# taz.de -- Streik im deutschen Rugby: Streit ums Ei
       
       > Deutschlands Rugby-Auswahl verliert gegen Chile. Kein Wunder. Weil der
       > Verband mit seinem Mäzen zerstritten ist, hatten alle Stammspieler
       > abgesagt.
       
 (IMG) Bild: Die Kapitäne Michael Poppmeier (li.) und Sean Armstrong bei einer Pressekonferenz am 7. November
       
       Offenbach taz | Als Rafael Pyrasch letzte Woche per Telefon die Einladung
       zum Länderspiel der 15er-Auswahl des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV) gegen
       Chile erhielt, sei er schon verwundert gewesen, erzählte der 31 Jahre alte
       Routinier nach der 10:32-Niederlage gegen die Südamerikaner am Samstag in
       Offenbach. Pyraschs letzte Nominierung liegt lange zurück, im Sommer führte
       er als Spielertrainer die SG Odin/Döhren in die Erste Bundesliga. Am
       Samstag aber fungierte der Gedrängehalb noch einmal als Kapitän der
       Deutschen 15. Er sei froh über den glimplichen Ausgang, sagte Pyrasch:
       „Aber es ist eine Ehre, das deutsche Trikot zu tragen.“
       
       Das musste betont werden an diesem denkwürdigen Tag für das Deutsche Rugby
       auf dem Bieberer Berg in Offenbach. Das 15er-Rugby erlebte in den letzten
       Jahren einen Aufschwung, das große Ziel, die erstmalige Teilnahme an einer
       WM, schien keine Utopie mehr. Aber seit letzter Woche ist wieder alles ganz
       anders.
       
       Gegen Chile trat die 15 des DRV mit einer Notauswahl an, bestehend aus dem
       aktuellen Kader der 7er-Nationalmannschaft und einigen Bundesligaspielern,
       trainiert von den Coaches des 7er-Nationalteams. Die besten Spieler des
       Landes, die die vorangegangenen Novembertests gegen Brasilien und die USA
       noch bestritten hatten, boykottierten die Partie in Offenbach.
       
       Nach dem Kampf am vorvergangenen Samstag in Wiesbaden gegen die USA hatten
       die Kapitäne Michael Poppmeier und Sean Armstrong ihre Unzufriedenheit mit
       der Verbandsführung zum Ausdruck gebracht und dann im Verlauf der Woche den
       Streik angekündigt, den sie schließlich durchzogen. „Ein einmaliger Vorgang
       in der Geschichte des deutschen Rugbys“, klagt DRV-Präsident Klaus Blank
       über diesen Eklat.
       
       ## Ungeklärte Vermarktungsrechte
       
       Hintergrund der bizarren Entwicklung ist ein seit rund anderthalb Jahren
       schwelender Streit zwischen dem DRV und der Wild Rugby Academy (WRA) sowie
       der Gesellschaft zur Förderung des Deutschen Rugby Sports (GFR) des
       Heidelberger Unternehmers und Mäzens Hans-Peter Wild (Capri-Sun), der nun
       eskalierte. Alle etatmäßigen 22 Nationalspieler sowie die sechs Trainer der
       15er Auswahl des DRV sind bei der WRA angestellt. Am Samstag stand kein
       einziger von ihnen auf dem Platz.
       
       Wild ist der größte Förderer des Rugbysports im Land, mindestens 10
       Millionen Euro investierte der 76-jährige Milliardär in die WRA in
       Heidelberg. Einen Kooperationsvertrag mit dem DRV verlängerte der
       Unternehmer im Sommer aber nicht, für die drei Spiele in diesem November
       schien die Abstellung der Spieler und des Trainerteams aber geklärt. Doch
       letzte Woche kündigte die Wild-Seite auch diese Vereinbarung. Es geht um
       Vermarktungsrechte.
       
