# taz.de -- Entführter Vietnamese Trinh Xuan Thanh: Noch kein Freihandel mit Hanoi
       
       > Deutschland und Vietnam verhandeln, ob der entführte Trinh Xuan Thanh
       > ausreisen kann. Ein Handelsabkommen steht auf dem Spiel.
       
 (IMG) Bild: Der vietnamesische Politiker Trinh Xuan Thanh bei seiner Anhörung. Zuvor wurde er aus Deutschland entführt
       
       Berlin taz | Der aus Deutschland nach Vietnam entführte und dort wegen
       Korruption zu lebenslanger Haft verurteilte vietnamesische Expolitiker
       Trinh Xuan Thanh könnte bald von Vietnam wieder nach Deutschland überstellt
       werden. Dies haben am Wochenende deutsche Medien unter Berufung auf
       entsprechende Gespräche zwischen beiden Regierungen berichtet. Deutsche und
       vietnamesische Diplomaten diskutieren bereits seit dem Winter über eine
       mögliche Rückkehr. Doch ist eine Entscheidung noch nicht reif.
       
       Die Ausreise des prominentesten vietnamesischen Dissidenten Nguyen Van Dai
       aus vietnamesischer Haft nach Deutschland am Freitag ist ohne Zweifel ein
       Zeichen des guten Willens der Regierung in Hanoi. Die hatten
       Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, deutsche Politiker, Juristen und
       Menschenrechtler seit Längerem gefordert. Offensichtlich sind Vietnam
       solche Forderungen aus Deutschland nicht gleichgültig. Doch der Fall des
       52-jährigen Trinh Xuan Thanh ist komplizierter.
       
       Derzeit wird vor dem Berliner Kammergericht gegen einen mutmaßlichen
       Entführungshelfer verhandelt. Solange dieser bis mindestens Ende August
       terminierte Prozess andauert, dürfte Vietnam Trinh Xuan Thanh nicht nach
       Deutschland schicken. Denn das Entführungsopfer würde sofort in den
       Zeugenstand gerufen und seine Aussagen wären für Hanoi, das die Entführung
       bis heute bestreitet, sehr unangenehm.
       
       ## Diplomatischer Flächenbrand
       
       Viele vietnamesische Diplomaten wollen das Problem Trinh Xuan Thanh am
       liebsten vom Tisch haben. Letzten August hatte ein Politikberater
       vorgeschlagen, deutsche Proteste zu ignorieren, weil nach den
       Bundestagswahlen kein Hahn mehr nach Trinh Xuan Thanh krähen würde. Das
       Gegenteil ist eingetreten. Vietnam hat deshalb inzwischen längst nicht mehr
       nur mit Deutschland ein diplomatisches Problem. Auch von Tschechien, von wo
       aus die Entführung vorbereitet wurde, muss sich Vietnam unangenehmen Fragen
       stellen. Und seit April auch noch von der Slowakei, weil für die Entführung
       womöglich ein slowakisches Regierungsflugzeug missbraucht wurde.
       
       Ein möglicher Strippenzieher, der slowakische Exinnenminister Robert
       Kalinak, soll Medienberichten zufolge Polen bei der Antwort auf die Frage
       belogen haben, wer da in dem Flugzeug saß, das polnisches Hoheitsgebiet
       überflog. Somit ist auch Polen im Spiel der Länder, die einen Konflikt mit
       Vietnam haben. Frankreich könnte noch hinzukommen. Hier soll Vietnams
       Geheimdienst vor der Entführung eine Frau ausgespäht haben.
       
       So ein diplomatischer Flächenbrand ist nicht im Interesse Vietnams und es
       gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu beenden: Trinh Xuan Thanh wieder nach
       Deutschland, wo er Asyl beantragt hatte, zurückzuschicken.
       
       ## EU zögert mit Freihandelsabkommen
       
       Das wird in Vietnams sozialen Netzwerken auch längst gefordert, aber aus
       einem anderen Grund: Vietnam will ein Freihandelsabkommen mit Europa
       abschließen. Es ist längst ausgehandelt, aber die EU hat es nicht
       ratifiziert. „Schicken wir Trinh Xuan Thanh nach Deutschland. Dann bekommen
       wir das Freihandelsabkommen“, lautet das Motto.
       
       Tatsächlich ist für EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström die Entführung
       ein Hindernis für die Ratifizierung. Aber nicht das einzige. Die EU
       unterzeichnet das Abkommen auch nicht, bis Vietnam zentrale Konventionen
       der internationalen Arbeitsorganisation ILO ratifiziert und umgesetzt, etwa
       diejenigen über die Zulassung freier Gewerkschaften oder über die Ächtung
       der Zwangsarbeit.
       
       In Vietnam gibt es auch noch eine andere Denkweise. Hardliner, denen ihr
       Machterhalt und die Ausschaltung parteiinterner Gegner wichtiger ist als
       diplomatische Entspannung, könnten derzeit sogar eine weitere Entführung
       eines innerparteilichen Gegners aus Europa planen. Vu Dinh Duy lebt in
       Polen, hält sich aber auch in Deutschland auf. Vietnam fordert seine
       Auslieferung und begleitet das mit demselben medialen Trommelwirbel, mit
       dem einst die Entführung von Trinh Xuan Thanh vorbereitet wurde. Als Duy
       vor dem Berliner Kammergericht als Zeuge aussagte, waren die
       Sicherheitsmaßnahmen aus Sorge vor einer Entführung besonders streng.
       
       Dazu kommt, dass Vietnam in diesen Tagen eine ungewöhnliche Protestwelle
       erlebt. Demonstranten wenden sich gegen Gesetze, die einen Ausverkauf des
       Landes an chinesische Investoren ermöglichen würden. Welche Dynamik diese
       Proteste annehmen und ob sie Vietnams Politik beeinflussen, ist noch
       völlig offen.
       
       10 Jun 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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