# taz.de -- Diese jungen Leute und die Europawahl: Weg mit der Deutungshoheit
       
       > Als Linker mit langer Paper-Credibility muss man das Rezo-Video erst mal
       > gut finden, findet Helmut Höge. Anders als konservative
       > Chefkommentatoren.
       
 (IMG) Bild: Ist Politik vielleicht doch kein Streichelzoo?
       
       Als alter Mann mit langer Paper-Credibility wurde ich gefragt, ob das
       Rezo-Video „[1][Die Zerstörung der CDU]“ nicht Ausdruck einer
       „staatstragenden Jugendrevolte“ sei? Man muß es ja als Linker erst mal gut
       finden, weil noch nie ein Vortrag eines angry young man, in dem Klartext
       geredet wird ([2][über die Klimaerwärmung] und einige ihrer Hintermänner,
       die Kriegsverbrechen der USA von [3][Ramstein] aus, [4][das
       Auseinanderklaffen der Einkommen von Armen und Reichen] und die
       Unwissenheit der deutschen Drogenbeauftragten) so viele Male angeklickt
       wurde: Fast 10 Millionen Mal bis jetzt.
       
       Dem folgte ein weiterer Clip, als „[5][Statement]“, in dem der
       aufklärerische „Youtuber“ Unterstützung von über 90 weiteren deutschen
       „Internetstars aus der Influencer-Scene“ bekam – jeweils mit ein, zwei
       eindrücklichen Sätzen, die noch mehr reinhauten, wie man so sagt, also noch
       häufiger aufgerufen wurden.
       
       Der Chefkommentator der FAZ, Jasper von Altenbockum, schätzte nach dem Hype
       des Rezo-Videos die soziale Lage hinter diesem Medienphänomen so ein:
       „Jedes Like ist ein Armutszeugnis.“ Aber beim Hype des zweiten Videos sah
       er trotz aller Intelligenzmängel doch auch das Staatsgefährdende – in den
       Zugriffszahlen – und meint nun: Nach dem kurzen Gastspiel der „Piraten“ auf
       der Oberfläche der Parlamente und Parteitage wäre die Jugendbewegung mit
       ihrer „digitalen Willensbildung“ jetzt „von außen“ da „eingebrochen“. Und
       das zusammen mit der analogen Willensbildung in der „Fridays for
       Future“-Schülerbewegung.
       
       Die „Jugendrevolte“, vor allem die 90 Influencer, die sich laut der FAZ
       „als Jugendliche von nebenan, als authentische Stimme des digitalen Volkes
       präsentieren“, wurden dann auch prompt von den alten und neuen
       Generalsekretären der CDU mit „Du“ angekumpelt. Die FAZ stellte klar:
       Dieser Eindruck hat „wenig mit der Wirklichkeit zu tun“.
       
       In Wahrheit ist Rezo ein 26-jähriger „Unternehmer“ und er habe nicht selbst
       „mehrere hundert Stunden über Armutssatistiken und Klimaberichten“
       gebrütet, sondern seine dafür bezahlten Mitarbeiter. Er beschäftige einen
       Produktionsleiter, einen Manager, einen Fanshop und werde von „Tube One“,
       einer Kölner Werbeagentur ,„betreut“, die zum „Stöer“-Konzern gehört, dem
       Marktführer für Außenwerbung.
       
       „Es war ein unternehmerisches Risiko. Würde er die Kosten eines solchen
       politischen Videos anderswo wieder erwirtschaften können?“, muss Rezo sich
       folglich laut FAZ genau überlegt haben. Aber die FAZ hat sich auch was
       überlegt: Für den Aachener Rezo sei quasi die Landesmedienanstalt
       Nordrhein-Westfalens zuständig, mit einem ganzen Arsenal an Gesetzen und
       Verordnungen, und die habe schon mal Youtuber (auf Betreiben der FAZ)
       abgemahnt, die mit „moralischen Themen Geld verdienen“ wollten. Wenn ihnen
       nachgewiesen wird, dass sie für ihren Clip bezahlt wurden, droht eine
       Geldbuße von bis zu 500.000 Euro.
       
       ## Demokratie war eine Farce
       
       Das mag man noch hinnehmen, aber es kommt noch dicker: Auch die „Nennnung
       irreführender oder falscher Statistiken ist ein solcher Verstoß“ gegen den
       Rundfunkstaatsvertrag. Laut einem anderen Staatsvertrag veröffentlicht aber
       die Agentur für Arbeit sogar regelmäßig irreführende und völlig falsche
       Arbeitslosenstatistiken. Rezo ist insofern staatstragend, als er den
       Parteienstaat bis rauf zur EU nicht infrage stellt, er will nur, dass die
       Politiker wie er selbst „im Einklang mit Logik und Wissenschaft“ stehen.
       
       Wie oft ist es aber doch vorgekommen, dass eine kleine soziale Bewegung,
       [6][zum Beispiel die der Milchbauern], in Brüssel demonstrierte und dort
       gesagt bekam: „Wir setzen nur um, was eure Regierungen beschlossen haben,“
       und wenn sie sich dann an ihre Regierungen wandten, bekamen sie zu hören:
       „Das haben die in Brüssel so beschlossen, da können wir leider nichts
       machen.“
       
       Ein demokratischer Doppelstaat quasi, man könnte und müßte jedoch noch
       etwas weiter greifen: Bis zur Einführung der „Demokratie“ in
       [7][Griechenland]. Schon drei Generationen später wußten die Athener: Die
       Demokratie, die Gleichheit aller vor dem Gesetz (isonomia), ist ohne eine
       Gleichheit des Besitzes (isomoiria) eine Farce. Hinzu kommt: Ein wirklicher
       Stop der Klimaerwärmung würde einen derartigen „Umbau“ der Gesellschaften,
       der Staaten erfordern, dass so ziemlich alle sozialen und ökonomischen
       Bereiche davon betroffen wären.
       
       Schon allein der Widerstand der FAZ gegen die zunehmende „Wirkung“ solcher
       Rezo-Videos zeigt, wie die vom Verschwinden erfasste professionelle
       Journalistik [8][sich mit allen Mitteln] selbst gegen eine Veränderung
       wehrt, die bloß ihre Deutungshoheit infrage stellt.
       
       26 May 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ
 (DIR) [2] /Klimaerwaermung-in-Berlin-Brandenburg/!5586490
 (DIR) [3] /US-Drohneneinsaetze-via-Ramstein/!5581199
 (DIR) [4] /Armutskongress-und-linke-Parteien/!5586604
 (DIR) [5] /Wahlempfehlung-von-Youtubern/!5597844
 (DIR) [6] /Die-Wahrheit/!5390294
 (DIR) [7] /Fauna-in-Griechenland/!5211917
 (DIR) [8] /Kolumne-Macht/!5594961
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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       ganz daran gewöhnt hat sich die Politik aber noch nicht. Auch die taz
       nicht.