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       > Die Pariser Ausstellung „Le modèle noir“ erzählt vom heroischen Kampf um
       > die Freiheit von Sklaven, von gemeinen Karikaturen, von exotischen und
       > liebenswürdigen Klischees
       
 (IMG) Bild: In Manets Skizzenbuch steht der Name des schwarzen Modells für das Bild „Olympia“ von 1863: Laure heißt sie
       
       Von Ulf Erdmann Ziegler 
       
       Hier kommt ein frisches Narrativ der Kunstgeschichte. Es handelt vom
       „schwarzen Modell“, und es steuert beharrlich zu auf ein gutes Ende. Da
       haben wir Josephine Baker, die ganz Paris unter Strom setzt; und Henri
       Matisse, der in New York die Harlem Renaissance bewundert und bald in ein
       Buch mit Scherenschnitten verwandelt, das er „Jazz“ betitelt. Gemessen
       daran, dass Frankreich die Sklaverei zweimal abschaffen musste, um sie
       wirklich loszuwerden, nämlich in den Kolonien, kann man nur froh sein, dass
       das gelegentliche exotische Kindermädchen über das Malermodell sich
       auswuchs zum Wunder des Entertainments, und so, dialektisch gedacht,
       sozialen Raum eroberte für einen schwarzen Alltag in Paris. Ein bisschen
       unterliegt der Ausstellung „Le modèle noir“ im berühmten Musée d’Orsay der
       ganz und gar französische Wunsch nach der Universalität von Werten. Es ist
       eine feine, klug anmoderierte Staatsausstellung im besten Sinne.
       
       Sie erzählt vom heroischen Kampf um die Freiheit von Sklaven, von
       hundsgemeinen Karikaturen, von exotischen und dabei durchaus
       liebenswürdigen Klischees, und will all das durchbrechen, um die Modelle –
       von Malern, Zeichnern, Choreografen – aus ihrer tatsächlichen oder
       vermeintlichen Anonymität zu befreien. Das aufgeklappte Honorarverzeichnis
       der Akademie vom August 1932 jedenfalls bestätigt die Bezahlung von Joseph,
       der als Malermodell Profi war und es als Frontmann auf einem sinkenden Floß
       bereits zu internationaler Sichtbarkeit gebracht hat, in einem Gemälde
       Géricaults, dessen kleine frühe Fassung hier an der Wand hängt wie gestern
       gemalt. Wobei das „Floß der Medusa“ gewiss nicht von einem Schiffsunglück
       handelt, sondern – visionär – vom Untergang des Empire.
       
       Die Idee zu dieser Ausstellung kommt übrigens von einer Doktorandin, die
       sich gewundert hatte, wieso in einem Gemälde über ein Figurenpaar, genannt
       „Olympia“, die liegende Nackte in 150 Jahren vom Skandal zur Sensation
       mutierte, während die Lady mit dem Blumenbouquet ungefähr so viel Resonanz
       fand wie das dritte Figürchen im Bilde, die schwarze Katze. Der
       marxistische Kunsthistoriker T. J. Clark glaubte noch 1999, die junge
       schwarze Frau, von der die rechte Bildhälfte lebt, sei ein „Köder“, um von
       der Nacktheit als Klassenzeichen abzulenken: Sie bedeute „nichts“. In
       Manets Skizzenbuch – die Seite liegt aufgeschlagen in einer fein
       beleuchteten Vitrine – steht sogar, wie sie heißt: „Laure“, und als Akt der
       Wiedergutmachung hat man das Gemälde für die Dauer dieser Ausstellung so
       genannt. Es gehört dem Museumskoloss am Rive Gauche und hängt genau in der
       Mitte des Parcours wie eine Zielscheibe.
       
