# taz.de -- Die Wahrheit: Kräuterhexe an Warze
       
       > Kaum hat der Mensch eine kleine Warze, entdeckt er Spiritualität und
       > Spökenkiekerei. Allerdings helfen die dunklen Künste in anderen
       > Lebenslagen.
       
 (IMG) Bild: Der Befehl zum digitalen Angriff auf Rezo und seine Spießgesellen kam von ganz oben
       
       Bislang erschöpfte sich meine Spiritualität in dem, was man halt spürt,
       wenn man zu viel getrunken hat, aber jetzt habe ich eine metaphysische Gabe
       an mir entdeckt. Denn seit Kurzem habe ich eine Warze. Und von der muss ich
       nur ganz normalen Menschen erzählen, schon lassen sie ihre Maske fallen und
       zeigen ihr wahres Ich als komplette Spinner.
       
       „Du musst sie bei Vollmond besprechen“, empfahl mir etwa eine
       Kneipenbekanntschaft, und ich lachte kurz auf. „Nee, wirklich“, sagte sie,
       „besprich sie bei Vollmond. Funktioniert. In der Woche vorher täglich
       sagen: Warze alt, Warze kalt, Warze ab.“ – „Warze alt, Warze kalt, Warze
       ab?“ – „Ja. Funktioniert super.“ „Aber … aber das reimt sich nicht. Damit
       könnte man ja nicht mal beim Poetry Slam auftreten.“
       
       Fassungslos erzählte ich einem Kumpel davon. Er schüttelte den Kopf: „Die
       spinnt. ‚Warze alt, Warze kalt, Warze ab‘, das funktioniert doch niemals,
       das ist nicht seriös. Mein Warzenbesprecher empfiehlt zu sagen: ‚Mein
       Immunsystem ist stark und bekämpft die Warzen erfolgreich und dauerhaft.‘
       Einmal täglich nach dem Aufstehen. Hat nichts mit Vollmond zu tun.“ –
       „Sondern?“, fragte ich vorsichtig, „mit dem Luftdruck?“ – „Nee, das ist
       esoterischer Unsinn.“
       
       „Nimm Thuja-Globuli“, riet eine Freundin, in die ich mal ein bisschen
       verliebt war. „Thuja-Globuli?“ – „Ja, aber vorsichtig, Thuja ist ein
       ziemlicher Hammer und kann tiefgreifende Wirkungen entfalten. Nicht mehr
       als zwei Gaben am Tag!“ – „Zwei Gaben Globuli, damit keine zu tiefgreifende
       Wirkung entfaltet wird?“ – „Exakt.“ Als sie aufs Klo ging, habe ich
       gegoogelt: Thuja-Globuli helfen auch „bei unangenehm riechenden Schweiß im
       Genitalbereich“. Aha. Wie gut, dass das damals nicht geklappt hatte mit
       uns.
       
       Allmählich nervte die Warze, und so ging ich zu meiner Hausärztin, eine
       Frau von erfrischender Robustheit. Sie verschrieb mir etwas, um die Warze
       wegzuätzen: „Passen Sie auf, das Zeug ist scharf.“ Sehr gut, das sind
       Heilverfahren nach meinem Geschmack. „Alternativ“, sagte sie dann, „können
       sie natürlich auch eine Bananenschale drauflegen oder eine Schnecke drüber
       kriechen lassen.“ Ich sah sie entsetzt an. Sie murmelte rasch: „Oh,
       ’tschuldigung. Aber in letzter Zeit tauchen hier so viele Öko-Typen auf,
       die stehen auf so was. Hilft manchen sogar. Man muss nur bescheuert genug
       sein und an den Quatsch glauben. Mir ist es gleich. Ich kann’s trotzdem
       abrechnen.“
       
       Bald darauf war die Warze verschwunden. Aber ich muss nicht traurig sein,
       ich habe eine neue Gabe an mir entdeckt. Als ich neulich auf einer
       Geburtstagsfeier war, geriet ich in ein Gespräch unter Eltern über die
       Masern-Impfpflicht. Und da geschah das spirituelle Wunder: Kaum habe ich
       den Impfgegnern in gebotener Deutlichkeit mitgeteilt, was ich von ihrer
       Meinung halte, sind sie umgehend mit einer Art Knall verschwunden. Warzen,
       das ist doch Killefitt. Ich kann Menschen besprechen!
       
       14 Jun 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
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