# taz.de -- Sigmar Gabriel in Nordkorea: Ein Weltpolitiker aus Goslar
       
       > Sigmar Gabriels Reise nach Nordkorea erregt viel Aufsehen – und
       > Misstrauen in der SPD. Plant der Ex-Außenminister ein Comeback?
       
 (IMG) Bild: In der Welt zu Hause: Sigmar Gabriel, Abgeordneter im Wahlkreis 49 Salzgitter-Wolfenbüttel
       
       Berlin taz | Jetzt also Nordkorea. Amerikas Präsident war schon dort, da
       wird es höchste Zeit, dass auch Sigmar Gabriel aus Goslar mal vorbeischaut.
       Die Lage sondieren, Gespräche führen oder, wie es der ehemalige
       SPD-Vorsitzende ausdrückt: „Nachdem Donald Trump sich zweimal mit dem
       Diktator dort getroffen hat, finde ich, kann man mal gucken.“
       
       Eigentlich war Gabriel ja weg. Kein Parteichef mehr, kein Ministeramt, nur
       noch einfacher Abgeordneter für den Wahlkreis Wolfenbüttel, Salzgitter und
       Vorharz. Mehr Zeit für die Töchter. Aber Gabriel erweckt nicht den
       Eindruck, sich mit Grillfesten der örtlichen SPD zufriedenzugeben. Das
       Bundestagsmandat, eigentlich ein Job, der auch das Wochenende füllt, ist
       für einen Weltpolitiker wie ihn zu eng. In der SPD beäugen sie den
       Aktionismus des 59-Jährigen misstrauisch: Plant er ein Comeback?
       
       Gabriel, der einen [1][Autorenvertrag bei der Holtzbrinck-Gruppe] hat,
       publiziert nahezu im Wochentakt Beiträge im Tagesspiegel oder anderswo.
       Gabriel erklärt, [2][warum Berlin und Paris Initiativen für eine
       Sicherheits- und Industriepolitik starten müssten] (5. März). Warum der
       [3][Umgang mit Diktatoren wie im Iran oder Saudi-Arabien nicht mit Moral zu
       regeln ist] (15. Februar). Oder [4][warum das Zeitalter des Eurozentrismus
       vorbei ist] (9. Februar). Was immer auf der Welt passiert, eins ist sicher:
       Gabriel hat eine Meinung dazu. Das Ende des nordkoreanischen Atomprogramms
       kann eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein.
       
       Er installiert eine Art Nebenaußenpolitik, getragen von interessierten
       Medien. SPD-Außenminister Heiko Maas muss das fürchterlich nerven, aber er
       ist professionell genug, sich das nicht anmerken zu lassen. „Das ist von
       jedem Abgeordneten selber zu entscheiden, was er tut und was er nicht tut“,
       kommentiert Maas die Nordkoreareise knapp. Dabei ist Gabriels Besuch dort
       keinesfalls so „privat“, wie er tut. Er traf immerhin den Vorsitzenden des
       außenpolitischen Ausschusses der Obersten Volksversammlung in Pjöngjang, Ri
       Su Yong – und überreichte auch ein Geschenk für Machthaber Kim Jong Un.
       Ganz staatsmännisch, nur ohne große Eskorte.
       
       ## Manche in der SPD vermuten Ambitionen
       
       Ist man Gabriel freundlich gesinnt, könnte man sagen, er habe seine Rolle
       als Elder Statesman noch nicht gefunden. Doch manche in der SPD vermuten,
       dass er Ambitionen hat, wieder ganz vorne mitzuspielen. Es ist kein
       Geheimnis, dass er in der Neuauflage der Großen Koalition gerne als
       Außenminister weitergemacht hätte. Das neue Führungsduo Andrea Nahles und
       Olaf Scholz servierte ihn im März 2018 ab, weil sie keinen Unruhestifter im
       Kabinett haben wollten.
       
       Gabriel rächt sich auf seine Weise – und macht keinen Hehl daraus, dass er
       nichts von seiner Nachfolgerin im Parteivorsitz hält. Dabei genießt er es,
       von einigen wieder als Hoffnungsträger gehandelt zu werden. Ex-Kanzler
       Gerhard Schröder empfahl seiner Partei Anfang Februar im Spiegel, stärker
       auf Gabriel zu setzen. Er sei „vielleicht der begabteste Politiker“, den
       die SPD habe. [5][Gleichzeitig brach Schröder den Stab über Nahles.] Jene
       habe „Amateurfehler“ gemacht, verfüge nicht über ökonomische Kompetenz und
       sei nicht für die Kanzlerkandidatur geeignet.
       
       [6][Statt das Urteil über seine Intimfeindin still zu genießen, legte
       Gabriel nach.] Und belegte so einmal mehr seine größte Schwäche: mangelnde
       Selbstkontrolle. Als Arbeitsminister Hubertus Heil kurz nach Schröders
       Interview sein Konzept einer Grundrente vorstellte, gratulierte Gabriel via
       Twitter. Heil bringe das Sozialministerium auf Kurs, „das noch vor zwei
       Jahren die Grundrente gemeinsam mit dem Kanzleramt verhindert hatte“.
       Sozialministerin vor zwei Jahren war: Andrea Nahles.
       
       ## Genug Gelegenheiten für Putsch gegen Nahles
       
       Im Nahles-Lager hatte man besorgt beobachtet, wie die Einschläge näher
       kamen. Aber nach Gabriels Tweet machte sich Erleichterung breit. „Das war
       too much“, sagte eine Nahles-Unterstützerin. „Diese Aktion hat Gabriel
       isoliert.“ Seine Optionen, noch einmal mitreden zu können, sind sehr
       überschaubar. Zwar ist es keine ausgemachte Sache, dass sich Nahles an der
       Spitze halten kann. Die SPD könnte bei der Europawahl am 26. Mai untergehen
       – und bei den ostdeutschen Landtagswahlen im Herbst sowieso. Gelegenheiten
       für einen Putsch gegen die wenig charismatische Chefin gibt es genug.
       
       Aber Gabriel hat sich in den sieben Jahren als SPD-Chef viele Feinde
       gemacht. Die GenossInnen litten unter seinem Zickzackkurs, seiner
       Unzuverlässigkeit und seinem mitunter brüsken Ton. Dass ihn ein
       SPD-Parteitag erneut zum Vorsitzenden wählen würde, ist kaum vorstellbar.
       Gleiches gilt für die Abgeordneten, falls es um den Fraktionsvorsitz ginge.
       
       Bleibt die Kanzlerkandidatur im Falle einer Neuwahl. Manche SPDler
       mutmaßen: Falls sich die SPD dafür entschiede, die Kandidatur über eine
       Urwahl aller Mitglieder zu entscheiden, könnte Gabriel gegen den drögen
       Scholz antreten – und sich durchsetzen. Aber selbst ein solcher Pakt mit
       der Basis wäre ein Irrsinnsprojekt. Ein SPD-Kanzlerkandidat, den nicht nur
       die komplette Parteiführung hasst, sondern auch der größte Teil der
       Fraktion? Da ist es wahrscheinlicher, dass Kim Jong Un die Reisefreiheit
       verkündet. Aber einem wie Gabriel wäre die „Ich habe keine Chance, aber ich
       nutze sie“-Strategie durchaus zuzutrauen.
       
       26 Mar 2019
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/politik/gastbeitrag-von-sigmar-gabriel-das-zeitalter-des-eurozentrismus-ist-endgueltig-vorbei/23968720.html
 (DIR) [5] /Brief-an-Altkanzler-Gerhard-Schroeder/!5567557
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