# taz.de -- Zeitgeschichtliches Forum Leipzig: Klüngel, Kirche, Karneval
       
       > Mit Blasmusik und Kleingärtnern: In Leipzig setzt sich eine Ausstellung
       > mit der Liebe zum Verein und der Sehnsucht nach Geselligkeit auseinander.
       
 (IMG) Bild: Bild des Karnevalsvereins „Die Roten Funken“ in der Ausstellung „Mein Verein“ in Bonn 2017
       
       „Der heutige Mensch ist ja unzweifelhaft neben vielem anderen ein
       Vereinsmensch“, steht in großen Lettern an der Wand der Ausstellung „Mein
       Verein“. Doch ist das Zitat von Max Weber nicht ganz vollständig. Der Satz
       aus dem Jahr 1910 geht so weiter: „in einem fürchterlichen nie geahnten
       Maße“. Und wie sieht dieses Maß des Vereinsmenschen in Deutschland heute
       aus – immer noch so fürchterlich?
       
       600.000 Vereine gibt es in Deutschland, fast jeder zweite Deutsche ist in
       einem davon Mitglied. Wie unterschiedlich sich diese Vereine gestalten,
       lässt sich aus der Geräuschkulisse in den knapp bemessenen
       Ausstellungsräumen im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig erahnen. In der
       einen Ecke diskutiert Loriot darüber, wie sich die Themen „Frau“ und
       „Umwelt“ mit dem „Karnevalsgedanken“ gleichberechtigt im Vereinsnamen
       verknüpfen lassen. Aus der anderen Ecke ertönt Blasmusik vom Schützenfest,
       aus der dritten Stadiongesänge von Fußballfans.
       
       „Geselligkeit und Gemeinschaft“, ein Überthema der Ausstellung, beschreibt
       die größte Motivation für die Organisation im Verein. Dass diese
       Gemeinschaft vor allem bei Schützen- und anderen Vereinen, die sich als
       Traditionsbewahrer heimatlichen Brauchtums verstehen, auch ausschließend
       wirken kann, schneidet die Ausstellung nur kurz an, in dem sie halb
       versteckt zwei Beispiele erzählt: Der schwule Schützenkönig Dirk Winter
       will 2011 als Königin seinen Partner mit auf den Thron nehmen, aber darf
       nicht – das widerspräche den christlichen Grundregeln des Vereins, hieß es.
       
       ## Kein muslimischer Schützenkönig
       
       Und als 2014 der türkischstämmige Muslim Mithat Gedik in Werl-Sönnern
       Schützenkönig wird, will ihn der Dachverband zum Abdanken bewegen, da er
       kein Christ ist. Erst zweieinhalb Jahre später wurde nach einem Sturm der
       Entrüstung die Satzung geändert. Sowohl Kirchenvertreter als auch
       politische Amtsträger wie Bürgermeister sind gerade in Schützenvereinen
       stark eingebunden.
       
       „Kölsch, Kirche, Karneval, Klüngel“ sind die vier Ks der Kölner
       Karnevalsvereine. Obwohl Vereine wie „Die Roten Funken“ gegründet wurden,
       um sich anarchisch über militärischen Drill und staatliche Ordnung lustig
       zu machen, sind viele Karnevalsvereine längst geeignete Orte, um sich mit
       Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu vernetzen.
       
       Das größte Gemeinschaftsgefühl vermitteln Fußballvereine. „Schalke 04 ist
       unsere Religion“, sagt ein Fan im Ausstellungsfilm. Es gibt Mitglieder, die
       im blau-weißen Trikot getauft und unter einem Schalke-Grabstein beerdigt
       werden. Der von Bergleuten gegründete Verein ist heute der größte Klub der
       Bundesliga, der seine Vereinsstruktur erfolgreich verteidigt. Dass gerade
       Leipzig einen Bundesligaverein hat, in dem die Fans keine Mitglieder werden
       dürfen und der zum Symbol der Kommerzialisierung des Sports geworden ist,
       wird in der Ausstellung nur in einem Halbsatz angedeutet.
       
       ## Die SED und die Kleingärten
       
       Etwas ausführlicher wird der Unterschied zwischen DDR und BRD beleuchtet –
       anhand von Kleingärten. In der DDR sollten von der SED gelenkte
       Massenorganisationen das Gemeinschaftsgefühl stärken, selbst organisierte
       Vereine sollte es nicht geben. Den Kleingärtnern begegnet die SED anfangs
       mit Misstrauen, da sie Individualismus und Kleinbürgerlichkeit darstellten.
       
       Doch dann vereinnahmte sie die Kleingärtner, indem sie eine zentrale Rolle
       der Lebensmittelproduktion übernehmen sollten. Der staatliche Verband
       fordert 1970, dass auf 100 Quadratmetern Gartenfläche mehr als 100
       Kilogramm Obst und Gemüse zu ernten seien. Von dieser staatlich
       angeordneten Versorgung sind die bei jungen Großstädtern inzwischen wieder
       hippen Kleingärten heute weit entfernt.
       
       Neben Geselligkeit haben Vereine auch die Funktion des sozialen
       Engagements. Projektbezogene Fördervereine werden immer mehr. Welche
       gesellschaftlichen Aufgaben ehrenamtliche Vereine übernehmen können und
       sollen, lässt sich am Beispiel der Tafeln absehen. Etwa 60.000 Menschen
       sind dort ehrenamtlich tätig, um Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen.
       Doch wäre die Daseinsvorsorge nicht Aufgabe des Staates, der sich hier auf
       dem Einsatz der Bürger ausruhe, anstatt Armut wirkungsvoller zu bekämpfen,
       fragen die Kritiker.
       
       Aktuelle Fragen wie der nach der Gemeinnützigkeit von politisch agierenden
       Vereinen – wie Attac, dem diese nun entzogen wurde – werden in der
       Ausstellung nicht gestellt. Stattdessen ist in einer Videomontage zu sehen,
       wie sehr der Staat auf Engagement seiner Bürger setzt: Jeder
       Bundespräsident der letzten Jahrzehnte dankte in seiner Neujahrsansprache
       den Ehrenamtlichen. Das sah auch schon Max Weber: Dass die Herrschenden den
       Vereinsmenschen lieben.
       
       2 Apr 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Juliane Streich
       
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