# taz.de -- UN-Bericht zu Kriegsverbrechen in Kasai: Kongos Regierung deckt Massaker
       
       > Es gibt kollektive Morde an missliebigen Bevölkerungsgruppen im Kongo –
       > mit „direkten Befehlen und sorgfältiger Planung“ von Amtsträgern.
       
 (IMG) Bild: Eine Überlebende des Angriffs der regierungstreuen Miliz „Bana Mura“ auf das Dorf Cinq am 24. April
       
       Berlin |taz | | In der Kasai-Region der Demokratischen Republik Kongo
       begehen staatlich unterstützte Milizen Massaker, die als Verbrechen gegen
       die Menschlichkeit vor den Internationalen Strafgerichtshof gebracht werden
       könnten. Dies schreibt die UN-Menschenrechtskommission in [1][einem am
       Freitag veröffentlichten Bericht]. „Erschütternde Opferberichte deuten auf
       Komplizenschaft der Regierung in Massakern auf ethnischer Grundlage in
       Kasai hin“, erklärt die UN-Behörde. In Kasai wurden seit dem Ausbruch von
       Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und der oppositionellen Miliz „Kamuina
       Nsapu“ vor einem Jahr Tausende Menschen getötet und 1,4 Millionen
       vertrieben. Die Zahl der Flüchtlinge steigt immer weiter, humanitäre
       Hilfswerke haben zu ihnen kaum Zugang.
       
       Neuerdings gehen als „Bana Mura“ bekannte Milizen, die laut UNO zum Teil
       von staatlichen Stellen aufgestellt und aufgerüstet worden sind, kollektiv
       gegen die Volksgruppen der Luba und Lulua vor, aus denen sich die Kamuina
       Nsapu rekrutieren. Der UN-Bericht, der Vorfälle im Distrikt Kamonia der
       Provinz Kasai zwischen März und Juni 2017 schildert, erhebt nun die bisher
       konkretesten Vorwürfe gegen diese Milizen und deren Verbindungen in den
       Staatsapparat.
       
       „Während die Kamuina Nsapu gezielte Tötungen vorgenommen haben sollen,
       zumeist an Amtsträgern und mutmaßlichen Hexen, haben die Bana Mura
       angeblich einen Feldzug mit dem Ziel durchgeführt, die gesamte Luba- und
       Lulua-Bevölkerung in den von ihnen angegriffenen Dörfern auszulöschen“, so
       der UN-Bericht. Die Bana Mura in Kasai rekrutieren sich demnach aus den
       Volksgruppen der Tchokwe, Pende und Tetela. Ihren Namen haben sie sich
       selbst gegeben, so der Bericht, der allerdings nicht weiter ausführt, woher
       er kommt: „Bana Mura“ heißt „Leute aus Mura“ und bezieht sich auf die
       Militärbasis Mura bei Likasi in Katanga, eines der wichtigsten
       Ausbildungszentren der kongolesischen Armee.
       
       Als „Bana Mura“ wurden bereits nach Kongos umstrittenen Wahlen von 2011
       Angehörige von Todesschwadronen im Umfeld der Sicherheitskräfte bezeichnet,
       die gegen Anhänger des damaligen Oppositionsführers Etienne Tshisekedi
       vorgingen. Tshisekedi stammt aus Kasai, die Luba der Region sind die
       treueste Basis seiner Partei. Er erkannte damals seine Wahlniederlage gegen
       Präsident Joseph Kabila nicht an, und nach Protesten fielen Dutzende seiner
       Anhänger außergerichtlichen Hinrichtungen zu Opfer.
       
       ## „Direkte Befehle, sorgfältige Planung“
       
       Der Krieg in Kasai begann im August 2016, als Anhänger eines von der
       Polizei getöteten traditionellen Führers, den die Regierung nicht
       anerkannte, unter seinem Kriegsnamen zu den Waffen griffen. Genannt Kamuina
       Nsapu, drängte diese Miliz zunächst die Armee der Region mit Blitzangriffen
       auf Städte in die Defensive. Die Armee schlug mit blutigen Rachefeldzügen
       gegen die Zivilbevölkerung zurück.
       
       Laut dem UN-Bericht begann die Kamuina-Nsapu-Miliz im März 2017, nicht nur
       staatliche Stellen anzugreifen, sondern auch Angehörige von Volksgruppen
       mit hochrangigen Vertretern im staatlichen Sicherheitsapparat: Tchokwe und
       Pende. Daraufhin hätten diese Volksgruppen eigene Milizen gebildet. Laut
       den von der UNO befragten Opfern hätten diese Milizen seitdem Angriffe auf
       Dörfer „infolge direkter Befehle und sorgfältiger Planung durch mache
       lokalen Amtsträger“ durchgeführt.
       
