte sich der Comic in Europa im
       Gegensatz zu den USA noch kaum durchgesetzt.
       
       In den Abenteuergeschichten um „Tim und Struppi“, die seine Helden und
       damit auch die jugendlichen Leser um die ganze Welt führten, entwickelte
       der 1983 verstorbene Zeichner mit ungeheurem Innovationswillen seine Kunst
       des Erzählens immer weiter, nahm etwa Einflüsse aus dem Film auf und
       übertrug sie in den Comic, verband Abenteuer-, Krimi-, komische und
       vereinzelt auch fantastische Elemente zu neuartigen epischen
       Bildergeschichten.
       
       Im Jubiläumsjahr des vor zehn Jahren erbauten, auch architektonisch
       Comicelemente enthaltenden „Musée Hergé“ in Louvain-la-Neuve nahe Brüssel
       wird Hergés Kunst anschaulich dokumentiert. Sein Werdegang wie auch der
       seiner berühmtesten Figur Tim – der zeitlos jugendliche Held wurde im
       Januar 90 Jahre – lassen sich anhand unzähliger Originale, Skizzen und
       Dokumente auf mehreren Stockwerken nachvollziehen. 1950, auf dem Zenit
       seines Erfolgs, schickte Hergé Tim, Struppi, Kapitän Haddock und Professor
       Bienlein bereits auf den Mond – seine akribisch genaue Darstellung dieses
       Unternehmens nahm die reale Apollo-Mission von 1969 auf verblüffende Weise
       vorweg.
       
       ## Weltläufige Comics
       
       Während Hergés Comics im Laufe der Jahrzehnte immer realistischer wurden,
       führten die weltläufigen Comics des Italieners Hugo Pratt auch in mythische
       und mystische Welten.
       
       Wenige Kilometer vom Hergé-Museum entfernt liegt im ländlichen La Hulpe, im
       ehemaligen Bauernhof des Schlosses, die Fondation Folon, ein dem
       surrealistischen Multi-Künstler Jean-Michel Folon (1934–2005) gewidmetes
       Museum, das von diesem selbst gestaltet wurde. Neben der (sehr
       sehenswerten) Dauerausstellung eröffnete vor kurzem eine feine Ausstellung
       über Hugo Pratt: „Les chemins du rêve – Die Wege des Traums“.
       
       Der in Rimini geborene Zeichner (1927–1995) arbeitete nach dem Krieg
       zunächst für den florierenden argentinischen Comicmarkt, bevor er, zurück
       in Europa, 1967 seine berühmteste Figur „Corto Maltese“ schuf, einen
       modernen Comichelden, der im Gegensatz zu Tim eher ein Flaneur und
       Zuschauer seiner eigenen Abenteuer ist als ein Held im klassischen Sinne.
       Seine oft epischen Abenteuer gelten als wesentliche Vorläufer der Graphic
       Novel.
       
       ## Vorliebe für Mythen und Legenden der Weltvölker
       
       Zur Eröffnung der Ausstellung war Pratts frühere Assistentin und Koloristin
       Patrizia Zanotti anwesend, die sein Erbe verwaltet und anhand der
       Bildbeispiele Pratts Philosophie erläuterte. So verweist die Schau auf
       vielfältige Facetten von Pratts Erzählungen, seine Verwurzelung in der
       angelsächsisch-amerikanischen Literatur – etwa James Fenimore Coopers Werke
       und Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“– wie auch auf seine Vorliebe für
       Mythen und Legenden der Weltvölker, die Corto etwa zu den Kelten führt oder
       ins Innere Afrikas.
       
       Und wie schon der Titel der Ausstellung nahelegt, wird das wiederkehrende
       Motiv des Traums in „Corto Maltese“ herausgestellt: oft schläft Corto ein
       und fällt in einen Traum, gleitet oder stürzt in ein schwarzes Nichts. So
       öffnen sich Räume für surreale Dialoge, etwa mit einem Leopardenmenschen
       oder einem Raben, und man erfährt so hintergründiges „Insiderwissen“ der
       Naturwesen, die realistische Ebene der Erzählung wird unterbrochen für
       philosophische Betrachtungen. Auf ästhetischer Ebene war Pratts eleganter
       Umgang mit dem Tuschepinsel ähnlich legendär und wegweisend für andere
       Künstler wie Hergés „klare Linie“.
       
