# taz.de -- Kolumne Press-Schlag: Heynckes, Hamlet, HSV
       
       > Der 1. FC Köln, der Hamburger SV und Werder Bremen machen es vor: Das
       > Remis ist das retardierende Moment im Fußball.
       
 (IMG) Bild: Von HSV-Trainer Bernd „die Holleraxt“ Hollerbach stammt der Satz: „An mir kommt entweder der Ball oder der Gegner vorbei – niemals beide.“ Hier ein schöner Beweis dafür aus dem Jahr 2003
       
       Vom Fußball als Theater zu sprechen, ist, zugegeben, eine Binse. Aber damit
       auch eine Wahrheit, die uns empfiehlt, die Dramentheorie dort anzuwenden,
       wo die Bühne aus Naturgras besteht und wo zwei am Spielfeldrand hampelnde
       Regisseure, die man auch Trainer nennt, sich das Leben gegenseitig schwer
       machen. Die Inszenierung findet in einem architektonischen Ensemble statt,
       das mehr als jedes Schauspielhaus an griechische Amphitheater erinnert. Und
       dauern tut die Inszenierung etwa so lange, wie ein durchschnittliches
       Tourneetheater in einer Kleinstadt gastiert: anderthalb Stunden und dann
       weg.
       
       Wie es im klassischen oder auch modernen Drama ausgeht, ist bekannt: Hamlet
       stirbt immer, den rettet nicht mal ein Videobeweis. Gut, könnte man sagen,
       ob Hamlet stirbt oder Heynckes siegt – ist der Unterschied wirklich so
       groß? Mit Herberger zu antworten: Nein, „das Fußballspiel ist das Theater
       des kleinen Mannes“.
       
       Nicht durch Zufall ist im Fußball ja auch gerne von Schauspielerei die
       Rede. Doch um die Differenz zur hohen Kunst zu betonen, ist hier der Beruf
       des Schauspielers negativ konnotiert: „Dafür hat er einen Oscar verdient“,
       bedeutet im Sport ja interessanterweise: Der hat schlecht und durchschaubar
       das Opfer eines Foulspiels gegeben. Das wäre so, als wenn Hamlet in
       Horatios Armen grinst und zappelt und juchzt.
       
       Dass ein Fußballspiel also ein Drama ist, das gerade die dramatischen
       Qualitäten des klassischen Schauspiels übertrifft, dürfte zur Genüge
       nachgewiesen sein. Noch deutlicher wird der Befund, schaut man auf die
       ganze Spielzeit, den Saisonverlauf. So ein ortsübliches Theaterensemble
       trifft sich ja ziemlich häufig, aber dass da Siege oder Punkte eingeheimst
       würden, lässt sich nicht gerade behaupten.
       
       Anders beim Fußball. „Die Leute wissen nicht, wie es ausgeht“, ist die
       (sorry, wieder Herberger) klassische Begründung, was den Sport so spannend
       macht. Das fängt schon mit der Erwartung an. In der Prognose hat das
       „Unentschieden“ beispielsweise so gut wie keinen Platz. Kaum jemand will
       von beiden Ensembles gleich gut unterhalten werden. Wer in froher Erwartung
       ins Stadion geht, hofft auf einen Sieg der einen oder der anderen. Nur wer
       – vielleicht, weil er ein wenig von Fußballverstand gestreift wurde – davon
       ausgehen muss, dass seine Truppe heuer bestimmt nicht gegen Heynckes und
       seine Bayern siegen wird, hofft auf ein Unentschieden.
       
       ## Unentschlossen im Ausgang
       
       So ein Unentschieden aber gibt es verdammt oft. An diesem Samstag etwa in
       Bremen, in Dortmund, in Leipzig und in Köln. Wer sich klarmacht, dass diese
       vermeintliche Unentschlossenheit im Ausgang nicht irgendwann passierte,
       sondern am 20. Spieltag, also kurz bevor die bundesligaüblichen
       Spannungseinheiten Abstiegskampf und Europaplätze an Fahrt aufnehmen (von
       einer spannenden Meisterschaft redet ja schon lange niemand mehr), wird
       anhand der angewandten Dramentheorie die Überlegenheit des Fußballs über
       das Theater sofort erkennen.
       
       Das Unentschieden ist das retardierende Moment. Wenn die Tabellenletzten
       aus Köln, Hamburg und Bremen, die dringendst Punkte brauchen, zur gleichen
       Zeit darauf verzichten, solche Erfolge zu feiern, sondern die Spannung auf
       den nächsten und übernächsten und überübernächsten Inszenierungstag
       verlagern, dann offenbart sich das wahrhaft dramatische Element nicht nur
       des einzelnen Spiels, sondern einer ganzen Bundesligasaison.
       
       Und, doch, ja, es geht sogar noch mehr: Der Hamburger Sport-Verein hat etwa
       die retardierende Frage, wann endlich mit ihm Schluss ist ganz oben in der
       Bundesliga, sogar über viele, viele Spielzeiten gelegt. Das ist echte
       Tragödie.
       
       28 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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