# taz.de -- Neuer Schauplatz für Kämpfe in Syrien?: Nach Ghouta droht nächste Eskalation
       
       > Die syrischen Streitkräfte könnten als nächstes das südliche Grenzgebiet
       > ins Visier nehmen. Dann wären Reaktionen Israels und der USA zu erwarten.
       
 (IMG) Bild: In der südlichen Provinz Daraa könnten erneut Kämpfe losgehen; bereits 2016 war es dort zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen (Archivbild)
       
       Amman ap | Im südlichsten Zipfel Syriens war es monatelang relativ ruhig.
       Eigentlich gilt hier seit dem Sommer eine Waffenruhe. Doch [1][nach der
       Offensive in Ost-Ghouta] haben die Kampfjets von Präsident Baschar al-Assad
       und seinen russischen Verbündeten auch hier erste Angriffe geflogen. Damit
       bedrohen sie nicht nur Rebellengruppen, die lange direkt von den USA
       unterstützt wurden. Vor allem aufgrund der Nähe zur israelischen Grenze
       sind die Vorstöße äußerst heikel.
       
       Washington unterstützte die Rebellen in dem Gebiet seit vielen Jahren mit
       Waffen, Geld und militärischer Ausbildung. Die Gruppe, die sich „Südliche
       Front“ nennt, bekämpfte nicht nur die Terrormiliz IS, sondern auch
       Einheiten Assads. US-Präsident Donald Trump ließ die Mission des
       Geheimdienstes CIA zwar im vergangenen Jahr einstellen. Aber die
       strategische Bedeutung der von den Kämpfern gehaltenen Region könnte die
       Amerikaner im Zweifel doch wieder zu einem Eingreifen zwingen.
       
       An das „Deeskalations-Abkommen“ vom vergangenen Sommer scheint sich das
       syrische Regime jedenfalls nicht mehr gebunden zu fühlen. Bereits im März
       bombardierte es neben Ost-Ghouta auch die südliche Provinz Daraa. Tausende
       Menschen sind seitdem innerhalb der Provinz auf der Flucht und fürchten
       eine weitere Eskalation. Die Rebellen würden sich angesichts der Drohungen
       des Regimes und Russlands bereit machen, sagt der örtliche Aktivist Ahmed
       al-Massalmeh. Zugleich träten die Amerikaner und Israel mit Luftangriffen
       gegen Assad immer aggressiver auf.
       
       Israel hat den ebenfalls mit Assad verbündeten Iran mehrfach gewarnt, sich
       aus dem Grenzgebiet fernzuhalten. Experten gehen davon aus, dass Israel
       hinter einem Luftangriff auf einen Stützpunkt der syrischen Streitkräfte
       steckt, bei dem kürzlich sieben iranische Militärangehörige ums Leben
       kamen. Im Februar flog das Land eine Reihe von Angriffen, nachdem es im
       eigenen Luftraum eine iranische Drohne abgefangen hatte. Insgesamt hat
       Israel seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 schon mehr als
       hundert Luftangriffe auf Ziele in Syrien geflogen.
       
       ## Moskau kann jederzeit den Kurs ändern
       
       „Die iranische Krake versucht, uns die Luft abzuschneiden und uns
       einzuschüchtern. Aber Israel ist stärker, als sie es sind“, sagte
       Bildungsminister Naftali Bennett am Dienstag bei einer Feier zum Gedenken
       an die israelische Staatsgründung vor 70 Jahren. „An dieser Stelle sei den
       Anführern des Irans, Syriens sowie der Hamas und der Hisbollah gesagt:
       Fordert uns nicht heraus!“
       
       Es ist jedoch sehr gut möglich, dass Assad und seine Verbündeten die
       Risiken eines militärischen Vorstoßes Richtung Süden in Kauf nehmen. Denn
       seit das Gebiet 2015 in Rebellenhand geriet, ist dort auch die Grenze nach
       Jordanien gesperrt – und damit sind wirtschaftlich wichtige Handelswege
       unterbrochen. Das vor allem um die eigene Stabilität bemühte Jordanien hat
       angekündigt, die Grenze erst dann wieder zu öffnen, wenn die Region
       unmittelbar auf der anderen Seite wieder in den Händen der syrischen
       Regierung ist.
       
       Nach Angaben der US-Botschaft in Amman gibt es regelmäßige Kontakte
       zwischen Jordanien, Russland und den USA, bei denen es um die
       Sicherheitslage im südlichen Syrien geht. Moskau hat allerdings bereits im
       Fall von Ost-Ghouta gezeigt, dass es Vereinbarungen in der Region sehr
       schnell wieder über Bord werfen kann, wenn dies den eigenen Interessen
       dient. In Ost-Ghouta wurde im Februar aus einer Waffenruhe schlagartig eine
       brutale Offensive, in deren Rahmen die syrischen Streitkräfte am 7. April
       sogar Chemiewaffen eingesetzt haben sollen.
       
       Die Rebellen im Süden fürchten nun eine ganz ähnliche Entwicklung. Seit sie
       nicht mehr von den USA unterstützt werden, sind sie zudem geschwächt. In
       den zurückliegenden Monaten mussten sie sowohl vor Regierungstruppen als
       auch vor IS-Kämpfern zurückweichen. Inzwischen kontrollieren sie daher nur
       noch ein recht kleines Gebiet. „Für das Regime werden sie eine leichte
       Beute sein. Es gibt keinen Schutz“, sagt der Rebellensprecher Junis
       Salameh.
       
       ## Der IS stellt weiterhin eine große Gefahr dar
       
       Die Hoffnung der Rebellen ruht aktuell auf Spezialkräften der USA, die im
       syrischen al-Tanf stationiert sind. Deren Aufgabe ist es vor allem, Teheran
       am Aufbau eines direkten Landkorridors in den südlichen Libanon und damit
       bis an die Grenze Israels zu hindern. Auch der IS stellt für die Stabilität
       im Süden Syriens aber weiterhin eine große Gefahr dar. Seit ihren schweren
       Verlusten im Osten halten sich die verbliebenen Kämpfer überwiegend in
       Wüstengebieten und abgelegenen Dörfern auf. Im Süden könnten sie sich nun
       neu formieren.
       
       Es sei davon auszugehen, dass die Präsenz der sunnitischen Terrormiliz noch
       als Vorwand für weitere militärische Aktionen im Süden Syriens dienen
       werde, sagt Rami Abdurrahman von der in Großbritannien ansässigen Syrischen
       Beobachtungsstelle für Menschenrechte – und zwar sowohl dem Regime als auch
       den USA. Die „wahre Absicht“ der von den Amerikanern angeführten Koalition
       werde aber das Verhindern eines iranischen Korridors sein. „Es wird eine
       umfassende Offensive mit mehreren Fronten“, sagt der Aktivist.
       
       Unabhängig von den Beweggründen der einzelnen Konfliktparteien müssen sich
       die Bewohner der Region, die in den Jahren des Bürgerkriegs ohnehin schon
       sehr gelitten haben, womöglich auf das Schlimmste einstellen. „Die Menschen
       leben in ständiger Anspannung, und es gibt innerhalb der Provinzen viele
       Vertriebene“, sagt Mohammed al-Migdad, der Mitglied des Provinzrates von
       Daraa ist. „Sie haben Angst – große, große Angst.“
       
       21 Apr 2018
       
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