# taz.de -- Kommentar Brand in Notre-Dame: Schichten aus Sehnsucht
       
       > In der Kathedrale als Symbol verdichten sich Sehnsüchte. Auch deshalb
       > darf man ergriffen sein von den Bildern von Notre-Dame in Flammen.
       
 (IMG) Bild: Vom Feuer verwüstet: Kathedrale Notre-Dame
       
       Kathedralen sind Fundamente der Ewigkeit. Deshalb schockiert es, wenn sie,
       [1][wie jetzt Notre-Dame, brennen]. Dabei ist es weniger ihre konkrete
       Erscheinung, die ewig ist, denn welche Kathedrale tritt uns heute noch in
       ihrer ursprünglichen Gestalt gegenüber. Und wo überhaupt liegt der Ursprung
       von Gebäuden, die über mehrere Jahrzehnte, gar über mehrere Jahrhunderte
       gebaut, verändert und auch immer wieder neu errichtet wurden? Ewig ist nur
       die Idee der Kathedrale selbst. Ewig ist sie als ein Raum, der der
       Zeitlichkeit enthoben ist. Unabhängig von den Zeitläufen, von jedem
       Zufälligen, Beliebigen oder Wirklichen, dem Leben selbst.
       
       Deshalb hat man immer wieder versucht, diese Orte der Ewigkeit in eine
       politische Raum-Zeit hineinzubringen, die Macht, die sie repräsentieren,
       zu brechen und sich ihrer zu bemächtigen.
       
       Aus der [2][großen Notre-Dame] sollte während der Französischen Revolution
       ein „Tempel der Vernunft und der Freiheit“ werden und an jedem zehnten Tag
       des neuen Revolutionskalenders das Fest der Vernunft begangen werden. Denn
       die Vernunft, aber eben auch die Feste und sogar die Märkte, sie erheben
       Einspruch gegen das Ewige.
       
       ## Metapher für die Unvernunft
       
       Doch das Profane verheißt nicht nur Freiheit, was auch dem französischen
       Schriftsteller Émile Zola deutlich vor Augen stand, der das erste Warenhaus
       der Geschichte, Le Bon Marché in Paris, im 19. Jahrhundert nicht zufällig
       als „Kathedrale des neuzeitlichen Handels“ beschrieb und die Kathedrale als
       Metapher für die Unvernunft setzte.
       
       Ganz anders als die ihm vorausgehenden Romantiker, denen die gotischen
       Kathedralen als Symbol einer verloren gegangenen einheitlichen Welt galten.
       Mehr Ideal als tatsächliche Welt also – das ist vielleicht die beste
       Zusammenfassung für die Wünsche und Sehnsüchte, die sich in der Kathedrale
       als Symbol verdichten. Sie ist eine Art Supermetapher, was sich auch darin
       zeigt, dass, wenn in Frankreich von einer „Kathedrale der Liebe“ oder einer
       „Kathedrale der Poesie“ die Rede ist, von etwas gesprochen werden soll, das
       dem Gewöhnlichen enthoben ist.
       
       Die Supermetapher ist eine französische Begabung, dort und nicht etwa in
       Deutschland spricht man von der „Kathedrale Europa“. Aber: Man muss die
       Dinge erden, um sie in den Griff zu kriegen. Und so muss man sehen, auch
       der Mittelpunkt Frankreichs, die so unfassbar schöne Notre-Dame, besteht
       nur aus Schichten, die ihr hinzugefügt wurden. Es gibt sie nicht als
       authentische.
       
       Man darf ergriffen sein von den Bildern, die sie in Flammen zeigen, das ja.
       Aber weniger deshalb, weil sie eine Idee verkörpert, sondern weil es ihre
       Glocken waren, die läuteten, als Paris von den Nazis befreit wurde. Zum
       Beispiel.
       
       16 Apr 2019
       
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 (DIR) Tania Martini
       
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