# taz.de -- Ausstellung über den Schlaf: Der lächelnde Bruder des Todes
       
       > Ausgehend von Arbeiten seiner Hausheiligen erkundet das Bremer
       > Paula-Modersohn-Becker-Museum Hypnos' dunkle Lande – den Schlaf.
       
 (IMG) Bild: Der Künstler als hölzerner Liebhaber? Michael Triegel, „Schlafende Ariadne“ (2010).
       
       BREMEN taz | Manche der Bilder sind wie ein kalter Griff ans Herz. Zum
       Beispiel diese Farbfotografie von Ricarda Roggan aus dem Jahr 012: Mit
       kleiner Blende, minuten-, vielleicht sogar stundenlang belichtet, hat
       Roggan ein Bett im Freien aufgenommen. Es steht irgendwo zwischen
       Containern auf wellig-brüchigem Asphalt, der feucht aussieht. Erhellt wird
       es in der Nacht vom fahlbläulichen Schein von Peitschenlampen, die den
       Versuch scheitern lassen, sich in der postindustriell-urbanen Umwelt in
       einer Nische zu verbergen. Die Laken sind überraschend weiß im Halbdunkel.
       Man wird sie für klamm halten. Sie verraten: Hier ruht ein Mensch. Der
       Blick ist ein gestalteter Zufall, ein Fundstück, denn Roggan manipuliert
       ihre Bilder nicht, sie setzt nichts in Szene. Sie nutzt nur die
       Inszenierung der Stadt, in der kein Schutz der Dunkelheit mehr existiert.
       
       Wahrscheinlich ist es ja ein Zufall, sonst hätte der Katalog das Jubiläum
       erwähnt oder wenigstens die Museums-PR es aufgegriffen. Aber fraglos passt
       die Ausstellung „Schlaf – eine produktive Zeitverschwendung“ bestens zum
       350. Jahrestag der wohl schärfsten Zäsur in der Geschichte der Nacht:
       Anfang Herbst 1667 lässt der Pariser Polizeipräfekt Gabriel Nicolas de la
       Reynie 2.736 Kerzen in Glasgehäusen, wie sie seinerzeit auf den
       Theaterbühnen üblich sind, in der ganzen Stadt aufstellen. Das ist im
       Grunde nur eine simple innenpolitische Maßnahme wegen der Überfälle und
       eher ein Notbehelf; man kann schließlich nicht den Staatsschatz plündern,
       um Nachtwächter zu bezahlen, wenn gleichzeitig Versailles zu finanzieren
       ist.
       
       Aber damit hat de la Reynie die Straßenbeleuchtung als kulturelle Praxis
       etabliert: Sie wird rasant ausgebaut und macht künftig die Stadt zur Bühne
       und die Nacht zum Tag. Die Salons sind begeistert, die Astronomen ahnen
       noch nicht, wie schlimm das alles werden wird, ganz Europa übernimmt das
       Modell – und die Aufklärung beginnt.
       
       Dadurch ändert sich, kaum bemerkt auch der Schlaf. Bis dahin hatte er nur
       dazu gedient, „die Nacht sowohl kürzer als auch sicherer scheinen zu
       lassen“, wie Roger E. Ekirch schreibt, der bedeutende Historiker der Nacht.
       Jetzt aber kann er ganz neu bewertet und gestaltet und betrachtet werden.
       Er bleibt, was er war, ein Bruder des Todes und das Medium der Träume und
       Visionen anderer Welten. Aber er kann jetzt auch als Zeitvertreib, als
       Sünde, als überflüssiger Luxus angegangen werden – und als Selbstzweck:
       „Warum kann man sich den Schlaf nicht abgewöhnen?“, wird schließlich der
       Göttinger Johann Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern fragen. Und
       im selben Tintenzug ein gegenläufiges Projekt ins Spiel bringen: „Unsere
       ganze Geschichte“, schreibt er, „ist bloß Geschichte des wachenden
       Menschen. An die Geschichte des schlafenden hat noch niemand gedacht.“
       
       Die bildende Kunst allerdings hat früh schon damit angefangen, Schlaf
       darzustellen. Und sei es als sanft lächelnden, hellhaarigen und bartlosen
       Sohn der Nacht, der mit seinem grimmigen schwarzgelockten Zwilling
       angeschlagene Helden zu einem Platz jenseits der Schlacht schleppt. Mit dem
       Schlaf geraten stets auch Schlafende in den Blick, die, bei näherem
       Hinsehen, möglicherweise Tote sein könnten: Wie will man das entscheiden?
       
