# taz.de -- Stichwort – gibt’s bald nicht mehr Wussten Sie, dass Sie sich hier inmitten einer Headline-Mechanik befinden? Die GrafikerInnen Janine Sack und Christian Küpker verantworten das neue Layout der taz. Ein Gespräch über Weißraum und den Wegfall des Kenkels: „Eigentlich hatte ich mir das schlimmer vorgestellt“
       
 (IMG) Bild: Noch sind dies nur Beispiele der Möglichkeiten des neuen taz-Layouts. Ab 2. Oktober erscheint die taz im neuen Design
       
       Interview Martin Reichert Fotos Karsten Thielker
       
       taz.am wochenende: Janine, Christian – ihr habt gerade viel Lebenszeit
       aufgewendet, um der taz ein neues Layout zu verpassen. Lohnt sich das
       eigentlich noch? Zeitungen, so heißt es, sind doch von gestern. 
       
       Janine Sack: Natürlich kann man insgesamt einen gewissen Auflagenschwund
       beobachten – aber die Zeitung ist ein Kulturgut, das man nicht einfach
       aufgeben sollte. Außerdem ist das mit dem angeblichen Ende der Zeitung ja
       auch noch nicht geklärt. Es ist sicher richtig, dass die taz ihr Angebot
       auf mehrere Kanäle verteilt – Tageszeitung, Wochenendausgabe, E-Paper,
       Veranstaltungen, Online, Social Media. Die LeserInnen und ihre
       Lesegewohnheiten ändern sich.
       
       Ein Layout zu verändern, das bedeutet, dass das Wohnzimmer umgeräumt wird.
       Das findet nicht jeder gut – was wird vom Alten bleiben? 
       
       Christian Küpker: Zunächst mal bleibt ja die Brotschrift (Die Schrift, die
       Sie gerade lesen. Anm. d. Red.). Das gewohnte Leseerlebnis wird also nicht
       gestört. Und die Spaltigkeit bleibt, auch wenn wir sie erweitert haben. Wir
       haben an anderen Stellen gedreht – an den Headline-Mechaniken …
       
       Also den Überschriften … 
       
       Christian Küpker: … da hatten wir das Gefühl, dass es ein Update braucht.
       Wir schreiben ja das Jahr 2017.
       
       Janine Sack: Was auf jeden Fall bleibt ist der Spirit. Ein gewisser Geist,
       auf den wir auch bei der Recherche gestoßen sind. Die Lust am Lauten,
       Witzigen, Verdrehten, auch Provokativen. Eine bestimmte Sprache, eine
       bestimmte Weise, auf die Welt zu schauen, die ja die taz ausmacht. Das
       versuchen wir jetzt auch visuell wieder stärker abzubilden.
       
       Motto, zurück in die Achtziger? 
       
       Janine Sack: Nein, natürlich nicht. Aber wir haben uns tatsächlich von
       alten Ausgaben inspirieren lassen – aus den Neunzigern. Da kann man
       natürlich nichts eins zu eins übernehmen, allein die Fülle von Text, die
       damals auf den Seiten stand, das entspricht nicht mehr heutigen
       Lesegewohnheiten – umgekehrt ist die Art, wie auf der Seite eins mit Themen
       umgegangen wurde zeitlos.
       
       Inwiefern? 
       
       Janine Sack: Weil es aggressiv ist, humorvoll, meinungsstark. Wir haben
       auch visuell durchaus Anleihen genommen – aber es sieht trotzdem,
       hoffentlich, nicht retro aus.
       
       Ist es nicht irgendwie witzig, dass die Titelseite der täglichen taz
       besonders gut in sozialen Medien läuft? Warum ist das so?
       
       Janine Sack: Es gibt eine wahnsinnige Sehnsucht, trotz digitaler Nutzung
       das vertraute Medium wiederzuerkennen und auch wirklich in den Händen zu
       halten, zu besitzen. Umgekehrt gibt es ja auch die Metapher des Analogen im
       Digitalen – es braucht einfach diese Anbindung, dieses Wiedererkennen von
       Formen. Wir sind in einer Übergangszeit – und da greifen die Leute gern auf
       etwas Vertrautes zurück.
       
       Okay, wie seid ihr nun konkret vorgegangen, habt ihr euch in unser Archiv
       eingegraben? 
       
       Janine Sack: Ehrlich gesagt haben wir uns das online angeschaut, alte PDFs.
       
