# taz.de -- Kolumne Gott und die Welt: Die Bundesrepublik ist gegründet
       
       > In der Neuauflage einer Studie bekommen linke Studenten eine wichtige
       > Rolle für die Bonner Republik zugeschrieben.
       
 (IMG) Bild: 1968, Berlin: Studentenführer Rudi Dutschke (Mitte) demonstriert gegen den Vietnamkrieg
       
       Der Hype um [1][das Jahr „1968“] hat seinen Höhepunkt erreicht. Die
       Auseinandersetzung mit diesem „annus mirabilis“ beweist die Wahrheit von
       Jan Philipp Reemtsmas Überzeugung, dass Zeitzeugen hier und Historiker dort
       Todfeinde sind.
       
       Der Athener Thukydides schrieb eine Geschichte des Krieges zwischen Athen
       und Sparta. Er galt lange als Vorbild einer „objektiven“
       Geschichtsbetrachtung, obwohl er die Zeit selbst erlebte und er die
       attische Demokratie lobt. Was die Historiografie von 1968 betrifft, so kann
       es hier nicht darum gehen, Namen zu nennen; zu erwähnen bleibt, dass manche
       heute so kritische HistorikerInnen jenes 1968 selbst mehr oder weniger
       Zeitgenossinnen der Ereignisse sind. Todfeinde? Objektiv?
       
       Zu wenig ist auf die Neuauflage einer Studie hingewiesen worden, die zwei
       Protagonisten jener Jahre, Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker,
       überarbeitet vorgelegt haben. Ihre „Geschichte des SDS. 1946–1970“
       behauptet keine Objektivität, sondern ist offen parteilich, wenngleich die
       Bewertungen dieser oder jener SDS-Vorstandssitzung eher langatmig wirken.
       
       ## Nationalsozialistische Vergangenheit
       
       In einer Hinsicht aber überzeugt diese Insidergeschichte: Belegt sie doch
       glaubwürdig, dass es tatsächlich linke Studenten waren, die mit als die
       ersten die nationalsozialistische Vergangenheit eines nicht geringen Teils
       der Rechtspflege der Bonner Republik skandalisierten. Und zwar noch vor (!)
       der Eröffnung des von Fritz Bauer in die Wege geleiteten Frankfurter
       Auschwitzprozesses im Jahr 1963.
       
       So stellte der heute noch in Berlin lebende, 1930 geborene Reinhard
       Strecker, Mitglied des SDS, bereits im Januar 1960 einen Strafantrag gegen
       ehemalige Nazi-Richter. Ein Jahr zuvor hatte der SDS die Ausstellungen
       umfassende Aktion „Ungesühnte Nazijustiz“ beschlossen, um NS-Juristen zur
       Verantwortung zu ziehen, deren Verbrechen bald verjähren würden. Der
       damalige Vorstand der SPD distanzierte sich von der Aktion seiner
       Studentenorganisation.
       
       Die Ideengeschichtlerinnen der Bundesrepublik erörtern seit Längerem die
       Frage, wann und von wem denn dieser Staat intellektuell gegründet worden
       sei.
       
       ## Horkheimer und Adorno
       
       So hat der Bonner Politikwissenschaftler Clemens Albrecht 1999 zu belegen
       versucht, dass nur marxistische Remigranten wie Max Horkheimer und Theodor
       W. Adorno das politische Ethos des Bonner Staates begründen konnten,
       während Jahre später – hart kritisiert und schwer umstritten – der
       Politologe Jens Hacke die These vertrat, dass es der in der NS-Zeit
       opportunistische Münsteraner Philosoph Joachim Ritter und seine Schüler
       gewesen seien, die die geistigen Grundlagen der Bundesrepublik gelegt
       hätten.
       
       Zeitzeugen? Objektivität? Todfeinde? Mein Vorschlag, der Vorschlag eines
       1947 geborenen Mannes, der jene Jahre im Ausland, in Israel verbracht hat:
       zu erörtern, ob die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik erst mit
       „1968“ und also mit dem SDS zu ihrem Abschluss gekommen ist? Dass, wenn
       auch auf Umwegen, der mörderische Terror der RAF diesem Konnex entsprang,
       muss gleichwohl nicht verwundern. Es war der eben erwähnte Joachim Ritter,
       der zumal die deutsche Moderne wesentlich durch „Entzweiung“ gekennzeichnet
       sah.
       
       10 Jun 2018
       
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