# taz.de -- Deutscher Buchpreis: Kein Darling des Betriebs
       
       > Inger-Maria Mahlke gewinnt mit ihrem Roman „Archipel“ den Deutschen
       > Buchpreis. Darin erzählt sie die Geschichte dreier Familien in Teneriffa.
       
 (IMG) Bild: Bei der Entgegennahme des Preises dankte Mahlke ausdrücklich ihrer Ex-Verlegerin Barbara Laugwitz
       
       Ein Roman, der fast hundert Jahre, fünf Generationen, das Leben dreier
       Familien, Honoratioren, Gegenspieler, Hausangestellter und den ganzen
       gesellschaftlichen Kosmos einer ja nun nicht kleinen Insel umfasst, mag man
       sich als breites, ausufernd erzähltes Epos vorstellen. Aber so ist
       „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke eben gar nicht. Das Buch hat eher etwas
       Kleinteiliges. Es ist aus vielen kleinen Puzzlesteinen zusammengesetzt, das
       kann ein Blick sein, ein Versäumnis der Gastgeberin auf einem Bankett, die
       Eidechsen, die immer wieder durch dieses Buch huschen.
       
       Teneriffa also. Ganz konkret die vergangenen hundert Jahre auf dieser Insel
       (auf der Inger-Maria Mahlke Verwandtschaft hat und auf der sie schon als
       Kind häufig war), aber natürlich auch als Brennglas europäischer Geschichte
       und menschlicher Schicksale. Es sind schon die großen, auch historisch
       bedeutsamen Dinge, die in diesem Roman verwandelt werden.
       
       Der Putsch Francos kommt vor, die Entkolonialisierung der Westsahara und
       die allmähliche Umgestaltung Teneriffas zur Urlaubsinsel und damit zum
       Herrschaftsraum der Bettenburgen aus Beton. Auch innerhalb der Figuren gibt
       es die großen Drama, Liebe, Scheitern, Absterben aller Ambitionen, ein
       besonderes Leben zu führen. Aber vieles von dem ist indirekt erzählt,
       selbst zentral Wichtiges wie der Tod einer Mutter.
       
       Zusammen mit dem einschneidenden dramaturgischen Kniff, die Geschichte
       rückwärts zu beschreiben, sie im Jahr 2015 beginnen zu lassen und dann in
       vielen Schritten jeweils die Vorgeschichte aufleben zu lassen, bis die
       Handlung im Jahr 1919 endet (beziehungsweise anfängt), ergibt das einen
       eigenwilligen Effekt. Die Handlung, obwohl sie doch feststeht, hat nichts
       Zwangsläufiges. Immer wieder leuchten plötzlich Details auf, mit denen man
       nicht gerechnet hat.
       
       ## Aha-Erlebnisse
       
       Die Vergangenheit – und damit die Lebensgeschichte der Figuren – scheint
       sich auch immer wieder neu zusammenzusetzen, je nachdem, von welcher Warte
       aus sie geschildert wird. Die einzelnen Episoden werden von Inger-Maria
       Mahlke im Präsens erzählt, in einer Perspektive, die direkte Anteilnahme,
       aber auch die Enge von Unausweichlichkeit vermittelt. In die Vergangenheit
       hinein aber tun sich in diesem Buch Räume auf. Es hätte immer auch anders
       kommen können.
       
       „Archipel“ öffnet sich einem zunächst nicht ganz bereitwillig. Grade am
       Anfang muss man sich als Leser, als Leserin seinen Weg durch ein Dickicht
       aus Details bahnen. Man muss sich diesen Roman sowieso teilweise
       erarbeiten, mal vor- oder zurückblättern, in das Glossar schauen, in dem
       spanische Besonderheiten oder historische Details erläutert werden. Je
       tiefer man dabei in seinem Lesen geht, desto mehr spürt man die Disziplin
       und die Sorgfalt, mit der Inger-Maria Mahlke ihre Geschichten erzählt hat.
       
       Und man wird mit Aha-Erlebnissen und vielen wunderbar direkten
       Situationsschilderungen belohnt. Toll zum Beispiel, wie die Autorin in
       knappen Sätzen Regen aufkommen lassen kann oder wie sie durch kleine,
       gezielte Umstellungen in ihren Sätzen Effekte erzielt: „Nachts, die
       Schmerzen kommen nachts, egal, wo sie sich hinlegt.“
       
       Man kann sich auch deshalb [1][über diesen Deutschen Buchpreis des Jahres
       2018] freuen, weil damit ein Autorinnenleben gewürdigt wird, das in
       schönster Eigensinnigkeit und offenbar jenseits literarischer Moden
       voranschreitet. Inger-Maria Mahlke, 1977 geboren, begann mit Geschichten
       aus dem – damals noch ziemlich abgerockten – Berliner Bezirk Neukölln, in
       dem sie auch selbst lebt. Das ließ sich noch unter Berlin-Roman verbuchen,
       hatte er bereits eine eigene Kälte in den Beobachtungen.
       
       ## Literatur ist kein Joghurt
       
       In „Wie ihr wollt“ schilderte sie vor vier Jahren das Schicksal der
       historisch verbürgten Mary Grey, einer kleinwüchsigen Cousine Elisabeths
       I., in den wilden Elisabethanischen Zeiten als zähes Warten auf ein freies
       Leben. Und nun ein rückwärts erzähltes Geschichtspanorama auf Teneriffa
       also. Offensichtlich hat sich diese Autorin vorgenommen, bei jedem Buch
       etwas ganz anderes zu machen. Ein Darling des Betriebs ist sie ganz gewiss
       nicht.
       
       Bei der Entgegennahme des Buchpreises dankte sie ausdrücklich ihrer
       [2][Verlegerin Barbara Laugwitz, die nun nicht mehr ihre Verlegerin sein
       soll.] Die Vorgänge beim Rowohlt-Verlag haben Inger-Maria Mahlke getroffen,
       wohl auch empört, was sie am Montagabend im Frankfurter Römer in das schön
       schräge Bild brachte, dass Literatur kein Joghurt sei, den man beliebig
       herstellen kann.
       
       [3][Die Offenen Briefe vieler Rowohlt-AutorInnen an den
       Holtzbrinck-Geschäftsführer Joerg Pfuhl,] der Laugwitz durch Florian Illies
       ersetzen will, hatte Mahlke in den vergangenen Wochen aus Überzeugung
       unterschrieben. In ihrer kleinen, wohl improvisierten Dankesrede würdigte
       sie vor allem den Arbeitseinsatz und das Engagement ihrer Exverlegerin.
       Dass Barbara Laugwitz in vielem auch ein glückliches Händchen hatte, wie
       diese Auszeichnung ja nun auch zeigt, konnte Mahlke selbst ja nicht
       aussprechen.
       
       9 Oct 2018
       
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