# taz.de -- HIV-Epidemie in Sibirien: Ein bisschen Leben
       
       > Mindestens 1,2 Millionen Russen haben sich mit HIV infiziert, ein
       > Großteil durch Drogenkonsum. Die Regierung verharmlost.
       
 (IMG) Bild: „Neues Leben“ heißt das Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige und Alkoholiker in der Nähe von Irkutsk
       
       Irkutsk taz | Nastja sitzt auf einem Sessel in ihrer Wohnung. Auf ihrem
       Schoß die magere weiße Katze, die sie vor einigen Wochen beim Drogensuchen
       im Wald gefunden und die sie „Syna“ genannt hat, Sohn. An der Wand hängen
       Magazinausschnitte von Models mit teuren Taschen, Neujahrskarten mit
       Heiligenbildern, daneben ein Pferdekalender aus dem Jahr 2014. Im
       Eingangsbereich tropft nasse Wäsche.
       
       „Die Katze hat seit Tagen nicht mehr gegessen, Pascha. Gestern war Julia da
       und hat ihr Bratkartoffeln gemacht, aber sie wollte sie nicht. Also habe
       ich sie aufgegessen.“
       
       Sie zündet sich eine Zigarette an. „Pascha, hörst du?“
       
       Pascha, ihr Bekannter, ein schlanker Kerl mit hervorstehenden Wangenknochen
       und schiefer Nase, reagiert nicht, er sitzt vor einer Steckdose neben dem
       Fernseher und lädt sein Handy. Das braucht er, um Drogen zu bestellen.
       
       Weil sie Stigmatisierung befürchten, haben beide erst nach langem Zögern
       Reporter in ihr Leben gelassen und darum gebeten, unter anderen Namen zu
       erscheinen. Sie tragen also Spitznamen, wie sie in Russland oft benutzt
       werden.
       
       „Sollen wir 0,5 nehmen?“, fragt er und dreht sich zu ihr.
       
       „Für 1.300 Rubel? Nur 0,5? Nicht ein Gramm?“
       
       „Nein, 0,5 Gramm. Saphir. 100 Rubel Kommission. Wo sollen wir es abholen?
       Prawoberegnij, Markowij oder Kuibyschewa?“ Pascha scrollt durch die
       Nachricht mit den Instruktionen.
       
       „Irgendwo in der Nähe.“
       
       „Dann wird das bestimmt wieder irgendwo im Wald sein.“
       
       Umgerechnet 17 Euro für ein halbes Gramm Amphetamine. Drogen kaufen per
       Telegram, einer Messenger-App. In Irkutsk, der 600.000-Einwohner-Stadt im
       Südosten Russlands, ist das der sicherste Weg, an Drogen zu kommen. Über
       die App wählt man Sorte und Menge aus, dann deponiert man das Geld an einem
       angegebenen Ort und erhält wenig später die Koordinaten für ein
       „Lesezeichen“, ein Codewort für das Drogenversteck. Nicht immer ist es
       leicht zu finden, manchmal kommen sie nach Stunden Suche mit leeren Händen
       zurück – ohne Stoff und ohne Geld.
       
       Früher, sagt Nastja, da hat man es an jeder Ecke bekommen, wann man wollte
       und ohne dieses bescheuerte Versteckspiel. Seit sie 16 Jahre alt ist, ist
       Nastja drogenabhängig. Speed, Amphetamine – sie nimmt, was sie kriegen
       kann, am liebsten aber Heroin, da ist sie wie aufgedreht, freundlich und
       gesprächig und nicht so introvertiert wie bei dem anderen Zeug. Mit Heroin
       hat es angefangen, sagt sie, und mit Heroin wird es wohl auch enden.
       
       ## Leben mit HIV, ohne es zu wissen
       
       Nastja hat sich vor etwa 15 Jahren, vielleicht auch weniger, über eine
       verunreinigte Nadel beim Heroinspritzen mit HIV infiziert – so wie der
       Großteil der etwa 1,2 Millionen Menschen in Russland, die mit einer
       bestätigten HIV-Diagnose leben. Experten schätzen, dass es in Russland etwa
       genauso viele Menschen mit HIV gibt, die gar nichts davon wissen. Nastja
       ist 35 Jahre alt. Im Schnitt sterben Menschen mit HIV in Russland mit 38.
       
