# taz.de -- Broschüre in Berlin wird eingestampft: Mehr als ein peinlicher Fehler
       
       > Fragwürdige Mittel: Eine Broschüre zum „Kulturkampf von rechts“ muss
       > wegen einer Falschbehauptung zurückgezogen werden.
       
 (IMG) Bild: Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bühnenvereins), Bianca Klose (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus) und Klaus Lederer (Kultursenator von Berlin)
       
       Dem Gorki Theater in Berlin will die AfD [1][staatliche Subventionen
       kürzen], weil es angeblich „Gesinnungs- und Propagandatheater“ mache.
       AfD-Kritiker wie der Regisseur Falk Richter erhalten anonyme Morddrohungen
       und am Deutschen Theater in Berlin wird eine Performance durch die
       rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ gestört.
       
       Rechtspopulisten und Rechtsextreme agitieren einen Raum, den sie lange kaum
       zur Kenntnis nahmen: die Hochkultur. Es ist also nur folgerichtig und
       wichtig für die Akteure der Kultur, Strategien zu entwerfen, wie mit
       Bedrohungen von rechts umzugehen ist – etwa in einer „Handreichung“ mit
       Tipps und Hilfsangeboten.
       
       Problematisch aber wird es, wenn sich eine solche Broschüre ideologisch
       derart versteigt, dass sie auch legitime konservative Ansichten und
       Weltbilder unter Rechtsruckverdacht stellt und Denk- und Toleranzräume in
       der offenen Gesellschaft einschränkt. So geschehen in der Schrift „Alles
       nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts“, vor Kurzem von der
       „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ im Deutschen Theater
       präsentiert.
       
       In ihr wird der liberal-konservative Kritiker Ulrich Greiner, ehemals
       Feuilleton-, dann Literaturchef der Zeit, als warnendes Beispiel für den
       „Kulturkampf von rechts“ gebrandmarkt. Greiner hatte 2013 gegen eine
       nachträgliche Korrektur von Namen und Begriffen in historischen
       Kinderbüchern argumentiert, die heute als rassistisch gelten. Fünf Jahre
       später, so die Autoren, habe Greiner die migrationsfeindliche „Erklärung
       2018“ unterzeichnet, die unter anderem Uwe Tellkamp gestartet hatte. Der
       „Fall“ Greiner zeige exemplarisch, „worum es scheinbar harmlosen Fragen und
       den berühmten ,Ängsten und Sorgen’ wirklich geht“.
       
       ## Wer Fragen stellt, ist verdächtig
       
       Doch Greiner hat die „Erklärung 2018“ nie unterschrieben. In ihrem Eifer
       haben die Autorinnen und Autoren dieser Kampfschrift vom
       Spiegel-Kolumnisten Georg Diez abgeschrieben, dessen Buch in seiner ersten
       Fassung längst nicht mehr ausgeliefert werden darf. Auf Nachfrage bestätigt
       Greiner, dass eine Unterlassungserklärung wirksam ist, die auf die
       Broschüre übertragen wurde. Auch sie darf so nicht mehr herausgegeben
       werden.
       
       Die Argumentationslinie der Verfasser zeigt, dass es um mehr geht als um
       einen peinlichen Fehler: Eine konservative Haltung in der Kinderbuchdebatte
       reicht aus, um einen Intellektuellen des „rechten Kulturkampfs“ zu
       verdächtigen – und vor allem: kritischen Nachfragen per se eine
       antidemokratische Strategie zu unterstellen.
       
       Auf den letzten Seiten der Broschüre wird zwar vom Gespräch mit Rechten
       nicht generell abgeraten, doch wird mit einem geschlossenen, uniformen
       Weltbild der politische Lagerkampf untermauert: Wer Fragen stellt, ist
       verdächtig, den „Kulturkampf von rechts“ zu unterstützen. Doch wer mit
       solcher Vehemenz auch vermeintliche Gegner der Demokratie bekämpft, sollte
       sich selbst sauberer Mittel bedienen – und nicht falsche Behauptungen und
       Verschwörungstheorien verbreiten.
       
       ## Keine Entschuldigung für die Schlamperei
       
       Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des
       Deutschen Bühnenvereins, weist im Gespräch jede Verantwortung zurück. Er
       sei nur Gastgeber bei der Präsentation der „Handreichung“ gewesen. Eine
       „Handlungsanweisung“ im Kulturkampf gegen rechts findet er „richtig“,
       inhaltlich sieht er allerdings „Differenzen“ zur Broschüre. Auch
       Kultursenator Klaus Lederer zieht sich aus der Affäre. Er sei, so sein
       Pressesprecher, gefragt worden, ein paar Worte bei der Präsentation zu
       sagen – das habe er getan, da ihm die Verteidigung der Kunstfreiheit ein
       zentrales Anliegen sei.
       
       Ob Hausherr und Kultursenator die Publikation gelesen haben, bevor sie sie
       präsentierten? Womöglich hat sich jeder darauf verlassen, die „Mobile
       Beratung“, vom Justizsenat und vom Bundesfamilienministerium jährlich mit
       über 800.000 Euro gefördert, werde schon wissen, was sie tut. Anders ist
       diese Fahrlässigkeit kaum zu erklären.
       
       Die „Mobile Beratung“ selbst gibt sich per Mail wortkarg – von einer
       Entschuldigung für die Schlamperei und die Diffamierung Greiners keine
       Spur. Dass die Autoren dazu aufrufen, auf „Falschaussagen“ und
       „Schmähkritik“ zu verzichten, muss man wohl als Lippenbekenntnis verbuchen.
       Hier wird eine gute Sache durch unsaubere Methoden diskreditiert.
       
       1 Mar 2019
       
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