       Wilds Fördergesellschaft GFR wurde mit der Absicht gegründet, das
       15er-Nationalteam zu vermarkten. Doch dies will der Verband durch seine
       (bislang wenig erfolgreiche) Marketing GmbH selbst machen. Eine erneute
       Kooperation mit dem DRV ließ Wild im Sommer platzen, auch weil der Verband
       einen unterschriebenen Vertrag nach der vereinbarten Frist zurückgeschickt
       hatte.
       
       Fördergelder des Bundes fließen nur in die 7er-Variante des Sports, weil
       diese olympisch ist. Wild aber wollte, dass sich der Verband voll auf die
       15er-Förderung konzentriert. Der frankophile Rugbymäzen ist Besitzer des
       Top-14-Klubs Stade Français in Paris. Als Sportdirektor in Paris und auch
       als Sportlicher Leiter der WRA in Heidelberg fungiert die deutsche
       Rugbylegende Robert Mohr. Der hatte am letzten Dienstag erklärt, „dass sich
       die Spieler alleingelassen fühlen, da der Vorstand den Hauptsponsor
       Hans-Peter Wild verprellt“ habe. Von unprofessionellen Strukturen in
       Ausstattung und Betreuung der 15er-Nationalmannschaft war die Rede. Der
       Streikskandal machte weltweit Schlagzeilen.
       
       ## Ratlosigkeit beim Verband
       
       Am Samstag in Offenbach äußerten sich DRV-Präsident Blank und
       Geschäftsführer Volker Himmer. Der nannte den Streik einen
       „wirtschaftlichen Frontalangriff“ auf den DRV. Wie etwaige Sponsoren auf
       diese Entwicklung reagieren, bleibt abzuwarten. DRV-Präsident Blank
       kündigte harte Sanktionen gegen „einige, aber nicht alle streikenden
       Spieler“ an. Sperren fordern offenbar auch die internationalen Verbände.
       Von denen habe der DRV, so Blank, wegen der Einflussmöglichkeiten eines
       einzelnen Sponsors auf die Nationalmannschaft „die Gelbe Karte gesehen“.
       
       In der Tat versuchte die Wild-Seite zuletzt Einfluss auf Verbandsbelange zu
       nehmen, bei der Sponsorensuche etwa. Der Eindruck ist sicher nicht falsch,
       dass die Wild-Seite mit dem Boykott einen Wechsel in der Verbandsführung
       forcieren wollte. Dort herrscht Ratlosigkeit über das weitere Vorgehen.
       Noch will sich DRV-Präsident Blank die Möglichkeit einer Einigung mit Wild
       offenhalten, vielleicht aber ist der „Punkt ohne Rückkehr“ (Geschäftsführer
       Himmer) bereits erreicht.
       
       Der DRV steckt in einem Dilemma, in das er sich durch die Abhängigkeit von
       Wild selbst hineinmanövriert hat. Das von beiden Seiten erklärte Ziel einer
       WM-Teilnahme scheint nun wieder so utopisch wie ein Weltmeistertitel im
       Fußball für die Auswahl Litauens.
       
       26 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schächter
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Rugby
 (DIR) Sponsoring
 (DIR) Rugby
 (DIR) Rugby
 (DIR) Schwerpunkt Iran
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rugby Six Nations: Triumph der Bescheidenen
       
       Ausgerechnet am St. Patrick’s Day demütigt das irische Rugbyteam die
       Engländer und gewinnt zum dritten Mal in seiner Geschichte den Grand Slam.
       
 (DIR) Unternehmer im Rugby-Sport: Französische Nachhilfe
       
       Hans-Peter Wild, ein Unternehmer aus Heidelberg, wird Eigentümer von Stade
       Français Paris. Er will dort künftig auch deutsche Talente ausbilden
       lassen.
       
 (DIR) Iranisches Frauen-Rugby-Team in Berlin: Spielen für die Freiheit
       
       15 iranische Rugbyspielerinnen zu Besuch in Berlin: Beim Turnier mit
       örtlichen Rugbyclubs sollen die Frauen voneinander lernen.