# taz.de -- Der Erpressungstrojaner „WannaCry“: Ein Netz von Unsicherheiten
       
       > Warum Geheimdienste Sicherheitslücken kaufen – und was die
       > Lösegeld-Attacke vom Wochenende mit Bananen zu tun hat.
       
 (IMG) Bild: Seit Freitag waren weltweit zehntausende Computer von Erpressungstrojanern betroffen – auch die der Deutsche Bahn
       
       Es gibt eine Haltung in Sachen IT, auf die sich vom Apple-Nutzer bis zur
       Mitarbeiterin mancher Technik-Abteilung so ziemlich alle einigen können:
       Never change a running system. Fass bloß nichts an, was gerade
       funktioniert, die Chance, dass etwas kaputtgespielt wird, nicht mehr läuft
       oder haufenweise Anwender anrufen, die sich beschweren, dass der gewohnte
       Button nicht mehr an der gewohnten Stelle ist, ist riesig.
       
       Never change a running system ist total praktisch. Nicht nur, weil man sich
       nicht damit auseinandersetzen muss, ein System neu aufzusetzen, denn es
       funktioniert ja alles. Man kann das sogar guten Gewissens tun.
       
       Bis – na ja.
       
       Was am Wochenende passiert ist, war kein GAU. Nicht einmal annähernd. Okay,
       der ein oder andere Parkhaus-Automat funktionierte nicht, bei Renault
       hatten 3.500 Mitarbeiter am Montag frei, in China war an zahlreichen
       Tankstellen nur noch Barzahlung möglich. Und bei der Deutschen Bahn haben
       sie ein paar Tafeln rausgekramt, um die Fahrtziele draufzuschreiben. Mit
       Kreide. Süß.
       
       ## Die Regierungen und Geheimdienste
       
       Für Patienten in Großbritannien war es wahrscheinlich nicht so süß, im
       Krankenhaus keine Behandlung zu bekommen, weil System kaputt. Aber es gab –
       soweit bekannt – kein Atomkraftwerk, bei dem die Kühlung ausgefallen ist,
       kein Tower, dessen Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt wurde, und auch
       keinen Börsencrash, weil irgendwelche Bots auf einmal nicht mehr an
       dringend benötigte Daten kamen und deshalb freidrehten. Es war, sozusagen,
       ein Warnschuss. Mit etwas Pech der letzte.
       
       Die Sofort-Maßnahme: Systeme aktuell halten. Das scheint für einige schon
       schwer genug zu sein. Aber das reicht nicht. Denn es gibt in der ganzen
       Sache noch ein zweites Problem und das sind Regierungen und Geheimdienste.
       
       In diesem Fall hatte sich die NSA das Wissen über eine Sicherheitslücke der
       nun von dem Angriff betroffenen Microsoft-Systeme organisiert.
       Sicherheitslücken, die der Hersteller der Software noch nicht kennt und die
       noch nicht veröffentlicht wurden, sogenannte Zero-Day-Exploits, sind
       ungemein attraktiv für Angriffe. Auf dem Schwarzmarkt werden dafür Preise
       im bis zu siebenstelligen Bereich gezahlt. Auch staatliche Organisationen
       sind über Umwege gerne dabei. So tragen sie dazu bei, das Sicherheitsniveau
       zu senken – und machen Unternehmen und Infrastruktur auch im eigenen Land
       angreifbar.
       
       Ein Glück daher, dass Hacker die Lücke veröffentlichten – das machte es
       immerhin möglich, sie zu schließen. Eine [1][kürzlich veröffentlichte
       Studie] ergab: Im Schnitt sieben Jahre liegen zwischen dem Entdecken eines
       Zero-Day-Exploits und dem Schließen. Genug Zeit nicht nur für
       Geheimdienste, sondern auch für diverse andere Akteure, sich mal in einem
       System umzuschauen. Vielleicht gibt es dabei ja was zu holen? Persönliche
       Daten, politisch Brisantes, Geld?
       
       Aber alle Interessenten an Zero-Day-Exploits hätten es deutlich schwerer,
       wären Softwarehersteller dafür bekannt, ihre Produkte stets superausgereift
       auf den Markt zu bringen. Beliebt ist eher das Bananenprinzip. Grün
       ausgeliefert, reift beim Kunden. In der Zwischenzeit mit Vorsicht zu
       genießen.
       
       Was nun dazukommt und das Problem in alle Richtungen verstärkt, ist die
       aktuelle Debatte über digitale Kriegsführung. Auch die Bundeswehr soll dazu
       fähig sein, in Computer irgendwo auf der Welt einzudringen. Das Ausnutzen
       von Sicherheitslücken ist da quasi Teil des Systems. Doch den Fokus auf die
       Attacke zu legen statt darauf, Systeme so gut wie irgend möglich dicht zu
       kriegen, ist nichts weiter, als ein Netz von Unsicherheit aufzubauen. Und
       damit Sicherheit zu versprechen.
       
       15 May 2017
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.rand.org/pubs/research_reports/RR1751.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Svenja Bergt
       
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