# taz.de -- Kolumne Eier: Sie hätten da sicher anders gehandelt
       
       > Wird eine Frau bedrängt, dann schreiten Sie ein, nicht wahr? Dann sind
       > sie anders als der gemeine S-Bahn-Passagier. Ich bin es nicht.
       
 (IMG) Bild: Alle fahren Bahn, aber schauen auch alle hin?
       
       Es gibt zwei Möglichkeiten – entweder ich bin betrunken, dann mische ich
       mich gerne mal ein. Oder ich bin nüchtern, dann duck ich mich in die
       nächste Ecke. Und Sie so? Wer in den Hauptschlagadern eines urbanen
       Verkehrsnetzes unterwegs ist, erlebt immer mal wieder gewaltsame
       Situationen. Kein Wunder bei ein paar Millionen zusammengepresster
       Menschen, aber eben auch nicht schön.
       
       Die Polizei Bremen hat in dieser Woche [1][gemeldet], dass eine Gruppe
       Teenagerinnen in der S-Bahn von zwei Männern sexuell belästigt und gegen
       ihren Willen berührt wurde – und niemand in dem voll besetzen Zug
       eingeschritten ist. Niemand außer einer 15-Jährigen, die sich schließlich
       dazwischen stellte und sich dafür noch mehr Getatsche abholte.
       
       Sie, liebe Männer, hätten da sicherlich anders reagiert, nicht wahr?
       Obwohl, ist doch eigentlich prima, wenn Frauen sich selber verteidigen,
       statt dass das ein Kerl übernimmt, right? 2017 ist, wenn Frauen so
       emanzipiert sind, dass sie ihre Belästigungen selber verwalten können.
       Männlich-patriarchale Beschützerrollen und Ehrenkodexe gehören abgeschafft.
       Feminismus!
       
       So etwas jedenfalls doziert der rationale Teil meines Hirns in
       vergleichbaren Situationen, während der emotionale Teil auf Flucht schaltet
       und macht, dass ich meine Einsfünfundachtzig so klein in meinem Sitz
       zusammenfalte, dass meine Pilateslehrerin stolz auf mich wäre. Sie würden
       es nicht für möglich halten, wie gut sich ein erwachsener Männerkörper
       hinter einem einzigen Lidlkatalog verstecken lässt, sobald es irgendwo
       Stress gibt. Ich mag nun mal keinen Streit und schon gar keine Knöchel auf
       meinem Nasenbein.
       
       Wie gesagt, Sie hätten da sicher völlig anders reagiert, ich schließe schon
       wieder von mir auf andere. Aber was, wenn Ihnen nicht so ganz klar ist, ob
       da jetzt gerade wirklich eine Belästigung stattfindet? Man kann das ja
       manchmal nicht so genau wissen – immer diese Grauzonen! Da könnte das ja
       auch einfach ein neckendes Spiel unter Bekannten sein, ne? Und dann wäre es
       geradezu peinlich, sich aufzuplustern und den Moralapostel zu machen,
       richtig?
       
       So jedenfalls argumentiert der rationale Teil meines Hirns, während der
       emotionale Teil Qi Gong für Fortgeschrittene praktiziert: Wenn ich meinen
       Geist nur vollständig leere, dann verschwinde ich vielleicht. In der
       Zwischenzeit ist dann wahrscheinlich eine 15-Jährige genervt
       eingeschritten, alle Beteiligten sind ausgestiegen und ich bleibe mit einem
       gewaltigen schlechten Gewissen und einem Tarnhelm auf dem Kopf in der Bahn
       zurück. Woher ich den Tarnhelm habe? Sie haben ja keine Ahnung, wozu ich
       fähig bin wenn es darum geht, Konflikte zu vermeiden.
       
       Natürlich hätten Sie da komplett anders gehandelt. Das hatten wir ja
       bereits geklärt. Allerdings nicht die Herrschaften in der Bremer S-Bahn.
       Und auch nicht die Passagiere bei all den ähnlichen Fällen, die man bei der
       Stichwortsuche in den Polizeimeldungen findet. Die waren dann wohl doch
       alle eher so wie ich.
       
       Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss mir Mut antrinken, fahre gleich
       noch U-Bahn.
       
       17 Nov 2017
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.weser-kurier.de/bremen_artikel,-bremen-mehrere-maedchen-im-zug-belaestigt-und-angegriffen-_arid,1669258.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Weissenburger
       
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