# taz.de -- Der Antisemit braucht keine Juden
       
       > MedienAm Mittwoch wird das Erste die Dokumentation „Auserwählt und
       > ausgegrenzt – Der Hass auf die Juden in Europa“ zeigen. Der Film hat
       > Mängel, stellt aber das Wesentliche richtig dar: Antisemitismus in
       > Gestalt von Antizionismus und Verschwörungstheorie
       
 (IMG) Bild: Mohammed Amin al-Husseini trifft Soldaten der islamischen Freiwilligenlegion anlässlich der Eröffnung des Islamischen Zentralinstituts im „Haus der Flieger“, Berlin 1942
       
       von Ulrich Gutmair
       
       Das Erste wird am Mittwochabend die TV-Dokumentation „Auserwählt und
       ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ zeigen. Anschließend soll die
       Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger darüber diskutieren. „Dabei werden
       auch die vom WDR beanstandeten handwerklichen Mängel der Dokumentation
       berücksichtigt“, hieß es bei der ARD.
       
       Die von Arte und WDR bestellte und dann nicht gesendete Dokumentation
       „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf die Juden in Europa“ hat in der
       Tat Mängel. Die Filmemacher beschäftigen sich mit zu vielen Themen,
       verlassen sich zu stark auf ihre Interviewpartner und bleiben an manchen
       Stellen an der Oberfläche. Sie lassen auf israelischer Seite keine
       Historiker und Experten zu Wort kommen, sondern Leute, die mal mehr, mal
       weniger fundiert ihre Meinung zum Nahostkonflikt formulieren und dabei auch
       widerlegte historische Mythen wiederholen.
       
       Auch hätten die Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder auf Polemik
       verzichten und stattdessen so nüchtern und präzise wie möglich beschreiben,
       zitieren und argumentieren sollen.
       
       Dennoch haben die Filmemacher den Kern der Sache korrekt dargestellt: Sie
       zeigen, dass der Antisemitismus ein Weltbild bereitstellt, das Menschen aus
       sehr unterschiedlichen Gruppen miteinander verbindet. Sie zeigen, dass es
       sich dabei um einen Antisemitismus handelt, dessen Narrative oft einem
       spezifisch islamistischen Antisemitismus entstammen. Sie zeigen, dass
       dieser Antisemitismus eine krude Mischung aus uralten antijüdischen
       Stereotypen, antiliberalen und antiemanzipatorischen Ressentiments und
       Verschwörungstheorien ist, die häufig im Rahmen eines militanten
       Antizionismus formuliert und vom dünnen Mäntelchen der „Israelkritik“
       kaschiert werden.
       
       ## Der vergiftete Brunnen
       
       Der Antisemit braucht keine Juden. Und auch die neuen antisemitischen
       Antizionisten in Europa werden sich durch Kenntnisse der realen
       Verhältnisse in Nahost nicht bei der Pflege ihrer Projektionen stören
       lassen. Antisemitismus ist die Verdinglichung des Abstrakten in der Figur
       des Juden, der die Welt kontrolliert.
       
       Antisemitismus ist daher kein bloßer Rassismus, und er ist selbst in
       Kontexten anschlussfähig, die sich selbst als antirassistisch definieren.
       Der Antisemitismus schafft einen Rahmen, mit dessen Hilfe eine komplexe
       Welt verständlich gemacht werden kann.
       
       Der Film beginnt mit dieser Szene aus dem vergangenen Sommer: Der
       Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, wird von
       den Mitgliedern des Europäischen Parlaments mit Beifall bedacht, obwohl er
       zuvor die uralte Mär von der Brunnenvergiftung zum Besten gegeben hat.
       Gerade letzte Woche, erzählte Abbas, hätten israelische Rabbiner wieder
       einmal gefordert, das Wasser der Palästinenser zu vergiften: „Ist das nicht
       Anstiftung zum Massenmord?“ Dass das niemand gestört zu haben scheint,
       Martin Schulz sich stattdessen twitternd für die „inspirierende Rede“
       bedankte, ist verstörend. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Denn
       Abbas behauptete auch, wenn die Besatzung ende, dann ende der Terror in der
       ganzen Welt.
       
       Damit hat er das zentrale Phantasma eines Antizionismus formuliert, der im
       Kern antisemitisch ist: Wenn die Israelis erst aus den palästinensischen
       Gebieten verschwinden, werde Friede auf Erden herrschen. Abbas gibt dies in
       einem historischen Moment von sich, als der syrische Diktator Assad bereits
       für den Tod von weit mehr Arabern verantwortlich ist als alle
       Kolonialmächte und Israel zusammen, wie der amerikanische
       Politikwissenschaftler Moishe Postone im Film sagt.
       
       Warum bleibt Abbas’ Behauptung unwidersprochen? Weil sie eine Hypothese
       zuspitzt, die vielen Reportagen und Features über den Nahostkonflikt seit
       dem Sechstagekrieg von 1967 zugrunde liegt. Wir kennen diese
       disproportionale Denkfigur so gut, dass sie uns in Fleisch und Blut
       übergegangen ist: Der Nahostkonflikt ist einer der zentralen Konflikte der
       Gegenwart. Israel ist Täter, die Palästinenser sind Opfer. Wäre der
       Konflikt gelöst, wäre die Welt ein gerechterer Ort. Eben das macht diese
       Dokumentation in Wahrheit so „heikel“ (FAZ).
       