       „Vom Team gesammelten Informationen deuten darauf hin, dass die Angriffe
       der Bana Mura vorgeplant zu sein scheinen, mit der aktiven Beteiligung
       identifizierter lokaler Amtsträger, nämlich Angehörige der Sicherheits- und
       Streitkräfte sowie traditioneller Führer“, heißt es in dem Bericht.
       
       ## 24. April: Das Massaker von Cinq
       
       So griffen die Bana Mura am 24. April das Dorf Cinq im Distrikt Kamonia der
       Provinz Kasai an – nachdem die lokalen Behörden die nicht-Lubasprachigen
       Bewohner aufgfordert hatten, den Ort zu verlassen, und traditionelle Führer
       der Tchokwe, Tetela und Pende auf Versammlungen ihre eigenen Anhänger mit
       Geld und Waffen ausgestattet hatten. Straßensperren wurden errichtet, um
       eine Flucht der Luba aus Cinq in Richtung der Provinzhauptstadt Tshikapa zu
       verhindern.
       
       Am 24. April griffen schließlich 200 bis 500 mit Macheten, Messern und
       Gewehren bewaffnete Männer Cinq an. „Zeugen sagten, dass sie unter den
       Angreifern lokale zivile und militärische Autoritäten erkannten.“ Die Luba
       und Lulua des Ortes wurden „in ihren Häusern, auf den Straßen, im nahen
       Wald, im Gesundheitszentrum und in einer Apotheke“ angegriffen. Zwei
       überlebende Mitarbeiter des Gesundheitszentrums sagten laut UN-Bericht aus,
       dass „90 Patienten, außerdem mehrere medizinische Kräfte und schutzuchende
       Dorfbewohner, erschossen, zerstückelt oder lebendig verbrannt“ wurden.
       
       Viele der Toten wurden geköpft, zwei schwangeren Frauen wurden die Bäuche
       aufgeschlitzt und die Föten zerhackt. In den Tagen danach wurden weitere
       Dörfer auf ähnliche Weise angegriffen. Einigen Überlebenden gelang in
       tagelangen Fußmärschen durch den Busch die Flucht nach Angola, manche mit
       klaffenden Wunden, die nach der Ankunft zu Amputationen führten. Die
       UN-Experten haben die Verstümmelungen mehrerer Überlebender aus Cinq
       fotografisch dokumentiert.
       
       ## 96 Flüchtlinge befragt
       
       Die UN-Experten befragten zwischen dem 13. und 23. Juni insgesamt 96
       Flüchtlinge aus Kasai im Nachbarland Angola. Auf Grundlage dieser
       Befragungen zählen die UN-Experten, dass zwischen 12. März und 19. Juni die
       Bana Mura 150 Menschen massakriert haben, die Kamuina Nsapu 79 und die
       Armee 22.
       
       Insgesamt spricht der UN-Bericht von „mindestens 282“ dokumentierten Opfern
       von Menschenrechtsverletzungen, davon 113 Frauen und 68 Kinder. Es gehe um
       251 extralegale Tötungen, 17 Verstümmelungen, neune Entführungen, vier
       Vergewaltigungen und eine Verhaftung. Von 62 getöteten Kindern waren 30
       unter acht Jahre alt.
       
       Diese Zahlen können aufgrund der geringen Datenbasis nur einen winzigen
       Ausschnitt des Gesamtgeschehens darstellen. Der Bericht konzentriert sich
       auf einen einzigen Distrikt einer einzigen der fünf Kasai-Provinzen. Nur
       30.000 der 1,4 Millionen Kasai-Flüchtlinge haben Angola erreicht. Viele
       andere irren monatelang ohne jede Versorgung in Kongos Wäldern umher. Die
       UN-Mission im Kongo (Monusco) hat bisher 80 Massengräber in Kasai
       identifiziert.
       
       Unabhängige Untersuchungen in Kasai werden der UNO von Kongos Regierung
       allerdings nicht gestattet. Im März wurde der Leiter der UN-Expertengruppe,
       die die geltenden UN-Sanktionen gegen den Kongo überwacht, in Kasai
       zusammen mit der Menschenrechtsexpertin der Gruppe ermordet, als sie
       Massengräber untersuchen wollten. Es gibt Hinweise, dass staatliche Stellen
       in diese Morde verwickelt waren.
       
       4 Aug 2017
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.ohchr.org/EN/NewsEvents/Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=21937&LangID=E
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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