# taz.de -- Rainer Schäfer Radikale Weine: Eine kalifornische Wärmepackung
       
       Es gibt Winzer, die eine besonders innige und symbiotische Beziehung zu
       einer Rebsorte eingehen; im Idealfall kommen beider Stärken dabei zum
       Tragen. Joel Peterson gilt als der Godfather of Zin. Als Spezialist für
       Zinfandel, der Rebe, die ursprünglich aus Kroatien stammt, die 1852 zum
       ersten Mal in Kalifornien angepflanzt wurde und deren Trauben tiefdunkle
       und großzügige Weine liefern.
       
       Im Jahr 1976, als Peterson seine ersten Weine kelterte, befand Zinfandel
       sich auf dem Rückzug. Er spielte keine Rolle mehr im Wettstreit der
       populären Reben, den Cabernet Sauvignon und Chardonnay bestimmten. Zum
       langmähnigen Hippie Peterson passte diese Außenseiterrolle perfekt: Mit
       gerade mal 4.000 Dollar Startkapital gründete er im Sonoma Valley ein
       Weingut, das anfangs mehr einer Garage glich – aber aus kalifornischen
       Garagen ist ja schon viel Weltveränderndes entstanden.
       
       Als Peterson an einem Herbsttag noch Trauben vor einem nahenden Unwetter
       einbringen wollte, krähten in einem Wald nebenan aufgeregt die Raben, so
       kam sein Projekt zu seinem Namen: Ravenswood.
       
       Wein war damals noch ein Hobby für den studierten Biologen, der in der
       Krebsforschung arbeitete und sich nach Feierabend um seinen Zinfandel
       kümmerte. Geld blieb lange Zeit knapp, aber Peterson ließ sich nie von
       seinem früh gefassten Vorsatz abbringen: „No wimpy wines“, keine
       schwächlichen Weine ohne Seele und Charakter wollte er herstellen.
       
       Peterson galt bald als bester Erzeuger von Zinfandel, wie kein anderer
       Winzer verstand er es, den Ausdruck der verschiedenen Weinberge und Lagen
       so unverfälscht in seinen Weinen einzufangen. Im Jahr 2001 verkaufte er
       Ravenswood an ein Unternehmen, blieb dort aber als Weinmacher aktiv. Über
       vierzig Ernten liegen heute hinter dem 71-Jährigen. Es ist sein Verdienst,
       dass Zinfandel als kalifornisches Kulturgut geschätzt wird.
       
       Die Trauben für Joel Petersons „Ravenswood Zinfandel Old Vine“ stammen von
       über achtzig Jahre alten Rebstöcken aus dem Anbaugebiet Lodi, wo auf warme
       Tage kühle Nächte folgen. Der Wein wurde achtzehn Monate in französischen
       Eichenfässern ausgebaut, er riecht nach Schwarzkirschen, Brombeeren und
       Blaubeeren, Schokolade und Gewürzen wie Nelken und Zimt.
       
       Im Mund zeigt sich der Old Vine konzentriert, kraftvoll und samtig
       zugleich, mit weichen Gerbstoffen: Es ist ein imposanter Einstieg in die
       Zinfandel-Welt von Joel Peterson und gerade an trüben Wintertagen eine
       Wärmepackung fürs Gemüt.
       
       26 Jan 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rainer Schäfer
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA