# taz.de -- Die Wahrheit: Die Blutgrätsche für Beamte
       
       > Neues aus der Welt des Fußballs: Ein Relaunch des Spitzensports Nummer
       > eins ist in der Sommerpause dringend erforderlich.
       
 (IMG) Bild: Eine philosophische Diskussion über Nihilismus zwischen den Spielern Zinedine Zidane und Marco Materazzi auf dem grünen Feld der Ehre
       
       Sommerpause. Sobald Fußballhasser dieses Wort hören, taumeln sie
       glückstrunkend durch die vom Public Viewing befreiten Innenstädte. Ohne
       Gefahr zu laufen, unter die Räder marodierender Hooligan-Banden zu geraten
       oder sich einen doppelten Kreuzbandriss durch herumliegende Bierbecher
       zuzuziehen.
       
       Doch sollte diese Zeit der Sommerpause auch genutzt werden, um innezuhalten
       und nachzudenken, wie es um den einst so geliebten Sport steht, der selbst
       bei „Hardcore-Fans“ (Bravo Girl) immer weiter in Ungnade fällt:
       Kommerzialisierung, Ausverkauf, Langeweile, Laizismus – so die Vorwürfe.
       Unternehmensberater wissen: Läuft der Ball nicht mehr rund, dann ist es
       höchste Zeit für einen Relaunch. Glücklicherweise lässt sich der mit
       einfachen Maßnahmen schon zur nächsten Spielzeit umsetzen.
       
       Horrende Spielergehälter und groteske Ablösesummen empören nicht nur die
       Öffentlichkeit. Auch die Superstars verlieren allmählich den Überblick über
       ihre Briefkastenfirmen. Hier lässt sich leicht Abhilfe und Ordnung
       schaffen: Spieler werden verbeamtet. Ab sofort.
       
       ## Ordnungsgemäßer Versetzungsantrag
       
       Wenn ein Spieler den Verein wechseln möchte, stellt er bei der jeweiligen
       Landesbehörde einen Versetzungsantrag (bitte unbedingt die Antragsfristen
       beachten!). Wichtig: Für den ordnungsgemäßen Wechsel muss zwingend die
       Profifußballerbefähigung von der aufnehmenden Landesbehörde anerkannt
       werden. Ein lückenloser Nachweis der Ausbildungszeiten ist dafür
       unerlässlich.
       
       Wann hat der Spieler das erste Mal gegen einen Ball getreten? Mit welchen
       Mitspielern hat der Antragssteller bisher Fußball gespielt? Hier sind
       schriftliche Bestätigungen der infrage kommenden Personen zwingend
       erforderlich. Gab es Nebentätigkeiten in anderen Sportarten wie
       Kinderturnen, Schulschwimmen, Bockspringen oder Völkerball? Der Job des
       Spielerberaters wird sich in diesem Kontext verändern müssen. Da die
       aufwendigen Verhandlungen über Gehalt und Ablösesummen durch die
       Verbeamtung wegfallen, können sich die Berater dann voll und ganz auf das
       Ausfüllen von Formularen konzentrieren.
       
       Die Spielergehälter orientieren sich in Zukunft am Gehalt von
       Gymnasiallehrern: A 13, also rund 4.000 Euro brutto im Monat, mit Urlaubs-,
       Krankheits- und Weihnachtsgeld. Aufgrund der Arbeitszeitregelung fallen die
       lästigen Überstunden bei Verlängerung und Elfmeterschießen weg.
       
       Darüber hinaus bedarf es einer weiteren Maßnahme, um den Sport auch
       inhaltlich nachhaltig zu verändern. Fußball und seinen Fans wird
       bekanntlich eine gewisse Stumpfheit nachgesagt. Sobald aber ein Protagonist
       wie Pep Guardiola erscheint und mühelos einen Konditionalsatz formuliert,
       brechen Zuschauer und Kommentatoren in Begeisterungsstürme aus.
       
       Richtig ist: Mehr Intellektualität auf dem Rasen hieße, neue Zuschauer zu
       gewinnen. Auch solche, die sich bisher verächtlich von dem Volkssport unter
       Verweis auf seine proletarischen Wurzeln abgewandt haben.
       
       Beispiel Torlinien-Technik: Die Frage nach Tor oder Nicht-Tor hat nicht nur
       Shakespeare’sche Dimensionen, sondern bietet die ideale Chance, etwas
       Grundlegendes zu revolutionieren: Ob der Ball im Tor war oder nicht, wird
       jetzt nicht mehr gemessen, sondern diskutiert.
       
       Wenn der junge Abwehrstar nach dem Torschuss des Gegners schlüssig anhand
       von Quantenphysik und Schrödingers Katze darlegen kann, warum sich der Ball
       gleichzeitig sowohl im Tor, als auch außerhalb des Tores befindet und der
       Treffer daher leider (noch) nicht zählen kann, dann bekommt das Spiel eine
       ganz neue Dynamik.
       
       So entsteht ein neuer Spielertypus, der weniger auf körperliche, als
       vielmehr auf geistige Fitness setzt. Der sich auch während des Spiels eine
       Auszeit an der Eckfahne gönnt und dort philosophische Essays studiert, bei
       einem guten Glas Primitivo.
       
       ## Strömungen des Nihilismus
       
       Wenn dann in der 20. Minute eine spontane Diskussion im Strafraum entsteht
       und sich – bei leichten Knabbereien – die Spieler mit dem Schiedsrichter
       angeregt über verschiedene Strömungen des Nihilismus in Zeiten der
       Blutgrätsche austauschen, ja dann durchläuft ein Zittern die Südkurve. So
       viel Geist auf dem Platz war nie! Aber wo doch Sinn und Ziel in unserem
       Leben nicht anwesend sind, braucht es dann einen Gewinner auf dem Platz?
       Selbstverständlich nicht! Und erst recht keine Instanz, die über die
       Spieler richtet.
       
       Der Schiedsrichter wird, von den Zwängen seines Amtes entledigt, die Pfeife
       niederlegen. Er wird aus der gelben und roten Karte und dem
       überdimensionierten Dekra-Abzeichen einen großen Joint drehen und diesen in
       einem Akt der Selbstbefreiung im Mittelkreis rauchen. Danach wird er sich
       ein kleines Erdloch am Elfmeterpunkt graben und dort als Eremit der
       schmerzhaften Erkenntnis nachgehen, dass alles in allem Nichts ist.
       
       Die Spieler werden währenddessen die Anarchie auf dem Platz ausrufen. Alles
       ist erlaubt: Kopulationen mit Torpfosten, Ehebünde mit Rasenstücken,
       Gewaltausbrüche gegenüber Vereinsmaskottchen, Bengalos rauchen und
       Seitenlinien koksen. Nicht zu vergessen – Gelage und Orgien jedweder
       Couleur.
       
       Endlich dürfen auch die Nicht-Ronaldos der Fußballwelt Narzissmus und
       ungebremste Individualität auf dem Feld zur Schau stellen! Der Stürmer als
       Pandabär verkleidet, der Mittelfeldregisseur im schicken Jersey-Anzug, der
       Torwart nackt – endlich jeder nach seiner Fasson. Dann und nur dann
       schmerzen auch die massiven Einkommensverluste durch die Verbeamtung ganz
       sicher nicht mehr.
       
       25 Jul 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nico Rau
       
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