# taz.de -- Breitscheidplatz-Gedenken: „Immer nur Verdächtigungen“
       
       > Der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Martin Germer, äußert
       > sich zur Kritik seines Kollegen Steffen Reiche in der taz
       
 (IMG) Bild: Gedenkfeier in der Gedächtniskirche am 19. Dezember 2017
       
       taz: Herr Germer, Ihr Pastorenkollege Steffen Reiche aus Nikolassee hatte
       in seiner Weihnachtspredigt und [1][anschließend in der taz die Teilnahme
       von Mohamed Matar an der Gedenkfeier für die Opfer des Amri-Anschlags in
       Ihrer Kirche kritisiert]. In einer offenen Mail, die Sie ihm wegen seiner
       Aussagen im taz-Interview geschrieben haben, klingen Sie sehr aufgebracht
       darüber. 
       
       Martin Germer: Steffen Reiche hat offenbar ohne nähere Kenntnis der Moschee
       „Neuköllner Begegnungsstätte“ (NBS) und ihres jungen Mitarbeiters einen
       gravierenden Vorwurf erhoben: dass sich da jemand nach außen hin
       friedensengagiert äußert und dann in der eigenen Gemeinde das Gegenteil
       tut. Das ist eine Unterstellung, die man ohne konkrete Anhaltspunkte nicht
       erheben kann – schon gar nicht als christlicher Theologe.
       
       Herr Reiche beruft sich auf Anschuldigungen, die in der Presse
       veröffentlicht wurden. Und Tatsache ist, dass der Verfassungsschutz die NBS
       auf dem Schirm hat. 
       
       Was die Beobachtung durch den Verfassungsschutz angeht: Das besagt noch gar
       nichts. Ich erwarte doch vom Verfassungsschutz, dass er darauf achtet, was
       in der Moscheenlandschaft gesagt und getan wird. Ja, ich stelle fest, dass
       im Verfassungsschutzbericht einige Dinge in Bezug auf die NBS stehen –
       etwa, dass es einen indirekten organisatorischen Zusammenhang mit der
       „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD) gibt, bei der der
       Verfassungsschutz wiederum einen Bezug zur Muslimbruderschaft zuordnet. Er
       verweist auch darauf, dass in der NBS vor Jahren ein Prediger aufgetreten
       ist, von dem man dann aus anderen Zusammenhängen erfuhr, dass er ziemlich
       schlimme Dinge gesagt hat. Davon hat die NBS sich aber schon vor geraumer
       Zeit distanziert und es als Fehler bezeichnet.
       
       Über diese klarstellenden Aussagen der NBS wird aber nicht berichtet,
       sondern es werden immer nur Pauschalverdächtigungen aufrechterhalten. Das
       hilft uns aber nicht weiter. Wir brauchen doch Verantwortliche in Moscheen,
       die bereits sind, auf die Menschen, die sie besuchen, engagiert
       einzuwirken, die dafür werben, sich in die deutsche Gesellschaft als
       Muslime einzubringen, die dafür werben, dass es keine antisemitischen
       Äußerungen und Verhaltensweisen geben soll. Und das tut die NBS seit Jahren
       nachweislich, wie ich auch aus eigener Beobachtung sagen kann.
       
       Die B.Z., die Sie als Teil eines „Zitationskartells“ betrachten, das die
       NBS in ein schlechtes Licht rückt, verweist auf einen Facebook-Post. Da hat
       sich Matar mit einer bestimmten Geste fotografiert lassen, die als Symbol
       der islamistischen Muslimbruderschaft gilt. 
       
       Das ist nicht unproblematisch, und man muss nachfragen, was genau es
       bedeutet. Mit Herrn Matar selbst habe ich nicht sprechen können, weil er
       verreist ist – aber von Leuten, die über den Islam und die aktuelle
       Situation im Nahen Osten wesentlich mehr wissen als ich, habe ich mir sagen
       lassen, dass das Zeichen der vier erhobenen Finger nicht automatisch
       bedeutet, dass sich jemand mit der Muslimbruderschaft identifiziert. Es
       kann einfach ein Zeichen gegen die Repression sein, der sich Muslime
       ausgesetzt sehen. Das Foto entstand, als in Ägypten die Militärdiktatur die
       islamische Regierung aus der Macht gedrängt hat und viele Menschen
       umgebracht worden sind. Für mich ist plausibel, dass ein engagierter junger
       Mann wie Herr Matar vor diesem Hintergrund ein Zeichen der Solidarität mit
       Menschen zum Ausdruck bringt, die Repressionen ausgesetzt sind.
       
       Der andere Vorwurf an Matar ist, dass er auf seiner Facebookseite das Foto
       einer von israelischen Soldaten erschossenen 16-jährigen Palästinenserin
       verbreitet hatte, mit einem Kommentar, der Sympathie für sie ausdrückte. Es
       soll sich aber um eine Attentäterin handeln, die von den Soldaten gestoppt
       wurde. 
       
       Matar selbst sagt dazu, die junge Frau sei nach seinen damaligen
       Informationen ohne Grund erschossen worden. Meines Wissens wird das auch
       weiterhin nicht nur von Palästinensern, sondern auch von einer israelischen
       Friedensorganisation vertreten. Aber als deutlich wurde, dass die Frau auch
       ein Attentat geplant haben könnte, hat Herr Matar diesen Post gelöscht und
       ihn als Fehler bezeichnet. Was hätte er denn mehr tun können?
       
       Trotzdem: Wäre es gegenüber den Opfern und Angehörigen vom Breitscheidplatz
       nicht sensibler gewesen, einen Imam einzuladen, bei dem noch nicht einmal
       Zweifel im Raum stehen? 
       
       Da muss man die Entstehungsgeschichte sehen. Die Verantwortlichen für die
       Gedenkandacht suchten einen muslimischen Teilnehmer, und die Landeskirche
       wandte sich an den Zentralrat der Muslime. Der hat Herrn Matar empfohlen.
       Wir selber hatten ihn unabhängig davon zwei Wochen zuvor bei einer
       Veranstaltung zu Gast. Da hatte ihn Pfarrer Andreas Goetze mitgebracht, der
       in unserer Landeskirche für den interreligiösen Dialog zuständig ist. Wir
       hatten den Eindruck, dass Herr Matar eine engagierte und integre Person
       ist. Von den anderen Dingen und Fragen wussten wir zu diesem Zeitpunkt
       nichts, und es ist ein bisschen müßig, im Nachhinein zu überlegen, was wir
       anderenfalls getan hätten.
       
       Engagierte Muslime aus arabischen Kontexten leben in einer komplizierten
       Welt. Dass da jemand auch mal etwas sagt oder tut, was er hinterher als
       Fehler bezeichnet oder hinter das man ein Fragezeichen setzen kann, wird
       kaum zu vermeiden sein. Aber kann die Konsequenz sein, dass wir mit
       Muslimen, die sich für das gute Miteinander in unserer Gesellschaft und den
       Dialog mit anderen Religionen aussprechen, nicht mehr reden? Von daher
       hätten wir im Hinblick auf die besondere Sensibilität dieser Situation
       vielleicht versucht, jemand anderes ohne jegliche Fragezeichen gewinnen.
       Aber wenn wir wieder mal einen muslimischen Partner suchen, kann ich mir
       nach dem aktuellen Stand der Dinge durchaus vorstellen, Herrn Matar wieder
       einzuladen. Vielleicht werden wir ihn auch in nächster Zeit noch einmal
       einladen, genauer über die Hintergründe zu sprechen.
       
       Werden Sie auch mit Ihrem Kollegen Steffen Reiche sprechen? 
       
       Wir beide kennen uns ja persönlich, natürlich werden wir uns weiterhin
       freundlich grüßen und miteinander reden. Und wenn er jetzt auf meine Mail
       reagiert, können wir darüber gerne auch öffentlich eine Debatte führen.
       
       1 Jan 2018
       
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