# taz.de -- Bundesliga-Nordderby: Kühn ohne Kühne
       
       > Über das schwache 0:0 gegen Werder könnte den HSV hinwegtrösten, dass
       > Talente den Sprung in die erste Elf schaffen. Bei den Bremern ist davon
       > nichts zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Hamburgs Tatsuya Ito kämpft mit Bremens Robert Bauer um den Ball
       
       Sonnabend, 18.30 Uhr. Beim Fernsehen heißt das „Topspiel“. Im Hamburger
       Volksparkstadion gähnen trotzdem Lücken. Über 2.000 Plätze sind leer
       geblieben. Und irgendwie haben die Leute ja auch Recht: HSV gegen Werder,
       das ist der Tabellen-15. gegen den 17. Der HSV hat seit 360 Minuten kein
       Tor geschossen, Werder seit April kein Bundesligaspiel gewonnen. Trostloser
       geht’s nicht.
       
       Am Ende steht es 0:0. Die Bremer haben nicht mehr als zwei halbe Torchancen
       zuwege gebracht, der HSV wartet nun seit 450 Minuten auf ein Tor. Und doch
       herrscht beim HSV ein kleines bisschen Euphorie. Weil die Hamburger Werder,
       wenn auch auf bescheidenstem spielerischem Niveau, eine Dreiviertelstunde
       lang beherrscht haben. Nur der Bremer Keeper Jiři Pavlenka verhinderte,
       dass sie dabei zum Torerfolg kamen.
       
       Hoffnung macht den Hamburgern das Personal: Den linken Flügel beackerte ein
       Mann, den bisher nur kannte, wer auch zu den Spielen der zweiten Mannschaft
       geht: Tatsuya Ito. Der 20-jährige Japaner, schon seit zwei Jahren beim HSV
       und vor einer Woche zu einem Bundesliga-Kurzdebüt in Leverkusen gekommen,
       flitzte die Seitenlinie entlang, grätschte und schlug gefährliche Flanken.
       Die Werder-Verteidiger wussten sich gegen den 1,63 Meter kleinen Wirbelwind
       oft nur mit Fouls zu helfen. Nur an der Dosierung seiner Energie muss er
       noch arbeiten: Nach nicht mal einer Stunde musste er mit Krämpfen vom Feld
       – unter tosendem Applaus.
       
       Weniger auffällig, aber ebenfalls stark spielte Vasilije Janjičić im
       defensiven Mittelfeld. HSV-Trainer Markus Gisdol war schon im Mai voll des
       Lobes für den erst 18-jährigen Schweizer gewesen. Nun hat er den Mut
       aufgebracht, die etablierten Lewis Holtby und Wallace auf der Bank sitzen
       zu lassen.
       
       Endgültig aus dem Häuschen waren die HSV-Fans, als kurz vor Schluss noch
       Jann-Fiete Arp zu seinen ersten Bundesliga-Minuten kam, Kapitän der
       U17-Nationalelf.
       
       Es mag Zufall sein, aber Gisdols neuer Jugendstil passt zeitlich sehr gut
       zur Ankündigung des HSV-Investors Klaus-Michael Kühne, (erst mal) kein
       weiteres Geld für Spieler-Transfers in den Verein zu buttern. Nur einen Tag
       später hatte Sportchef Jens Todt, der Kühnes Engagement seit jeher für
       mindestens „zweischneidig“ hält, tapfer die Devise ausgegeben: „Wir müssen
       eigene Talente durchbringen.“ Tags darauf gab Janjičić sein Saisondebüt,
       vier Tage später Ito. Ist es am Ende der für seine Spendierhosen viel
       geschmähte Milliardär, der den HSV auf einen nachhaltigen Kurs bringt,
       indem er den Geldhahn zudreht?
       
       Wenn der HSV dank seiner jungen Talente nun Licht am Ende eines – wenn auch
       noch etwas längeren – Tunnels sieht, kann man gleiches vom einstigen
       Ausbildungsverein Werder Bremen nicht behaupten. Der einzige Stammspieler
       aus der eigenen Jugend ist Philipp Bargfrede, mittlerweile 30 Jahre alt. In
       der Startelf stand in Hamburg mit Ulisses Garcia nur einer, der noch als
       Talent durchgeht – aber auch nur, weil Ludwig Augustinsson verletzt war.
       
       Erst nach einer guten Stunde hatte Trainer Alexander Nouri vom kümmerlichen
       Treiben seiner Elf genug und brachte mit Maximilian wenigstens einen der
       Eggestein-Brüder, Werders Versprechen für die Zukunft. Ob es nun an ihm
       lag, dass der HSV kaum mehr einen Fuß auf die Erde bekam, ist schwer zu
       sagen, kam doch gleichzeitig in Zlatko Junuzović einer jener
       verletzungsanfälligen Routiniers auf Feld, von denen Werder so abhängig
       ist.
       
       Auf eben so einem ruhen die Hoffnungen der Bremer für die mittlere Zukunft:
       Sie scheinen sich mit dem Gedanken arrangiert zu haben, dass Siege erst
       wieder möglich sind, wenn Stürmer Max Kruse von seinem Schlüsselbeinbruch
       genesen ist. Der Top-Scorer der Vorsaison war übrigens auch mal ein Talent,
       das mit 18 zu Werder kam. Aber das ist elf Jahre her.
       
       1 Oct 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Kahlcke
       
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