       Oh nein, digital! 
       
       Janine Sack: Ja, aber ich hatte auch noch einiges im Privatarchiv. Alte
       gedruckte Ausgaben.
       
       Ihr seid also auch Leser? 
       
       Christian Küpker: In meiner alten WG in Hannover war die taz eines der
       sieben Abos. Ich war somit Beileser, das war in den Neunzigern. Online habe
       ich aber immer weiterverfolgt, was in der taz läuft.
       
       Janine Sack: Ich bin eine stete unregelmäßige Leserin. Keine Abonnentin.
       Aufgewachsen bin ich eigentlich eher mit Frankfurter Rundschau und Spiegel
       – aber je weniger links der wurde, desto interessanter wurde die taz.
       
       Beim Freitag hast du dann als Art-Direktorin gearbeitet? 
       
       Janine Sack: Ja, fast fünf Jahre. Da habe ich auch den Relaunch
       mitverantwortet.
       
       Das war 2009, zeitgleich gab es einen bei der taz. 
       
       Janine Sack: Ja, den habe ich damals auch mitverfolgt. Es ist eine Freude,
       dass ich nun den nächsten bei der taz mitgestalten kann.
       
       Nun aber doch auch eine Klage: Der Kenkel ist verschwunden. Das kleine
       Viereck, das als Orientierungshilfe dient. Warum musste der weg, den gab
       es doch immer! 
       
       Christian Küpker: Ich habe gelernt, das der einst von einem taz-Layouter
       namens Wolfgang Kenkel erfunden wurde.
       
       Janine Sack: Wir haben versucht, ganz viel zu reduzieren. Jemand hat unsere
       Arbeit neulich sinngemäß als „einfache, durchgeschriebene Art“ bezeichnet,
       und das trifft es ganz gut. Das war für uns eine Art Leitfaden. Intern
       haben wir das immer wieder für uns zitiert. Die Anläufe bei Kästen werden
       jetzt einfach gefettet, und dann geht der Text weiter – anstatt eines
       Kenkels und eines gefetteten Stichworts.
       
       Eine Vereinfachung also. 
       
       Janine Sack: Es gibt eine Auszeichnungsebene, und mehr braucht es auch
       nicht. Kenkel, Pfeile, Fettungen – wir haben versucht, das weitestgehend
       herunterzufahren. Wenige Elemente, ein ruhiger Fluss.
       
       Weniger Geflimmer! 
       
       Christian Küpker: Es gab zumindest sehr viele Hierarchien. Noch mal eine
       Rubrizierung, noch mal eine Unterzeile – sehr vieles schrie um
       Aufmerksamkeit, bis zu fünf Anläufe.
       
       Und jetzt „inhaltliche Fettung“. Allerhand – wer denkt sich das aus? 
       
       Janine Sack: Es geht darum, den Textanlauf zu fetten, anstatt ein Stichwort
       zu formulieren wie bislang. Vieles ist ja im Gespräch mit den Akteuren aus
       der taz entstanden. In dem Fall haben wir das vorgeschlagen – und das wurde
       sofort gut angenommen und auch ins „Stilbuch“ geschrieben.
       
       Die künftige Layoutbibel, an die sich alle halten müssen. Wie sieht es denn
       mit dem „Weißraum“ aus – also dem Platz, der weder mit Fotos noch mit Text
       belegt ist? 
       
       Christian Küpker: Auf einigen Seiten ergibt sich mehr Weißraum, weil
       Elemente wie die Kurzmeldungen weggefallen sind. Den haben wir quasi
       geschenkt bekommen. Aber auch unsere Art, mit Fotos umzugehen, sorgt für
       Platz. So geht nichts zu Lasten von Textlängen.
       
       Janine Sack: Allerdings hatten sowohl Layout als auch Fotoredaktion
       Bedenken, dass wieder Text in den Weißraum fließen wird.
       
       Jetzt sind wir Redakteure schuld! Na, die Fotoredaktion wird noch schön
       schauen, wenn die Fotos beschnitten werden und reingeschrieben wird. 
       
       Janine Sack:Das wird sicher eine interessante Auseinandersetzung. Jeder
       Bereich hat uns nun auch noch mal Anmerkungen mitgeteilt. Man kann da auch
       nicht alles in Regeln gießen. Ich glaube aber, dass ein Leser nicht besser
       bedient ist, wenn mehr Zeichen auf der Seite sind. Er braucht auch
       Orientierung, und der Weißraum hilft zu verstehen, was wo steht.
       
