# taz.de -- Kommentar Gewalt in Nicaragua: Gegen das System Ortega
       
       > Die Herrschaft Ortegas hat das Land zerüttet. Das zeigt sich an
       > gestiegenen Treibstoffpreisen und an einer kostspieligen Sozialreform.
       
 (IMG) Bild: Managua, am 21. April: Gewaltsamer Protest gegen die geplante Reform des Sozialwesens
       
       In wenigen Tagen sind friedliche Proteste gegen eine überfallartig
       verordnete Belastung in Nicaragua [1][zu einer nationalen Aufstandsbewegung
       geworden]. Sie ist schon deswegen nicht kontrollierbar, weil keine
       organisierte Kraft dahintersteckt, sondern das ansteckende Lauffeuer der
       sozialen Medien.
       
       Mit Slogans aus dem sandinistischen Befreiungskampf und dem Fällen von
       metallenen „Lebensbäumen“, mit denen die esoterisch angehauchte
       Präsidentengattin die Hauptstadt dekorieren ließ, richten sich die
       Demonstranten nicht mehr nur gegen die Erhöhung der
       Sozialversicherungsbeiträge, sondern gegen das System Ortega an sich.
       
       Die Herrschaft von Daniel Ortega und seiner Frau Rosario Murillo beruht auf
       einer Kombination von Kontrolle und Wohltaten. Die wichtigsten Medien
       befinden sich in der Hand der Partei oder der Familie Ortega. Über die
       Parteistrukturen bis ins kleinste Dorf kann gesteuert werden, wer einen Job
       oder Anreize für die Landwirtschaft bekommt.
       
       Gleichzeitig herrschte in den vergangenen Jahren wirtschaftliche
       Stabilität. Eine gravierende Energiekrise konnte dank großzügiger
       Schützenhilfe des ehemaligen venezolanischen Staatschefs Chávez bewältigt
       werden. Vom günstig und auf Pump gelieferten Erdöl durfte Ortega die Hälfte
       mit Gewinn weiterverkaufen. Mit diesen Geldern, die nicht ins offizielle
       Budget flossen, wurden ein Gutteil des Sozialsystems und in
       Gutsherrenmanier verteilte Gaben finanziert.
       
       Mit dem Niedergang des Chávez-Systems in Venezuela ist diese Bonanza zu
       Ende. Der Plan, Nicaragua mittels eines interozeanischen Kanals zum
       boomenden Dienstleistungsstandort zu machen, hat sich als gigantische
       Fehlkalkulation erwiesen. Die Erhöhung der Treibstoffpreise und die Reform
       der Sozialversicherung sind wohl erst der Anfang einer Serie unpopulärer
       Maßnahmen. Auf ein Ausbrechen von Unruhen waren Ortega und seine Leute
       offenbar vorbereitet. Aber sie sollten aus eigener Erfahrung wissen, dass
       Repression eine Rebellion noch weiter anfacht.
       
       22 Apr 2018
       
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