       Neben schwarz-weißen Originalblättern aus allen Schaffensperioden (unter
       anderem Seiten aus „Die Südseeballade“) bilden farbige Aquarelle Pratts den
       Schwerpunkt. In ihnen wird deutlich, wie frei und mit welcher Leichtigkeit
       Pratt mit der Farbe umging, Umrisslinien wegließ und sich der Abstraktion
       annäherte.
       
       ## Hierzulande fast vergessen
       
       Der unscharfe Übergang zwischen Realität und Traum interessierte auch einen
       weiteren Zeichner, wiederum ein Belgier, der von Pratts Bildsprache
       beeinflusst war. In der Abtei von Stavelot – nahe der sumpfigen Landschaft
       des Hohen Venn und der Ardennenwälder gelegen – wird der 2013 gestorbene
       Didier Comès mit der Ausstellung „L’encrage ardennais“ („Ardenner Färbung“)
       gewürdigt. Obwohl drei seiner besten Werke in den 80er/90er Jahren auch auf
       Deutsch veröffentlicht wurden, ist er ein hierzulande fast vergessener
       Künstler.
       
       Sein Durchbruch gelang ihm 1980 mit dem 130-Seiten-Werk „Silence – Der
       Stumme“ (1982 bei Carlsen erschienen), das zunächst in Fortsetzungen im
       literarisch ambitionierten französischen Comicmagazin „(À Suivre)“
       („Fortsetzung folgt“) veröffentlicht wurde, bevor es als Album herauskam.
       Mit ihm schuf Comès, lange bevor sich Graphic Novels durchsetzten, einen
       Meilenstein des anspruchsvollen Comics, eine durchkomponierte Erzählung um
       einen Außenseiter, den „Dorftrottel“ Silence, dessen mysteriöse Herkunft
       nach und nach aufgedeckt wird. Seine Verbündete gegen die engstirnigen
       Dorfbewohner ist „die Hexe“, eine blinde Frau mit magischen Fähigkeiten.
       
       Wie die Besucher der Ausstellung sehen können, nimmt Comès in fast all
       seinen Werken Bezug auf seine Heimatregion – das Hohe Venn, die Wälder und
       urigen Dörfer – wie er auch die jüngere Geschichte darin reflektiert,
       insbesondere die Wunden des Krieges, die immer wieder aufbrechen.
       
       ## Nach dem Krieg verhasst
       
       Als Dieter Hermann Comes wurde er 1942 als Kind deutschsprachiger Belgier
       im Grenzgebiet geboren. Unter der überwiegend französischsprachigen
       Bevölkerung waren die Deutschen nach dem Krieg verhasst, weswegen er bei
       der Einschulung in Didier Comès umbenannt wurde. Zeit seines Lebens empfand
       er sich selbst als Außenseiter.
       
       Das sensibilisierte ihn zu tiefgründigen, poetischen wie düsteren
       Erzählungen in meisterhaften Schwarz-Weiß-Bildern, in denen oft uralte
       magische Rituale – keine „Fantasy“, sondern fußend auf der regionalen
       Vorgeschichte – und sprechende Tiere (ähnlich wie bei Pratt tauchen etwa
       Raben auf, die Auskunft über den vergangenen Krieg und die Toten geben)
       eine Rolle spielen. Pratt und Comès lernten sich 1980 bei „(À Suivre)“
       kennen, sie verband eine intensive Freundschaft.
       
       Im Gegensatz zum Globetrotter und darin Corto Maltese nicht unähnlichen
       [2][Hugo Pratt] reiste Comès kaum, lebte zurückgezogen in seinem Geburtsort
       Sourbrodt und konzentrierte sich auf seine an den Expressionismus
       erinnernde Kunst, für die er die Tusche wie alten Wein reifen ließ. Nur
       rund elf Bücher umfasst sein ausdrucksstarkes Werk, das in Deutschland auf
       seine Wiederentdeckung wartet. Eine Reise nach Stavelot ist es allemal
       wert.
       
       Die beeindruckenden Ausstellungen dreier sehr unterschiedlicher und doch
       verwandter Künstler heben die vielfältigen erzählerischen wie ästhetischen
       Möglichkeiten der Kunstform Comic hervor. Anhand zahlreicher Originale kann
       man den Schaffensprozess und die individuelle Philosophie dieser großen
       Künstler auf anregende Weise kennenlernen.
       
       2 Jul 2019
       
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