       Überhaupt ist die HIV-Statistik Russlands ein Zeugnis des Schreckens: Jede
       Stunde infizieren sich hier durchschnittlich 10 Menschen mit dem Virus.
       Zuletzt stieg die Zahl der Neuinfektionen um zehn bis fünfzehn Prozent.
       Damit ist Russland das Land mit den drittmeisten Neuinfektionen weltweit –
       davor liegen nur noch Südafrika und Nigeria.
       
       Der Oblast Irkutsk, ein Bezirk im Süden Sibiriens, der größer ist als
       Großbritannien, in dem aber nur knapp 2,4 Millionen Menschen leben, ist
       eine der Regionen, die am schlimmsten betroffen sind. Hier ist fast jeder
       Fünfzigste HIV-positiv. Damit liegt die Zahl deutlich über dem Grenzwert
       von einem Prozent der Bevölkerung, ab dem UNAIDS von einer Epidemie
       spricht.
       
       ## Die Welle erreicht Russland in den Neunzigern
       
       Sie ist die Folge einer Drogenwelle, die das Land in den frühen Neunzigern
       erreichte und die noch immer nicht verebbt ist. Die Sowjetunion war bereits
       Geschichte, doch von den Reformversprechen Gorbatschows war in der Stadt im
       Herzen Sibiriens nichts angekommen. Glasnost und Perestroika blieben leere
       Begriffshülsen. Stattdessen herrschten Armut und Arbeitslosigkeit. Banditen
       kontrollierten die Straßen – und die Grenzen. Aus Afghanistan, über
       Tadschikistan schwemmte zunächst Opium, später Heroin nach Irkutsk, von wo
       aus es weiter Richtung Westen verladen wurde.
       
       Aber viel davon blieb hier hängen. In Irkutsk wurden ganze Straßenzüge zu
       Drogenvierteln. Die Regierung versuchte zunächst das Problem in den Griff
       zu bekommen, indem sie den Verkauf von Nadeln unter Strafe stellte.
       Daraufhin explodierte die Zahl der HIV-Infektionen. Sie sprang von 23 im
       Jahr 1998 auf über 3000 im Folgejahr. Ein Jahr später waren es sogar über
       4500 Neuansteckungen. Die lokalen Behörden riefen den Notstand aus.
       
       Als Nastja sich angesteckt hat, irgendwann Anfang der Nullerjahre, ganz
       genau sagen kann sie es nicht, sanken die Zahlen dank dem Einsatz
       ausländischer Hilfsorganisationen gerade wieder etwas. Durch Zufall wurde
       das Virus bei ihr während eines Krankenhausaufenthalts diagnostiziert. Sie
       hatte bereits Hepatitis B und C und war eigentlich wegen einer
       Lungenentzündung in Behandlung. Dass sie auch noch mit HIV infiziert war,
       war für sie dann keine Überraschung. „Damals haben wir alle gemeinsam
       gestochen“, sagt sie. „Niemanden hat es interessiert, ob die Nadel benutzt
       war oder nicht.“
       
       Sie blickt durch das Fenster ihrer Wohnung, die in einem heruntergekommenen
       Backsteingebäude nicht weit vom Stadtzentrum liegt, hinaus in den grauen
       Himmel und lässt die Rubel-Scheine durch die Hände gleiten, als wolle sie
       sich von ihnen verabschieden. Regentropfen prasseln auf ein Wellblechdach.
       Dreckswetter, sagt Nastja, und zündet sich wieder eine Zigarette an.
       
       ## Der erwartete Tod verstärkt den Konsum
       
       Paschas Blick weicht noch immer nicht von seinem Handydisplay. „Was? Er hat
       mich geblockt?“ Plötzlich verzieht sich seine Miene, seine Stimme wird
       lauter. „Nastja, hörst du mich? Er hat einfach meine Nummer blockiert!“
       
       „Was? Warum?“ Nastja wendet sich Pascha zu, ihre wässrigen Augen wirken
       abwesend, als wäre sie weit weg mit ihren Gedanken.
       
