# taz.de -- Kolumne Unter Leuten: Übersetzer gesucht auf Ellis Island
       
       > Es war nur ein kurzer Traum: Im Immigrationmuseum auf Ellis Island wurde
       > ein Übersetzer gesucht. Doch Geld sollte es für den Job nicht geben.
       
 (IMG) Bild: Die große Ankunftshalle des Immigration Museum auf Ellis Island
       
       Ich bin fast schon wieder auf der Fähre nach Manhattan, als ich den Aushang
       sehe. Ein Blatt Papier am Ausgang des Ellis Island Immigration Museums,
       mehrzeilig bedruckt in Comic Sans, einer schrulligen Druckschrift, bei
       deren Anblick sich Grafikdesignern die Nackenhaare aufstellen. Übersetzer
       gesucht, lese ich, für Deutsch, Jiddisch oder Russisch. Hier auf Ellis
       Island, einer winzigen Museumsinsel vor New York. In Gedanken sehe ich, wie
       sich mein Leben mit einem Schlag ändert. Schluss mit der taz-Kolumne. Ich
       schließe mein Journalistenbüro in Berlin und lebe als Deutschübersetzer in
       New York. Könnte was sein.
       
       „Wer hat diesen Zettel da aufgehängt?“, frage ich an der Auskunft. „Das war
       Eric“, sagt der Beamte hinter dem Tresen, der in seiner weit geschnittenen
       Uniform aussieht wie die Karikatur eines texanischen Sheriffs. Er schickt
       mich in den obersten Stock, das Archiv.
       
       Nach kurzer Zeit habe ich ihn gefunden. Eric. Ein knapp 70-jähriger Mann
       mit weißgrauen Haaren. Er sitzt vor einem altmodischen Röhrenbildschirm,
       versunken in kryptische Archivtabellen. Die Übersetzer, der Aushang? Eric
       grinst. „Dann komm mal mit“, sagt er.
       
       Wir gehen durch verschachtelte Gänge, bis wir vor einem weißen Schrank
       stehen. Erics persönlichem Archiv. Er dreht einen Schlüssel im Schloss und
       öffnet die Türen. Dahinter: eine gigantische Plattensammlung. Fast tausend
       Schellackplatten hat Eric sein halbes Leben lang gesammelt. Er
       durchstöberte Flohmärkte und Internetauktionen, nicht auf der Suche nach
       einem Musikstil, sondern nach kurzen Hörshows, aufgenommen von Einwanderern
       für die nächsten Neuankömmlinge aus der Heimat. Wie ein Podcast – aus einer
       Zeit, in der es noch kein Radio gab.
       
       Bis 1914 wanderten etwa sieben Millionen Deutsche in die USA aus. Viele von
       ihnen landeten zunächst in New York, erzählt Eric. Das Heimweh war groß,
       weshalb sich deutschsprachige Tageszeitungen, aber auch Schallplatten mit
       deutschen Geschichten gut verkauften.
       
       ## Eine blasse Stimme
       
       Eric greift eine Platte und führt mich in ein Büro. Zwischen Kartons steht
       ein antiker Plattenspieler. Er zieht das Gerät mit einer Kurbel auf, legt
       die Platte auf. Es knarzt und knistert. Ein Musiktusch, dann eine blasse
       deutsche Stimme. „Ich bin noch nicht sehr lange in Amerika, hab aber schon
       ein sehr schönes Mädchen kennengelernt“, tönt es aus dem Lautsprecher. „Das
       einzige Unglück ist: She is Irish. Und ich kann noch nicht so gut Englisch
       sprechen.“
       
       Es folgt ein Crashkurs über US-amerikanische Liebeserklärungen. Dafür
       braucht er Übersetzer, sagt Eric. Er will die Geschichten transkribieren
       und ins Englische übersetzen. Den Job will ich! Doch Eric schaut mich
       traurig an. Geld verdienen? Kann man damit nicht. Auch er sammelt
       ehrenamtlich. Vom Museum bekommt er neben seinem Gehalt als Archivar keinen
       Cent. „Keine Ahnung, was aus der Sammlung wird, wenn ich in Rente bin“,
       sagt er. „Die Platten interessieren einfach niemanden.“
       
       4 Feb 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Eins
       
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