# taz.de -- Kommentar Friedensgespräche für Jemen: Frieden gibt es nur mit den Tätern
       
       > In Schweden verhandeln diejenigen, die den Jemen in einen sinnlosen Krieg
       > gestürzt haben. Nur sie können ihn auch beenden.
       
 (IMG) Bild: Jemen, Marib: Anas al-Sarrari sitzt in einem Rollstuhl in seinem Haus. Der 26-jährige Aktivist wurde, wie er sagt, von Huthi-Rebellen gefoltert
       
       Kriege können auf verschiedene Arten beendet werden. Etwa, wenn eine
       überlegene Kriegspartei der unterlegenen ihre politische Ordnung für die
       Nachkriegszeit aufzwingt. Das ist ein mögliches Szenario in Syrien, das
       Baschar al-Assad mit Hilfe Russlands und des Irans fast vollständig wieder
       militärisch kontrolliert und das er politisch von aller Opposition säubert.
       Es wäre ein Szenario, das zunächst zwar die Kriegshandlungen beendet, aber
       ob dies politisch nachhaltig ist, darf bezweifelt werden.
       
       Die zweite Art, wie ein Krieg beendet werden kann, erleben wir derzeit
       möglicherweise im Jemen. Dort reift scheinbar langsam bei beiden
       Kriegsparteien, der Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi und seinen
       saudischen Unterstützern und den Huthi-Rebellen und ihren iranischen
       Sponsoren, die Einsicht, dass dieser Krieg nicht militärisch gewonnen
       werden kann. Nach fast vier Jahren sinnlosen Krieges [1][sitzen sie nun in
       Schweden am Verhandlungstisch], in der Hoffnung, dort jeweils mehr
       erreichen zu können als auf dem Schlachtfeld.
       
       Das Problem mit solchen Friedensverhandlungen ist stets, dass die Täter des
       Krieges hier die einzige Hoffnung für dessen Ende darstellen. Denn im Falle
       Jemen werden die Verhandlung genau von jenen Kriegsparteien geführt, die
       das Land in die derzeit größte humanitäre Krise der Welt geführt haben.
       Eigentlich gehörten sie alle vor ein internationales Gericht. Aber diese
       menschengemachte humanitäre Katastrophe [2][kann nur von Menschen beendet
       werden]. Leider sitzt die jemenitische Zivilbevölkerung in Schweden nicht
       mit am Tisch.
       
       Diese Zivilbevölkerung war immer nur eine Trumpfkarte im zynischen Spiel
       der Kriegsparteien. Die Regierung und ihre saudischen Verbündeten hatten
       offensichtlich kein Problem damit, die Einwohner der von den Huthi-Rebellen
       kontrollierten Gebiete auszuhungern.
       
       Das ist das größte Verbrechen dieses Krieges: Alle zehn Minuten verhungert
       nach UN-Angaben im Jemen ein Mensch. Aber auch die Huthi-Rebellen sind
       skrupellos. Sie benutzten die Bilder von verhungernden Kindern für ihre
       eigene Propaganda und erhofften sich vom Aufschrei der internationalen
       Hilfsorganisationen einen Vorteil, um ihre Position in diesem Krieg zu
       verbessern.
       
       ## Seit vier Jahren Krieg
       
       Wie wenig sich beide Seiten tatsächlich um die Kinder scheren, haben sie
       immer wieder deutlich gemacht. Die Saudis bombardieren Schulen und die
       Huthis rekrutieren Kindersoldaten. Das Ergebnis: Zwei Millionen
       jemenitische Kinder haben seit Jahren keine Schule von innen gesehen.
       
       Jetzt sitzen die Täter also statt in einem internationalen Gerichtssaal am
       Verhandlungstisch in Schweden. Und auch dort denken sie zuerst an sich
       selbst und bringen zunächst ihre Kämpfer in Sicherheit. Sie haben sich
       bereits geeinigt, Verwundete auszufliegen und gefangene Soldaten
       auszutauschen. Wieder stehen die Belange der Zivilbevölkerung erst in
       zweiter Reihe. Man kann hoffen, dass die Unterhändler als nächstes einen
       Waffenstillstand rund um den seit Wochen schwer umkämpften Hafen von
       Hudaida aushandeln. Über diesen werden 80 Prozent der Hilfslieferungen
       abgewickelt, von denen zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung abhängig
       sind.
       