       Der oben skizzierte Antisemitismus ist eine Reaktion auf die Moderne. Seine
       Popularität verdankt er auch den über den NS-Kurzwellensender Radio Zeesen
       seit 1941 auf Arabisch, Farsi, Türkisch und Hindi ausgestrahlten
       antisemitischen Propagandaprogrammen. Diese richteten sich gezielt an
       Muslime. Der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, der von 1941 bis 1945
       von Berlin aus die muslimisch-bosnischen SS-Divisionen befehligte, war für
       diese Programme mitverantwortlich.
       
       Sie fügten dem antimodernen Antisemitismus eine europäische,
       nationalsozialistische Komponente hinzu, die sich als höchst erfolgreich
       erweisen sollte, wie der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel gezeigt
       hat: Die Muslime hatten die Juden traditionell nur als minderwertig und
       deswegen eher als bemitleidens- denn hassenswert betrachtet. Nun aber
       wurden sie als extrem mächtige Feinde des Islam, als Verkörperung der
       Moderne inszeniert. Die Bilder und Narrative dieses Antisemitismus sind ein
       Bumerang, der nach Europa zurückgekehrt ist. Die Filmemacher zeigen etwa
       eine große Auswahl von Musikvideos aus Deutschland und Frankreich, die sich
       in Hasspropaganda und Vernichtungsfantasien gegenüber Israel und Juden
       ergehen.
       
       ## Der zwölfte Imam
       
       Die antisemitische Ideologie der Nazis wurde auch von den Muslimbrüdern
       rezipiert, sie hat die Politik der PLO genauso wie Ajatollah Chomeinis
       islamische Revolution beeinflusst. In der politischen Theologie des
       iranischen Gottesstaats hat der Hass auf die Juden auch eine
       messianische Dimension: Wenn der zwölfte Imam erscheint, wird Israel
       vernichtet werden.
       
       Einen entscheidenden Punkt in diesem Zusammenhang erwähnen die Filmemacher
       leider nicht: Dieser Antisemitismus gehört zum ideologischen Kernbestand
       von Regimen im Mittleren Osten, denen an der Verstetigung des
       Nahostkonflikts gelegen ist, weil er als zentrales Motiv einer Propaganda
       dient, die von eigener Misswirtschaft, von Korruption, Terror und
       Menschenrechtsverletzungen ablenken soll.
       
       Der Film widmet sich dem Umstand, dass sich eine ganze Armada von NGOs in
       den palästinensischen Gebieten und Israel betätigt. Diese leisten zum Teil
       notwendige Arbeit, manche verfolgen aber eine Politik, die kontraproduktiv,
       wenn nicht ethisch fragwürdig ist, etwa wenn sie die internationale
       Boykottbewegung unterstützt.
       
       Wenn man nach Gaza reist, sollte man fairerweise auch den anderen Teil der
       Geschichte erwähnen: Natürlich gibt es auch in Israel Interessen, die es
       wünschenswert erscheinen lassen, dass alles so bleibt, wie es ist. Darauf
       hinzuweisen, haben die Autoren leider verzichtet. Sie hätten zumindest
       erklären müssen: Es gibt nicht nur Gaza, sondern auch das Westjordanland.
       Es gibt gute Gründe, ein Ende der israelischen Besatzung zu fordern. Das
       Phänomen des Antisemitismus aber wird nicht mit der Besatzung verschwinden,
       weil es mit ihr ursächlich nichts zu tun hat.
       
       Teile der Aufnahmen aus Gaza-Stadt sind erhellend. Die Filmemacher
       berichten von Menschen, die ihnen erklären, die Europäer sollten ihre
       Zahlungen an das Hamas-Regime einstellen, bis es zusammenbreche. Das ist
       eine Forderung, die den Stereotypen widerspricht, die nicht nur die
       selbsternannten Freunde der Palästinenser in Europa – seien sie
       friedensbewegte Protestanten, BDS-Aktivisten, Verschwörungstheoretiker,
       Pegidisten, Antiimperialisten oder rappende Hassprediger – aufrufen, wenn
       sie das Bild vom „Freiluftgefängnis Gaza“ oder gar vom „Ghetto Gaza“
       zeichnen.
       
       Der Antisemitismus richtet sich gegen die liberale, moderne Gesellschaft
       als solche. Hafner und Schroeder stellen in ihrem Film in Bezug auf einige
       der großen Anschläge in Frankreich, etwa auf den koscheren Supermarkt und
       das Bataclan in Paris eine wichtige Frage: „Warum tut sich die
       gesellschaftliche Mehrheit so schwer, antisemitischen Terror auch so zu
       benennen?“
       
       Gegen Ende der Doku lassen die Filmemacher François Pupponi, den
       sozialistischen Bürgermeister von Sarcelles an der Pariser Peripherie, zu
       Wort kommen. In seiner Kommune leben traditionell Christen, Muslime und
       Juden zusammen, über viele Jahrzehnte ohne größere Probleme. Doch wegen
       massiver Anfeindungen verlassen nun immer mehr Juden den Ort in Richtung
       Israel. Pupponi sagt: „Die französischen Juden glauben, dass sie in
       Frankreich keine Zukunft haben. Ich bitte sie, zu bleiben, weil wenn sie
       gehen, ist Frankreich tot. Wenn ein Jude seinen Glauben hier nicht mehr
       leben kann, dann gibt es unsere säkulare Republik, unsere Idee von
       Religionsfreiheit nicht mehr.“
       
       19 Jun 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrich Gutmair
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA