# taz.de -- Challenges in den Online-Netzwerken: Don't believe the hype
       
       > Gefährliche Internettrends wie die „Bird Box Challenge“ sorgen regelmäßig
       > für Aufruhr. Allerdings wird ihr wahres Ausmaß oft aufgebauscht.
       
 (IMG) Bild: Auf Blindgang: Sandra Bullock im postapokalyptischen Netflix-Streifen „Bird Box“
       
       Rein filmisch gesehen ist der [1][Netflix-Streifen „Bird Box“] kaum der
       Rede wert. Der Plot wirkt so, als ob er mit einem Baukasten für
       postapokalyptische Geschichten zusammengestellt worden wäre: Eine Frau
       namens Malorie (gespielt von Sandra Bullock) sucht mit ihren Kindern nach
       dem Weltuntergang ein Refugium und muss sich dabei vor übernatürlichen
       Wesen in Acht nehmen, deren Anblick Menschen in den Suizid treibt.
       
       Und auch die auf Papier spannend klingende Idee, die Protagonistin und ihre
       Sprösslinge aus Schutz vor den Kreaturen mit Augenbinden durch die Ruinen
       der menschlichen Zivilisation tapsen zu lassen, dient im Film bloß als
       Stoff für ein paar lahme, sturzreiche Verfolgungsjagden durch den Wald.
       
       Trotzdem hat „Bird Box“ in den ersten sieben Tagen nach seiner
       Veröffentlichung [2][45 Millionen Aufrufe] verzeichnen können und für
       großen Aufruhr in den Online-Netzwerken gesorgt. Manche Twitter-Nutzer
       mutmaßten deswegen schon, dass Netflix selbst Bots benutze, um die
       unzähligen Memes zum Streifen in Umlauf zu bringen – [3][was sich aber als
       falsch herausstellte].
       
       Allerdings lagen sie mit ihrer Kritik am Streamingdienst nicht ganz
       daneben, einen mittelmäßigen Film mit dubiosen viralen Marketingstrategien
       pushen zu wollen. Das zeigt die Affäre um die sogenannte „Bird Box
       Challenge“, die den Hype um den Film in den letzten Tagen noch einmal
       befeuert hat.
       
       Bei dieser Mutprobe nehmen sich vor allem junge Menschen dabei auf, wie sie
       mit verbundenen Augen durch die Gegend laufen – was wenig überraschend für
       gefährliche Situation sorgt. Sie posten das Ergebnis dann online.
       Mittlerweile hat der Trend angeblich dermaßen bedenkliche Ausmaßen
       angenommen, dass Netflix sich dazu genötigt sah, [4][einen Tweet zu
       veröffentlichen], in dem das Unternehmen seinen Nutzern davon abrät, an der
       „Bird Box Challenge“ teilzunehmen.
       
       ## Medien als ungewollte PR-Handlanger für Firmen
       
       Pikant an der ganzen Sache ist jedoch, [5][wie die britische
       Nachrichtenseite iNews hervorhebt], dass die Suchanfragen für „Bird Box
       Challenge“ erst nach dem Netflix-Tweet in die Höhe geschnellt sind. Davor
       gab es nur [6][vereinzelte Twittervideos] mit dem Hashtag. Viele Medien –
       darunter [7][SPON] und [8][die „Tagesschau“] – haben den Tweet von Netflix
       trotzdem mehr oder weniger kritisch als Beweis für die angebliche Existenz
       dieses Phänomens übernommen und dadurch die Hysterie weiter gefördert.
       
       Den gleichen Eskalationszyklus – vereinzelte Vorfälle gefährlicher
       Internetmutproben werden von den Medien zu einem Trend aufgebauscht,
       wodurch die Leute in bester „[9][Werther-Effekt]“-Manier erst anfangen,
       sich tatsächlich in Gefahr zu begeben – durchlief auch die
       berühmt-berüchtigte „[10][Tide Pod Challenge]“ vor ziemlich genau einem
       Jahr.
       
       Wie der YouTube-Kanal [11][The Film Theorists] in einem [12][Video] zum
       Thema beleuchtet, wurden damals eine Handvoll ironischer Tweets und Videos,
       in denen Menschen Waschmittel verzehrten, von großen US-Medienhäusern wie
       [13][CNN], [14][NBC] und [15][Fox News] als Zeichen einer landesweiten
       Epidemie gedeutet. Die unreflektierte Berichterstattung wiederum sorgte
       dafür, dass die Anzahl an hochgeladenen Videos, in denen Menschen sich dem
       fragwürdigen Genuss von Waschmitteln hingeben, von 242 (in fünf Wochen) auf
       zeitweise 300 (pro Tag) anstieg.
       
       Das allein ist schon hoch problematisch. Bei der „Bird Box Challenge“ kommt
       nun noch hinzu, dass das wie immer [16][sehr internetversierte] Netflix
       diesen medialen Eskalationszyklus offensichtlich zu Werbezwecken genutzt
       hat – und viele (Online-)Journalist*innen glatt drauf reingefallen sind.
       Daraus lässt sich lernen.
       
       4 Jan 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=_D_yOOq78ig
 (DIR) [2] https://www.kino.de/film/bird-box-schliesse-deine-augen/news/horrorfilm-bird-box-knackt-netflix-rekord-und-wird-zum-mega-erfolg/
 (DIR) [3] https://www.businessinsider.de/bird-box-netflix-memes-fake-theory-2018-12?r=UK&IR=T
 (DIR) [4] https://twitter.com/netflix/status/1080525103593512962
 (DIR) [5] https://inews.co.uk/news/bird-box-challenge-netflix-twitter-warning-explained/
 (DIR) [6] https://twitter.com/MorganLaddin/status/1079820247664865280
 (DIR) [7] http://www.spiegel.de/netzwelt/web/netflix-warnt-vor-bird-box-challenge-a-1246231.html
 (DIR) [8] https://www.tagesschau.de/ausland/netflix-161.html
 (DIR) [9] https://de.wikipedia.org/wiki/Werther-Effekt
 (DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/Consumption_of_Tide_Pods#%22Tide_Pod_Challenge%22
 (DIR) [11] https://www.youtube.com/channel/UC3sznuotAs2ohg_U__Jzj_Q
 (DIR) [12] https://www.youtube.com/watch?v=KOC7clogG6s
 (DIR) [13] https://edition.cnn.com/2018/01/18/opinions/tide-pod-insanity-its-better-that-we-know-cupp/index.html
 (DIR) [14] https://www.nbcmiami.com/news/local/Teens-Fall-Ill-After-Eating-Laundry-Detergent-Then-Post-to-Social-Media-469075993.html
 (DIR) [15] https://www.foxnews.com/health/doctors-warn-against-eating-tide-pods-in-latest-social-media-challenge
 (DIR) [16] https://mashable.com/article/netflix-twitter-instagram-meme-accounts/?europe=true#XSDkbIJM1kqm
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maxime Weber
       
       ## TAGS
       
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