       Pascha zögert einen Moment und sagt dann: „Die Bullen haben ihn gestern
       geholt. Wir müssen Juri anrufen.“
       
       „Immer gibt es irgendein Scheißproblem!“ Nastja bricht in einen
       Hustenanfall aus und greift nach ihrem Handy. „Dann holen wir halt Heroin.
       Ich rufe ihn an.“
       
       Wie viele bestärkte die Diagnose Nastja nur darin, so weiterzumachen wie
       bisher. Sterben würde sie sowieso, ob in zwei oder fünf Jahren. Mit der
       Droge im Blut wich die Angst vor dem Tod. Bis zu dreimal am Tag spritze sie
       sich Heroin. Ihr bisschen Leben spielte sich zwischen einem und dem
       nächsten Schuss ab, sagt sie. Bis sie irgendwann nur noch 38 Kilogramm wog,
       Knochen und Haut war, und über eine halbe Stunde brauchte, um in ihre
       Wohnung im ersten Stock zu kommen, „Ich dachte, das sei mein Ende“, sagt
       sie.
       
       Eine Drogentote mehr, eine HIV-Kranke weniger. Es hätte wohl kaum jemanden
       überrascht. Jeden Tag sterben in Russland durchschnittlich 87 Menschen an
       den Folgen der Krankheit. Weniger als die Hälfte aller Menschen mit einer
       Diagnose wird behandelt. Es fehlt an Geld, an einer Strategie, aber vor
       allem an politischem Willen. Die Regierung versucht das Ausmaß des Problems
       zu vertuschen und HIV als Krankheit von Drogenabhängigen und Homosexuellen
       darzustellen, obwohl das Virus inzwischen vor allem durch Kontakt zwischen
       heterosexuellen Partnern verbreitet wird. So fördert sie die
       Stigmatisierung von Menschen mit HIV.
       
       ## Die erste Begegnung mit Gott
       
       Längst ist HIV Teil eines Informationskriegs um die Deutungshoheit im Land;
       eines Kriegs, der sich vor allem gegen den Westen und seine
       Präventionsstrategie richtet. Methoden wie Metadonersatztherapien oder
       Spritzenaustauschprogramme haben sich im Kampf gegen HIV weltweit bewährt.
       Doch die russische Regierung lehnt die Förderung solcher Programme ab.
       Gesetze wie jenes über das Verbot von „Propaganda nicht-traditioneller
       sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“ machen eine funktionierende
       Aufklärung nahezu unmöglich.
       
       An öffentlichen Orten in Irkutsk gibt es so gut wie keine Informationen zu
       HIV-Prävention oder Werbung für Kondome. Das liegt auch an der immer
       stärker werdenden Rolle der orthodoxen Kirche, die den Staat in seiner
       Propagierung „traditioneller familiärer Werte“ unterstützt.
       
       Der Mangel an Informationen führt dazu, dass Verschwörungstheorien zu HIV
       in Russland weit verbreitet sind. Im April letzten Jahres machte eine
       Nachricht aus Irkutsk international Schlagzeilen. Ein Baby mit HIV starb,
       weil seine Mutter das Virus für einen Mythos hielt und eine Behandlung
       verweigerte. Aber auch unter Wissenschaftlern findet man solche Stimmen.
       Einer der bekanntesten HIV-Leugner, der Pathologe Vladimir Agejew,
       bezeichnete das Virus als „ungeheuerliche medizinische Mystifizierung“. Er
       lehrt an der Medizinfakultät in Irkutsk.
       
       Am Nachmittag, als sich die Septembersonne mit letzter Kraft über die
       Pinienwälder Sibiriens legt und das Ende des Sommers einläutet, sitzt
       Andrei Chairow in Daunenjacke am Steuer seines Toyotas und fährt dorthin,
       wo er Gott zum ersten Mal begegnet ist. Vor ihm zieht sich die Straße
       schnurgerade durch die sattgrüne Landschaft. An seiner rechten Hand funkelt
       ein Ring in demselben Blau wie seine Augen. Der 43-Jährige blinzelt
       zufrieden.
       
       Etwa 60 Kilometer nordwestlich von Irkutsk biegt Andrei rechts auf einen
       Schotterweg ab. „Tschebogory“ steht auf einem kleinen Schild. Nach ein paar
       Minuten erreicht er eine Lichtung umgeben von Wald, man sieht die ersten
       Holzhäuser mit bunt verzierten Giebeln. In den Gärten liegen Kürbisse und
       Kartoffeln. Vor einem neuen, zweistöckigen Haus, macht er Halt. Ein älterer
       Mann mit zahnlosen Lächeln kommt auf Andrei zugelaufen. „Andruscha, da bist
       du ja.“ Die beiden umarmen sich.
       
       ## Der Staat gibt kein Geld, aber die Kirche
       
       Dieser idyllische Ort, der an eine Kommune erinnert, ist ein
       Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige und Alkoholiker der
       protestantischen Stiftung „Neues Leben“. Andrei ist einer der
       Verantwortlichen.
       
       Hühner und Gänse laufen über den Rasen. Vor dem Haus stapeln sich
       Baumstämme, Material für die zweite Etage. Andrei hofft, dass sie noch vor
       dem nahenden Winter fertig wird. Im Erdgeschoss wird gerade der Tisch für
       das Mittagessen gedeckt. Es riecht nach frischem Kiefernholz. Am Eingang
       hängt ein Bild, darunter die Aufschrift: Gott segnet.
       
       Im Moment leben hier etwa 30 Menschen mit Drogenvergangenheit, die meisten
       von ihnen HIV-positiv. Sie kümmern sich um die Tiere, erledigen Aufgaben im
       Dorf, kochen und beten gemeinsam. Der Glaube ist ein wichtiger Bestandteil,
       doch es ist jedem selbst überlassen wie er ihn praktiziert. „Vielen tut es
       gut, raus aus der Stadt zu sein. Weit weg von allen Versuchungen“, sagt
       Andrei. Der Aufenthalt ist kostenlos und wird von der protestantischen
       Gemeinde finanziert. Wer kann, der spendet. Vom Staat gibt es kein Geld.
       „Die denken, wir wären eine Sekte“, sagt Andrei.
       
       Er steht inmitten des Esszimmers, einem hell erleuchteten Raum, umringt von
       Frauen und Männern, die gerade ihren Entzug begonnen haben. Aus den
       Lautsprechern dröhnt russische Popmusik. Andrei reicht einem Mann auf einer
       Leiter einen Schraubenzieher und gibt ihm einige Anweisungen. Man spürt,
       wie die Bewohner Andreis Nähe suchen. Für sie ist er eine Art Vaterfigur
       und ein Vorbild. „Ich versuche den Menschen Hoffnung zu geben“, sagt er.
       “Ich will ihnen zeigen, dass, es einen Ausweg gibt, dass es ein Leben
       abseits von Drogen und Kriminalität gibt und, dass sie mit Gott alt werden
       können.“
       
       ## Im Kampf gegen die Sucht hilft der Glaube
       
       Als Andrei 2005 zum ersten Mal zum Zentrum „Neues Leben“ kam, da hatte Gott
       ihn gerade vor dem Tod bewahrt – aber das ahnte er damals noch nicht, denn
       er kannte keinen Gott. Woher auch? Sein Leben war ein nicht enden wollender
       Kreis aus Drogen, Kriminalität und Gefängnisaufenthalten. In die Kirche
       ging er nur, um seine Verbrechen zu beichten oder sie sich vorher vom
       Priester zu legitimieren zu lassen. Das einzige, an was er glaubte, war
       sein Tod. Und um diesen zu beschleunigen, hatte er sich eine Überdosis
       Heroin gespritzt. „Ich habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen“, sagt er
       heute.
       
       In den frühen Neunzigern hatte er mit dem Saufen angefangen, schnell kam
       Heroin dazu. Um seine Sucht zu finanzieren, wurde er kriminell. Als er das
       erste Mal eingebuchtet wird, Mitte der Neunziger, sagt er sich: Ich
       versuche es nochmal mit einem „normalen Leben“, sollte heißen: Ein Leben
       ohne Drogen und Kriminalität. Nach vier Jahren kommt er frei, er findet
       eine Frau, geht eine Beziehung ein, denkt sogar über Kinder nach. Aber
       schon nach einem Jahr kehrt zu seinem früheren Leben zurück. „Der einzige
       Sinn in meinem Leben waren Drogen“, sagt Andrei.
       