       Das Gemälde „Laure“ zu nennen, ist hübscher Trotz, aber geht an der
       Geschichte der Modelle insofern vorbei, als es vorher ja „Olympia“ hieß
       (und wieder heißen wird) – nicht aber „Victorine“. Sie, Victorine Meurent,
       war aus der Halbwelt aufgestiegen; sie ist auch die Nackte in Manets
       „Frühstück im Freien“, das im fünften, im Stockwerk der Impressionisten zu
       finden ist. Wie übrigens Gemälde von Berthe Morisot und Eva Gonzales,
       weiteren, wichtigen Modellen Manets, die – wie Meuront – selbst Malerinnen
       waren. Insofern ist die Abwesenheit jeglicher Werke von Meurent im d’Orsay
       eine signifikante Lücke. Ihre Prominenz als Nacktmodell mag da eine Spur
       der Täuschung ausgelegt haben.
       
       Tatsächlich gab es im 19. Jahrhundert Kulturkämpfe um die Rolle der Frau,
       deren Geheimnis Manet zentral inszenierte, als gespreizte Hand einer Frau
       über ihrem Geschlecht; eine knochige Bleiche, die den Betrachter
       unverschämt anschaut. Er hat Meurent als Menetekel des bürgerlichen
       Niedergangs so überzeugend ins Bild gesetzt, dass Laure darüber vergessen
       wurde – aber nicht, weil sie schwarz, sondern weil sie anständig ist. Sie
       ist eben ein braves Dienstmädchen im Puff und keine Hure. Dass die
       Anständige zum kolonialen Komplex gehört, zeigt sich nun als weitere
       soziale Waffe in dieser stachligen piktorialen Konstruktion.
       
       Das Unrecht der Sklaverei hat die Franzosen noch umgetrieben über das Ende
       des Amerikanischen Sezessionskriegs hinaus. Jean-Léon Gérôme, 1824 geboren,
       hatte den napoleonischen Backlash noch bewusst erlebt und erinnerte fünfzig
       Jahre später daran, mit einem raffiniert auf Exotismus getrimmten
       Hochformat, das betitelt ist: „Zum Verkauf, Sklavinnen in Kairo“, die
       exakte Mischung von Dekor und Nacktheit. Allerdings ist nur die Sitzende
       mit den entblößten Brüsten schwarz; die Stehende, gänzlich nackt, ist weiß.
       Eine Studie zeigt in kleinerem Format das Profil der Schwarzen, das Modell
       so jung, dass es selbst Sklaverei nicht erlebt haben kann (aber sehr wohl
       seine Eltern); schockierend, irgendwie, wie sie den riesigen silbernen Ring
       trägt, der ihre Haut unglaublich schmückt – aber im Atelier Gefangenschaft
       symbolisieren soll.
       
       Geht man wieder zurück in die Zeit der Geburt Gérômes, 1924 – die
       dekadenteste Regierungszeit zurückgekehrter Monarchen –, findet man das
       Genregemälde eines Adligen, der den „Tod des Camoëns“ in Lissabon
       schildert, eines „Poeten und Kriegers“, mit zwei trauernden farbigen Frauen
       an seinem Totenbett. Das Bild kam irgendwie ins Museum Granet in Aix. Und
       siehe: „Die arme Negerin, Fischhändlerin, die mit ihm seinen Schmerz immer
       geteilt hatte“, taucht als sitzend schlafende Figur in einem
       Cézanne-Gemälde wieder auf, dann aber als Mann, Trauer geronnen zu
       Melancholie („Le Noir Scipion“, 1866–68), Schicksal verwandelt in
       Charakter. Soeben ist in Amerika die Sklaverei gewaltsam beendet worden.
       Genau da, bei diesem nun endlich atmendem Körper des schmalen, dunklen
       Mannes, hat Rainer Fetting angeknüpft, mit seinen Bildern von Desmond in
       New York.
       
       Von wegen New York: Die Doktorandin heißt Denise Murrell, und dort, an der
       Columbia University, entstand die Show, noch etwas steif „Posing Modernity“
       genannt, entlang Murrells Pariser Expertisen. Sie ist auch Mitautorin des
       umfassenden und detailverliebten französischen Katalogs.
       
       Bis 21. Juli, Musee D’Orsay. Der Katalog kostet 45 Euro
       
       7 Jun 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulf Erdmann Ziegler
       
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