# taz.de -- Kroatien-Krimireihe in der ARD: So geht Exjugoslawien
       
       > Spannend, toll gespielt und nah dran am echten Kroatien: In der ARD jagt
       > die Mordkommission Split Verbrecher an der blauen Adria.
       
 (IMG) Bild: Kommissarin Brank Marić begutachtet den Toten, der am Strand gefunden wurde
       
       Die Sonne scheint über dem blauen Meer, im Hintergrund liegt malerisch
       Dalmatiens Metropople Split, vorne majestätisch die Insel Vis. Doch wer
       angesichts dieser Einstiegsszene des dritten Kroatien-Krimis im Ersten
       Rosamunde Pilcher an der Adria befürchtet: Keine Sorge! Das verhindert
       allein schon Kommissarin Branka Marić.
       
       Die Figur der selbstbewussten, unkonventionellen und durchaus ehrgeizigen
       Leiterin der Mordkommission Split ist einfach zu vielschichtig für noch
       eine deutsche Fernsehschmonzette. Die überzeugte Dalmatinerin Marić,
       glaubwürdig gespielt von der aus dem Iran stammenden Deutschen Neda
       Rahmanian, hat ihr Medizinstudium abgebrochen, weil sie Kriminalistin mit
       Leib und Seele ist; dazu brennt sie für Fußball, hat einen deutschen und
       einen kroatischen Lover und kümmert sich um ihre vom Verlust ihres jüngeren
       Sohnes im Jugoslawienkrieg traumatisierte Mutter, gespielt von der
       tatsächlich in Kroatien geborenen Adriana Altaras.
       
       Nach zwei spannenden Teilen im September 2016 stehen jetzt zwei nicht
       minder sehenswerte Folgen an: Am Donnerstag liegt in „Mord auf Vis“ eines
       Morgens ein erschossener Neonazi am Strand der kroatischen Insel. Was
       zunächst wie ein Raubmord unter Faschoreliquiensammlern wirkt, entpuppt
       sich im Laufe der raffiniert erzählten Geschichte als fast perfekt
       getarnter Plan, um ein Verbrechen aus der Kriegszeit zu rächen.
       
       Die Vergangenheit des jüngsten EU-Mitgliedslandes spielt auch in „Messer am
       Hals“, der vierten Folge der Kroatien-Krimis am 1. Februar, eine Rolle.
       Diesmal geht es um die kommunistische Diktatur, die über 40 Jahre lang in
       Kroatien herrschte.
       
       ## Keine Balkanklischees
       
       Der Nachname des Bösewichts, „Strugar“ – zu Deutsch „Feiler“ oder auch
       „Schleifer“ – passt zu dem rechtspopulistischen Einpeitscher mit
       Stasibackground, den Kommissarin Marić als sadistischen Kindermörder
       enttarnt.
       
       Politiker vom Typ Strugars kommen in der kroatischen Rechten, die das Land
       seit 2015 mal wieder regiert, durchaus vor – ebenso wie anderswo in Europa.
       Überhaupt kommen die Kroatien-Krimis ohne Balkanklischees aus. Weder werden
       die Einheimischen als lustige Trottel à la Emir Kusturica dargestellt noch
       als meganationalstolze Machos.
       
       Trotzdem fallen lokale Phänomene wie die für Split tatsächlich
       sprichwörtliche Begeisterung für den lokalen Fußballverein Hajduk nicht
       unter den Tisch. So kommen die Kroaten angenehm normal rüber. Wie ganz
       durchschnittliche Europäer.
       
       Das verdanken die Filme neben der Hauptdarstellerin auch den anderen
       Schauspielern: dem russisch-deutschen Lenn Kudrjawizki, der Marić’ typisch
       dalmatinischen Deputy Emil Perica perfekt gibt, sowie dem Deutschalbaner
       Kasem Hoxha, der schon in diversen anderen Produktionen glaubhaft
       Exjugoslawen gespielt hat.
       
       ## Tatort-Autor kann auch Vielfalt
       
       Mit Edita Malovčić und Aleksandar Jovanović stehen zudem zwei der besten
       jugo-österreichischen beziehungsweise -deutschen Darsteller vor der Kamera.
       Und auch der Großmeister der auf exjugoslawisch fluchenden Schauspieler
       Deutschlands, Miroslav Nemec aka „Tatort“-Kommissar Ivo Batić, hatte im
       zweiten Teil der Serie seinen Auftritt als korrupter Hajduk-Trainer.
       
       Regisseur Michael Kreindl und Drehbuchautor Christoph Darnstädt ist es
       gelungen, immer wieder die dunklen Seiten der jüngeren kroatischen
       Geschichte – Faschismus, Kommunismus, Nationalismus, Krieg, Kriminalität –
       anzusprechen, ohne diese Themen dominieren zu lassen. Der vielfache
       „Tatort“-Autor Darnstädt („Amour Fou“, „Fegefeuer“ usw.) belegt dabei
       erneut, dass er nicht nur Einwanderungsgesellschaft kann, sondern auch
       Vielfalt. So oder doch sehr ähnlich fühlt sich Vergangenheit in
       Exjugoslawien wirklich an.
       
       Dank der Kroatien-Krimis sind die Exjugoslawen nach den Italienern (Donna
       Leon, Urbino-Krimi), Griechen (Athen-Krimis), Spaniern (Barcelona-Krimi)
       und Türken (Mordkommission Istanbul) als fünfte Gastarbeiternation im
       ARD-Fernsehpantheon angekommen. Mit dem Land an der Adriaküste gehört nun
       zumindest ein Teil ihres Herkunftslandes zum deutschen TV-Narrativ. Nicht
       verpassen!
       
       25 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rüdiger Rossig
       
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