       Christian Küpker: … damit es statt nur voll zu sein auch gelesen wird.
       
       Die taz hat, anders als viele andere Publikationen, keinen Art-Direktor.
       Macht ihr euch Sorgen, was wir mit eurem Layout anstellen werden? 
       
       Janine Sack: Also Sorgen mache ich mir nicht. Das wird gut funktionieren.
       Aber es wird sich sicher verändern – und das soll es auch. Die Gefahr ist
       höchstens, das es mit der Zeit immer voller und dichter wird und dadurch
       weniger ansprechend.
       
       Wenn die Inhalte ins Blatt drängen. 
       
       Janine Sack: Bilder und Layout sind Teil der inhaltlichen Aussage. Aber wir
       haben einen Baukasten entwickelt, der ermutigt, freizügig zu arbeiten und
       vielen Anforderungen Rechnung zu tragen.
       
       Die taz. am wochenende soll sich von der täglichen Ausgabe unterscheiden –
       inwiefern? 
       
       Christian Küpker: In der Wochenendausgabe gibt es keine inhaltlichen
       Veränderungen. Aber wir haben eine andere Headline-Mechanik entwickelt,
       besonders für die großen Geschichten, die es ja im Wochenende verstärkt
       gibt.
       
       Janine Sack: Die Seiten am Wochenende werden anders bespielt, alles ist
       großzügiger gestaltet. Der Unterschied kommt daher stärker zum Tragen, als
       man denkt.
       
       Wart ihr eigentlich manchmal genervt von all den Akteuren, die hier bei der
       taz mitdiskutieren wollen? 
       
       Christian Küpker: Nein, eigentlich hatte ich mir das schlimmer vorgestellt
       …
       
       Janine Sack: Ernsthaft fand ich es sehr konstruktiv. Ein gutes Arbeiten.
       
       Christian Küpker: Ich hatte den Eindruck einer großen Offenheit gegenüber
       Veränderung.
       
       Eine Frage noch: Ursprünglich sollten die Überschriften der Artikel in
       Kleinbuchstaben geschrieben werden. Warum ist das jetzt doch nicht so? 
       
       Janine Sack: Es wurde sich dagegen entschieden.
       
       Es wurde sich dagegen entschieden? 
       
       Christian Küpker: Bei Wikipedia wird die taz ja sogar ausdrücklich erwähnt,
       wenn es um Kleinschreibung geht – und darauf hatten wir uns auch berufen.
       
       Janine Sack: Es gab Bedenken, dass es womöglich schlecht altert, man dessen
       also rasch überdrüssig werden könnte.
       
       Christian Küpker: Es war fifty-fifty.
       
       Zu eurer Grundidee für das taz-Layout gehört der „systematische Regelbruch“
       – zum Beispiel soll teilweise bis ganz zum linken Rand gedruckt werden. Ist
       das politisch zu verstehen? 
       
       Janine Sack: Manchmal fallen Dinge ja gut an den Platz … aber im Ernst
       wollten wir auch versuchen, an die Grenzen des Zeitungsdrucks zu gehen. Das
       war ein interessantes Hin und Her, auch mit den Druckereien. Der Vertrieb
       und die Layoutabteilung haben sich da wahnsinnig mit reingehängt, weil alle
       die Idee toll fanden. Aber das war nicht einfach.
       
       Christian Küpker:Es ging auch um den Faktor Zeit. Beim Druck muss an den
       Maschinen was umgestellt werden, das dauert. Bei einer Tageszeitung spielen
       schon fünfzehn Minuten eine Rolle.
       
       Manches Layout wäre auch schöner, wenn der Layouter den Text schon etwas
       früher hätte … 
       
       Janine Sack: Auf manchen Seiten fällt das nicht so ins Gewicht. Aber bei
       den Ressort-Aufmachern oder den großen Texten am Wochenende könnte das zu
       einem noch besseren Ergebnis führen. Das ist nicht immer möglich, klar.
       Aber es braucht da eine gute Zusammenarbeit der Abteilungen.
       
       (Das da links ist ein Kenkel) Martin Reichert (gefettet) steht total auf
       Blei.
       
       (Noch ein Kenkel und dann aus) Karsten Thielker (gefettet) findet, dass
       mutiges Layout gute Fotos besser macht.
       
       30 Sep 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Reichert
 (DIR) Karsten Thielker
       
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