       Der zitierte Lichtenberg könnte falsche Erwartungen wecken: Eine Geschichte
       des Schlafenden schreibt die Bremer Ausstellung nicht, nicht einmal eine
       Kunstgeschichte. In schöner assoziativer Freiheit stellt sie Werke sehr
       unterschiedlicher Epochen schroff nebeneinander, und das steigert die
       reizvolle Vieldeutigkeit der Arbeiten: In diesen Bildern, Grafiken,
       Installationen und Plastiken könnten sich, selbst wenn sie Geborgenheit zu
       vermitteln scheinen, aus einer anderen Perspektive Spuren von Trauer
       abzeichnen. Sie könnten auch von Gewalt handeln – im roh behaunen
       Marmorrand von Max Klingers Plastik „Schlafende“ lauert, den Blick auf die
       Brüste der tiefenentspannten nackten Schönen gerichtet, ein Faun.
       
       Das erfährt man überraschend deutlich schon im ersten Raum, vor den
       Gemälden Paula Modersohn-Beckers, der Schutzheiligen des Museums. Und die
       sind auch Keimzelle der Ausstellung. Nur zum Beispiel ihren schlafenden
       Gemahl: Den hat sie um 1907 in einer merkwürdigen Diagonale auf die
       Leinwand geklemmt, den Kopf zwischen weiße Plümeaus. Die Augen sind zu, die
       Brille hat er noch auf. Total entspannt liegt er da, wie erschlagen.
       
       In der Entstehungszeit des Gemäldes hat Paula ihren Ehemann Otto Modersohn,
       das ist bekannt, mitunter als ausgesprochen lästig empfunden. Kurz zuvor
       hat sie ihm das sogar recht deutlich geschrieben: „Ich mag Dich nicht zum
       Manne haben“, heißt es in einem Brief von September 1906. Sie empfiehlt
       ihm, „mit der Vergangenheit abzuschließen“, alles andere würde „nur die
       Qual verlängern“.
       
       Berühmter sind ihre Gemälde stets schlafender Kinder, das „Kind in der
       Wiege“ von 1904 etwa, das durch seine grandiose Farbgebung komplett mit dem
       Bettbezug zu verschmelzen scheint. Möglich, dass diese Obertönigkeit der
       Gemälde nur dadurch entsteht, dass rechts in der Ecke Ron Muecks
       lebensgroße Plastik eines „gepuckten Babys“ steht: Pucken – in
       Süddeutschland lautet das Verb „fatschen“ und hat denselben Ursprung wie
       das Wort „Faschismus“ – bedeutet, einen Säugling so stramm in ein Tuch
       einzuwickeln, dass sich seine Beine und Arme nicht rühren können; eine
       schädliche Technik, die früher weit verbreitet war, und sehr beliebt: Sie
       verlängert den Schlaf. Mueck hat die Grausamkeit der Methode noch
       optimiert, indem er die Kinderpuppe einfach in eine Ecke legen lässt, fast
       ebenerdig, wie weggeworfen: eine Ikone der Lieblosigkeit.
       
       Systematisch hat sich das Museum des Schlafmotivs angenommen, mitunter
       übersystematisierend. Wenig durchdacht wirkt zum Beispiel der Versuch, den
       „privaten“ vom „intimen“ und vom „Künstlerschlaf“ zu trennen.
       Schlimmstenfalls verengt so etwas den Blick, denn oft genug passen die
       Werke in mehrere Schubladen zugleich und beziehen gerade aus dieser
       Vielschichtigkeit ihre Stärke.
       
       So wie Michael Triegels fotorealistisches Ölgemälde „Schlafende Ariadne“:
       Es zeigt, sie wirkt fast lebensgroß, in Aufsicht eine bleiche Frau,
       geschlossene, Augen, hingestreckt auf orangener Draperie. Neben ihr liegt,
       ihr zugewandt, das rechte Bein besitzergreifend angewinkelt über ihre Knie,
       anstatt wie im Mythos Dionysos, der Gott der Sangeskunst, des Rauschs,
       größer als sie – eine hölzerne Gliederpuppe, die als das Accessoire des
       Malers von heute gelten kann. Ist das intim oder privat? Oder ein
       Selbstbildnis der Künstlers als hölzerner Liebhaber?
       
       Sehr schlüssig hingegen ist es, den häuslichen Schlaf anders zu betrachten
       als den in der Öffentlichkeit: Es ist dort, wo Moralisierung stattfindet,
       wo Schlaf sich mal als skandalöses Versagen der unterkühlten
       postindustriellen Gesellschaft offenbart, mal als Zeitverschwendung und
       Versagen gilt, verurteilt und verspottet wird. Wunderschöne
       Daumier-Karikaturen fallen hier auf, und, von bizarrer Komik, ein Video mit
       Animationen von Jochen Kuhn, „Immer müder“, ein scheinbar autobiografisches
       Stück zeigt einen Mann, einen Politiker, der ständig einschläft, bei jeder
       Gelegenheit – einfach auf der Straße, bei einem Sektempfang und als er im
       Parlament eine Rede halten soll: Das ist sehr lustig, selbst wenn das Opfer
       eines so unwiderstehlichen Drangs auch Mitleid verdienen könnte. Oder Neid.
       
       1 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
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