# taz.de -- Die Wahrheit: Eine Konferenz mit Freund Birnbaum
       
       > Dienstliche Zusammenkünfte haben stets ihre eigenen Rituale und Gesetze.
       > Das gilt vor allem im Ministerium für Aufgaben und Angelegenheiten.
       
 (IMG) Bild: Philosophie gestern und heute: Kant war das Bierdeckelproblem bekannt.
       
       Mein Freund Birnbaum und ich arbeiten im „Ministerium für Aufgaben und
       Angelegenheiten“, und heute halten wir eine Konferenz ab.
       
       „Was passiert als nächstes?“, fragt Amtsrat Mulmig gleich zu Beginn der
       Konferenz. „Wie immer: das Unvereinbare“, erläutert Kopierwart Kugel. Dann
       raunen wir uns etwas zusammen. Erst ein heftiges Rau-Raunen, dann ein
       vergebliches Sanft-Raunen, schließlich ein forderndes
       Wenn-wir-so-weiter-machen-können-wir-so-nicht-weitermachen-Raunen. Dann ist
       schon mal Kaffeepause. „Hmpfta“, machen Freund Birnbaum und ich.
       
       „Überall Konstellationen!“, stöhnt Ministerialrat Ventzke anschließend in
       seinem Kurzreferat zur Gesamtlage. „Mehr als Bedingung geht nicht“,
       erwidert da Amtsrat Mulmig, der einen Weltbewältigerkurs gemacht hat.
       „Schon erstaunlich, zu welchen Überraschungen der Determinismus fähig ist“,
       ergänzt Dezernent Schmeling nachdenklich, weil er noch keinen
       Weltbewältigerkurs gemacht hat.
       
       „Ein Gegenstand wird erst zum Gegenstand im Kontext seiner Substanz“,
       erläutert Amtsrat Mulmig jetzt. „Und woher weiß das der Gegenstand?“, fragt
       Herr Riegel aus der Registratur, der das Protokoll führen muss und alles
       genau wissen will. „Vieles verstehen wir, ohne es zu begreifen“, erläutert
       Mulmig mit Überzeugung. „Sich selbst kann man nur verstehen, wenn man der
       Welt abhanden gekommen ist“, sagt Kassenprüfer Lehmann, ohne dass ihm
       jemand zuhört.
       
       „Wir haben noch Möbel zu Hause“, gibt Dezernent Schmeling als nächstes zu
       bedenken: „Ist es eine Ehre, ein Pferd zu häkeln?“ Darauf sehen wir eine
       Ton-Dia-Schau zum Thema „Das Weltwissen der Weltfremden“. „Überall ist
       Platz für das Nichts. Hat Farbe eine Wahrheit?“, eröffnet Kopierwart Kugel
       die Diskussion. „Deshalb fordere ich schon seit Jahren ein Trainingsgelände
       für Hörgeräte“, betont nun Oberamtsrat Bruch. „Das ist immer noch besser
       als eine Taschenlampe als Zwischenergebnis zu präsentieren.“ – „Wenn die
       Tage vor sich hinbaden, bleibt das Leben verschwommen!“, beendet Dezernent
       Schmeling die Diskussion anschließend sofort wieder.
       
       „Jede Bedeutung verliert sich gleich in Bedeutungslosigkeit. Es passiert
       einfach zu viel“, gibt sich Bürovorstand Nicklich nun nachdenklich. „Die
       Gewissheit vollkommener Bedeutungslosigkeit und das Scheitern in der
       Vorstellung von vollkommener Bedeutung ist das Wesen des Menschlichen“,
       holt Kopierwart Kugel jetzt weit aus.
       
       „Mein Arm erinnert mich an einen anderen Arm. Einen Arm, den ich früher mal
       hatte“, erwidert Freund Birnbaum. „Ich muss mich immer sehr konzentrieren,
       um mir den Anschein von Wirklichkeit zu geben“, ergänzt Kassenprüfer
       Lehmann. „Ich brauche keine Welt, ich brauche einen Raum“, sagt Oberamtsrat
       Bruch abschließend. „Das Einzige, was mich in meinem Leben wirklich
       interessiert hat, sind meine Worte.“
       
       „Dahumpf“, machen Freund Birnbaum und ich.
       
       11 Dec 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Ullrich
       
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