# taz.de -- Island muss Canyon zum Schutz schließen: Island überrannt von Bieber-Fans
       
       > Nach einem Justin Bieber-Musikvideo wird ein Canyon massenweise von
       > Beliebers besucht. Die Landschaft der kleinen Insel leidet unter dem
       > Tourismus.
       
 (IMG) Bild: Die Beliebers wollen sich von nichts abhalten lassen – auch nicht von Absperrungen
       
       Fjadrárgljúfur ap | Ein großes Schild weist Autofahrer darauf hin, dass die
       Schlucht, die sie besuchen wollen, gesperrt ist. Und trotzdem lassen sie
       sich nicht abschrecken, rollen in ihren Fahrzeugen auf der schmalen
       Schotterstraße weiter auf ihr Ziel zu: den malerischen Fjadrárgljúfur,
       einen Canyon im Süden Islands. Eine Aufseherin an einer Straßensperre
       erklärt ihnen schließlich, warum niemand vorbeigelassen wird: Die
       Landschaft ist so fragil, dass sie zumindest zeitweise keinen Besuchern
       mehr ausgesetzt werden kann.
       
       Schuld daran ist sozusagen Justin Bieber, der kanadische Popstar mit einer
       weltweiten Fangemeinde. Sein 2015 veröffentlichtes magisches [1][Video
       „I'll show you“] wurde in der Schlucht gedreht, Millionen sahen es – und
       seitdem gibt es einen wahren Besucheransturm auf den einst unberührten Ort.
       Seien es Zäune, Schilder oder Parkranger: Biebers Fans wollen sich von
       nichts abhalten lassen, um auf den Spuren ihres Idols wandeln zu können.
       
       Sie reden auf Parkrangerin Hanna Jóhannsdóttir ein, die das Tor zum
       Paradies bewacht, bitten und flehen, sie doch hineinzulassen. Manche
       versuchen es gar mit Bestechung – aber nichts hilft, Jóhannsdóttir drückt
       kein Auge zu, auch nicht, als ihr kürzlich eine kostenlose Reise nach Dubai
       angeboten wurde. Aber „Essen aus dem Heimatland, aus dem die Leute kommen,
       ist die häufigste Bestechungsofferte“, schildert die Aufseherin.
       
       Dabei ist der von Bieber inspirierte Zustrom nur ein Teil eines größeren
       Problems, mit dem es Island zu tun hat: Die Insel im Nordatlantik scheint
       einfach zu spektakulär und populär zu sein, als es gut für sie ist. So
       kamen im vergangenen Jahr 2,3 Millionen Touristen im Vergleich zu gerade
       mal 600.000 vor acht Jahren. Der 20-prozentige jährliche Anstieg steht in
       keinem Verhältnis zur Infrastruktur, die nötig ist, um Islands Natur zu
       schützen – eine vulkanische Landschaft, in der sich Erde langsam formt und
       schnell erodiert.
       
       ## 12 Prozent Islands waren schon auf Bieber-Konzert
       
       Umweltminister Gudmundur Gudbrandsson hält es für „ein bisschen zu einfach,
       die ganze Lage Justin Bieber zuzuschreiben“. Aber er ruft berühmte,
       einflussreiche Besucher auf, die Folgen ihrer Handlungen zu bedenken.
       „Unüberlegtes Verhalten einer einzelnen prominenten Person kann sich
       dramatisch auf ein ganzes Gebiet auswirken, wenn Menschen in Scharen
       folgen“, sagte der Minister der Nachrichtenagentur AP.
       
       105 Millionen Menschen folgen Bieber auf Twitter, das macht ihn der
       Webseite friendorfollow.com zufolge zur Nummer drei nach der Sängerin und
       Songschreiberin Katy Perry sowie dem ehemaligen US-Präsidenten Barack
       Obama. Der Popstar hat zudem 112 Millionen Followers auf Instagram. In
       Island ist er enorm beliebt, ungefähr 12 Prozent der gesamten Bevölkerung –
       38.000 Menschen – besuchten seine zwei Konzerte in der Hauptstadt
       Reykjavik, die er ein Jahr nach Veröffentlichung des Videos gab.
       
       Weltweit haben es seit 2015 über 440 Millionen Menschen auf YouTube
       angeschaut, gesehen, wie Bieber über bemoostes Land stapft, seine Füße von
       einem Kliff baumeln lässt und im eiskalten Fluss am Grunde der Schlucht
       badet. „Zu Justin Biebers Verteidigung: Der Canyon hatte damals, als er ihn
       besuchte, keine Seilumzäunungen und designierte Pfade, die zeigten, was
       erlaubt war und was nicht“, sagt Gudbrandsson.
       
       Nach Schätzungen der isländischen Umweltbehörde haben mehr als eine Million
       Menschen seit der Video-Veröffentlichung das Gebiet besucht – und tiefe
       Spuren in der Vegetation hinterlassen. Als Konsequenz ist die Schlucht
       bislang in diesem Jahr mit Ausnahme von fünf Wochen gesperrt geblieben. Im
       Sommer dürfte sie wieder geöffnet werden, aber nur, wenn trockene
       Wetterbedingungen herrschen.
       
       ## „Game of Thrones“ wurde teilweise hier gedreht
       
       Örtliche Stellen hatten offenbar das Potenzial des Canyons als größerer
       Touristenmagnet unterschätzt – wohl, weil er relativ klein ist, im
       Vergleich zu den Schluchten, die von Islands mächtigen Gletscherflüssen
       geformt wurden. Aber dafür ist er leichter zugänglich und rascher zu
       erwandern, die Erkundung erfordert nur einen Fußmarsch von weniger als
       einem Kilometer.
       
       War zunächst Schluss mit Selfies und Drohnenaufnahmen, rückte der
       Fjadrárgljúfur zuletzt erneut ins Rampenlicht, im wahrsten Sinne des
       Wortes. [2][Die letzte Staffel der populären US-Fernsehserie „Game of
       Thrones“] enthält Szenen, die im Canyon gedreht wurden.
       
       Aber für das Heer von Bieber-Fans bedarf es keiner Krieger und Drachen aus
       der fiktiven Welt der Throne, um den Fjadrárgljúfur zu besuchen. An einem
       jüngsten nebligen Morgen entdeckte Aufseherin Jóhannsdóttir frische
       Schuhabtritte auf dem schlammigen Pfad in die Schlucht.
       
       ## „Wir sind wegen Justin Timberlake gekommen“
       
       Jemand war über Nacht über den Zaun geklettert und die Parkrangerin war
       sich sicher, dass im Laufe des Nachmittags andere folgen würden. Denn da
       musste sie ihren Posten an der Absperrung vorübergehend verlassen, um in
       einem Gemeindezentrum einen Vortrag zu halten.
       
       Und sie behielt Recht. Es dauerte keine 30 Minuten, da begannen Besucher
       die Zäune und Zeichen zu ignorieren. „Wir sind wegen Justin Timberlake
       gekommen“, sagte Michail Samarin, ein Tourist aus Russland, der dann rasch
       von zwei Begleiterinnen korrigiert wurde, dass es sich um Justin Bieber
       handele.
       
       Eine von ihnen, Elena Maltesewa, geriet geradezu ins Schwärmen über das
       Video des Popstars. „Es war so umwerfend. Danach fanden wir es notwendig,
       hierhin zu kommen.“
       
       21 May 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=PfGaX8G0f2E
 (DIR) [2] /Kommentar-Game-of-Thrones-Finale/!5595908
       
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