       Das wäre dann das erste Verhandlungsergebnis, das für die Menschen im Land
       tatsächlich einen Unterschied macht. Wenn dann noch die Saudis aufhören zu
       bombardieren und die Huthis keine Raketen mehr nach Saudi-Arabien schießen,
       dann wäre tatsächlich eine Deeskalation erreicht, auf deren Grundlage die
       eigentlichen Friedensverhandlungen um die politische Zukunft des Landes
       beginnen können. Aber davon sind der Jemen und seine Unterhändler noch
       meilenweit entfernt.
       
       Ach ja, es gibt noch einen dritten Weg, einen Krieg zu beenden.
       Internationale Sanktionen gegen alle Kriegsparteien und ein Stopp von
       Waffenlieferungen. Damit hätte man das jemenitische Desaster vielleicht
       schon vorher aufhalten können. Denn dass der Krieg jetzt fast vier Jahre
       andauert, liegt auch daran, dass man international in die andere Richtung
       gesehen hat. Schließlich ist Saudi-Arabien gut fürs Waffengeschäft und die
       jemenitischen Flüchtlinge kommen nicht nach Europa. Vielleicht gehört die
       internationale Gemeinschaft hier also auch auf die Anklagebank. Aber mit
       Anklagen beendet man keinen Krieg: Das können wie gesagt nur jene, die ihn
       angerichtet haben.
       
       9 Dec 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ticker.taz.de/tkr/2018/12/07.nf/tkr?name=asktElOrs&pos=128
 (DIR) [2] /Archiv-Suche/!5553404&s=Jemen
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karim El-Gawhary
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Jemen Bürgerkrieg
 (DIR) Friedensverhandlungen
 (DIR) Bundeswehr
 (DIR) Jemen Bürgerkrieg
 (DIR) Jemen Bürgerkrieg
 (DIR) Jemen Bürgerkrieg
 (DIR) Jemen
 (DIR) Saudi-Arabien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kritik an Rekrutierung der Bundeswehr: Gut 1.600 minderjährige Soldaten
       
       Die Anwerbung von Jugendlichen für die Bundeswehr konterkariere die Arbeit
       von Menschenrechtlern weltweit, erklärt Terre des Hommes.
       
 (DIR) Kommentar Waffenstillstand im Jemen: Rettet die Rimbo-Einigung!
       
       Ein gebrochener Waffenstillstand ist schlechter als kein Waffenstillstand,
       denn er zerstört Vertrauen. Trotz neuer Kämpfe wäre Resignation jetzt
       falsch.
       
 (DIR) Jemen-Friedensgespräche in Schweden: Waffenruhe für Hudaida
       
       Die Konfliktparteien haben eine Vereinbarung für die jemenitische
       Hafenstadt Hudaida getroffen. Im Januar sollen die Verhandlungen
       weitergehen.
       
 (DIR) Humanitäre Krise im Jemen: Alle zehn Minuten stirbt ein Kind
       
       Über 20 Millionen Menschen im Jemen hungern. Unicef warnt, dass sich die
       Situation im Bürgerkriegsland noch verschlimmern könnte.
       
 (DIR) Krieg im Jemen: Der kleinste Fortschritt wäre ein Erfolg
       
       Erstmals seit zwei Jahren treffen sich die jemenitischen Kriegsparteien.
       Zunächst nur, um Vertrauen aufzubauen. Die Gespräche beginnen bei Null.
       
 (DIR) Bärbel Kofler über Saudi-Arabien: „Nicht jedes Geschäft machen“
       
       Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, fordert
       von Politik und Wirtschaft eine klare Haltung zu Saudi-Arabien.