       Sein Versuch, diesem Leben ein Ende zu setzen, scheitert jedoch. Andrei
       überlebt die Überdosis. Ein paar Wochen später hört sein Vater im Bus, wie
       zwei Passagiere über ein protestantisches Rehabilitationszentrum für
       Drogenabhängige sprechen. Er organisiert einen Platz für seinen Sohn. Es
       ist seine letzte Hoffnung, dass Andrei von den Drogen loskommt.
       
       Sechs Monate bleibt Andrei clean. Er beginnt an Gott zu glauben, liest die
       Bibel und betet. Er ist unter seinesgleichen und fühlt sich nicht mehr
       allein mit seinen Problemen. Doch kaum ist er raus, zurück in der Stadt,
       setzt er sich den ersten Schuss.
       
       ## Stigmatisierung statt Hilfe
       
       Nach zwei weiteren Jahren Drogenrausch und Kriminalität verschlechterte
       sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Andrei versucht es ein zweites Mal
       mit einem Entzug. Diesmal findet er Gott, wie er sagt, hat plötzlich ein
       Ziel vor Augen. Der Glaube gibt ihm Halt. Andrei will etwas zurückgeben.
       Nach seinem Entzug beginnt er sich für die Gemeinde zu engagieren. Als
       Kaplan besucht er Häftlinge, er arbeitet als Freiwilliger am Aids-Zentrum
       und kümmert sich um den Ausbau des Rehabilitationszentrums in Tschegobory.
       Inzwischen ist er verheiratet und hat zwei Kinder.
       
       Er sagt: „Gott hat es so gewollt.“
       
       Doch Glaube allein reicht nicht, das weiß auch Andrei. Deswegen versucht er
       die Bewohner, die HIV haben, zu einer Therapie am Aids-Zentrum zu
       überreden. Aber nur die wenigsten entscheiden sich schon während des
       Aufenthalts für eine Therapie. Den meisten Drogenabhängigen fehle der Mut
       und die Disziplin, sich am Aids-Zentrum zu registrieren, sagt Andrei.
       Andere glauben nicht an Besserung durch eine Behandlung. „Es gibt kaum
       Vertrauen in die medizinische Versorgung im Land.“
       
       Erst seit 2006 gibt es in Russland ein staatliches Programm für
       antiretrovirale Therapie, die die Viruslast von Menschen mit HIV auf null
       reduzieren kann. Letztes Jahr erhöhte das Gesundheitsministerium zwar das
       Budget für HIV-Medikamente. Doch von dem UNAIDS-Konzept 90-90-90, das
       vorsieht, dass 90 Prozent der Bevölkerung getestet, 90 Prozent der
       Patienten behandelt werden und 90 Prozent der behandelten Patienten eine
       auf null reduzierte Viruslast nachweisen, ist Russland noch weit entfernt.
       
       ## Der Rausch hilft, das Leben zu spüren
       
       Igor Saizews HIV-Diagnose ist noch nicht bestätigt. Er ist 45 Jahre alt und
       hat kurz geschorene Haare; vor einem Monat hat er mit einem Entzug im
       Rehabilitationszentrum „Neues Leben“ begonnen. Um seine Privatsphäre zu
       schützen, wurde auch sein Name geändert. An seiner Lippe krustet eine
       Herpes-Zyste, sein Blick ist wach, aber voller Schmerz. Igor war in der
       Armee, hat im Tschetschenienkrieg gekämpft bis er mit 21 Jahren zum Krüppel
       geschossen wurde. Danach nahm er 20 Jahre lang Heroin und andere Drogen.
       „Es war der einzige Weg, Mitleid für mich selbst zu empfinden“, sagt er.
       „Ein Schuss und die Illusion des Lebens kam zurück.“
       
       1998 wurden bei ihm Hepatitis B und C diagnostiziert. Sein Todesurteil,
       sagte man ihm. Vor wenigen Wochen wurde er im Zentrum erneut getestet. Das
       Ergebnis: negativ. „Mir ist klar, dass das ein Wunder ist.“ Seine
       HIV-Diagnose ist bereits einige Jahre her. Sollte sie sich jetzt
       bestätigen, will er nach dem Entzug mit einer Behandlung beginnen. „Gott
       hat sich mir gezeigt und ich habe verstanden, dass ich keinen leichten Weg
       nehmen sollte“, sagt er.
       
       Vielleicht wird der Glaube auch Igor zu einem Neustart verhelfen.
       Vielleicht wird er Andreis Weg folgen. Doch was passiert, wenn er zurück in
       die Stadt kommt? Wer erklärt einem Menschen, der 20 Jahre drogenabhängig
       war, wie eine HIV-Behandlung funktioniert? Wie man einen Job findet? Oder
       wie man eine Beziehung führt?
       
       In Irkutsk wird Nastja sich ihre violette Jacke überstreifen, sich eine
       Zigarette anstecken, sie wird Pascha anweisen, das Essen vorzubereiten,
       aber mit nicht zu viel Ketchup. Und dann wird sie durch den Regen irren,
       vorbei an dem Gefängnis, zur Bushaltestelle. Sie wird ihren Kumpel Juri
       treffen und schließlich, sagt sie, werden sie irgendwo am Stadtrand im Wald
       nach einem kleinen Päckchen Heroin graben. Und in ein paar Tagen wieder.
       
       Dass Nastja trotz ihrer Krankheit und ihrer Sucht am Leben ist, dass sie
       drei bis viermal die Woche arbeiten gehen kann, Fenster und Böden schrubben
       für ein paar Tausend Rubel, und dass es Menschen gibt, mit denen sie reden
       kann, das verdankt sie keinem Gott, sondern einer Hilfsorganisation namens
       Navigator.
       
       ## Spaß am Leben, Angst vor dem Tod
       
       Damals, als sie dachte, ihre letzten Tage seien gezählt, erzählte ihr ein
       Freund von der gemeinnützigen Organisation, die HIV-Prävention speziell für
       Randgruppen wie Drogenabhängige, Obdachlose oder Prostituierte anbietet.
       Hier stößt sie auf Unterstützung. Die Mitarbeiter kümmern sich um Papiere
       und Krankenversicherung und helfen ihr, einen Therapieplatz im Aids-Zentrum
       zu bekommen. „Dank ihrer Hilfe bin ich noch am Leben.“
       
       In der Regel sind es private Initiativen wie diese, die einen Bruchteil der
       Menschen mit HIV, Menschen wie Andrei oder Nastja, auffangen – und nicht
       der Staat. Stattdessen macht die Regierung die Arbeit von Einrichtungen wie
       Navigator oder Neues Leben zum Überlebenskampf. Seit 2012 das Gesetz über
       ausländische Agenten in Kraft getreten ist, haben viele ausländische
       Hilfsorganisationen das Land verlassen. Russische Akteure, die ausländische
       Mittel empfangen, können als „ausländische Agenten“ verzeichnet werden und
       stehen unter besonderer Beobachtung. Auch Andreis Stiftung ist davon
       bedroht.
       
       Die staatlichen Behörden betonen lieber die Fortschritte. Dass die Zahl der
       Neuinfektionen in Irkutsk im letzten Jahr um knapp 500 auf 3.414 gesunken
       ist. Dass der Aids-Zentrum in Irkutsk gerade zum besten des Landes gewählt
       wurde. Und dass dort inzwischen etwa 26.000 Menschen registriert sin, etwas
       mehr als die Hälfte aller Menschen mit einer Diagnose im Bezirk.
       
       Was verschwiegen wird: dass dies vor allem privaten Initiativen und
       persönlichem Engagement zu verdanken ist. Mehrmals pro Woche kommt Nastja
       ins Büro von Navigator, um sich saubere Nadeln oder Essenskonserven zu
       holen, aber auch um Menschen zu treffen, die in einer ähnlichen Situation
       sind.
       
       Seit sie die Behandlung begonnen hat, hat sie wieder Spaß am Leben, sagt
       sie, und Angst vor dem Tod.
       
       Die Recherche erfolgte im Rahmen eines Projekts der Boris-Nemzow-Stiftung
       und des Vereins „Für ein freies Russland“ (Warschau), gefördert durch die
       Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
       
       25 Feb 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Paul Toetzke
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Russland
 (DIR) Schwerpunkt HIV und Aids
 (DIR) Drogen
 (DIR) Sibirien
 (DIR) Schwerpunkt HIV und Aids
 (DIR) Schwerpunkt HIV und Aids
       
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