# taz.de -- #110 Seitdem Polizisten auf Twitter und Facebook unterwegs sind, erscheinen vormals hartleibige Beamte wie sympathische Menschen von nebenan. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Und zugleich ein hohes Risiko: Wie witzig dürfen Polizisten sein?
> Accounts von Polizeibehörden soll es in Deutschland in etwa geben. 2016
> waren es circa 90, im Jahr 2012 um die 19
(IMG) Bild: 1. Mai in Berlin. Die Demonstration läuft auch durch die sozialen Medien. Die Polizei läuft mit
Aus Bayreuth und BerlinPhilipp Daum (Text) und Karsten Thielker (Fotos)
Die Kameras laufen, als Hauptkommissar Heiko Mettke und Oberkommissar Bernd
Elzinger ihre Messer in wackelnden Zuckerguss drücken. Mettke schneidet in
eine Torte mit hellblauem Vogel, das ist das Logo des sozialen Netzwerks
Twitter. Elzinger säbelt durch ein weißes F, das Zeichen von Facebook. Der
Eintritt des Polizeipräsidiums Oberfranken ins digitale Zeitalter beginnt
mit zwei Buttercreme-Mandarine-Torten. Die Schwester von Heiko Mettke hat
für diesen Tag extra gebacken.
So erzählen es Mettke und Elzinger zwei Wochen später, an einem nasskalten
Februartag in ihrem Bayreuther Büro. Neben ihnen stehen fünf Bildschirme,
die Logos von Facebook und Twitter hängen an der Wand. Die hat Mettkes Frau
gemalt. Mettke, 44, groß, schwarzsilbernes Haar und sehr blaue Augen, und
Elzinger, 31, klein, rotes Gesicht, bilden das Social-Media-Team der
Polizei Oberfranken.
Seit zwei Wochen posten die beiden über Verkehr, Glatteis, Verbrechen und
kuriose Diebstähle. Sie schreiben auf Twitter und Facebook fast dasselbe.
„Bekiffter Autofahrer in Naila.“ Daneben setzen sie ein Emoji, eines dieser
gelben Kugelgesichter, das Menschen in vielen sozialen Netzwerken benutzen,
um Gefühle auszudrücken oder einen Eintrag bunter zu machen. Das hier
schreit.
„Rasender Pizzabote.“ Pizzaemoji.
„Über Diebe, die es auf Mandeln abgesehen haben, u. a. lest ihr in unseren
Polizeimeldungen aus Oberfranken“.
An einem Montag twittern sie das Bild eines Sonnenaufgangs: „Bei einem
solchen Anblick fällt der Start in die Woche doch schon viel leichter.
#mondaymotivation.“ Sonnenemoji.
Und einmal posten sie eine Warnung vor einem Betrüger, der sich als
Couchsurfer ausgibt. Dazu haben sie einen Mann mit Neoprenanzug und
Surfbrett, der nach einem Laptop greift, auf eine Ledercouch montiert.
Diese Mischung aus Informationen und Unterhaltung hat ihnen in nur zwei
Wochen 900 Follower bei Twitter und 10.000 Fans bei Facebook eingebracht.
Polizisten auf Twitter und Facebook – das hat in den Großstädten begonnen,
in Frankfurt und Berlin. Aber inzwischen machen sie das auch in der
Provinz. Nach Erfahrungen beim Twittern zum G-7-Gipfel in Elmau 2015 und
dem Amoklauf in München, als sich Gerüchte über soziale Netzwerke wieder
einmal sehr schnell verbreiteten, gab Bayerns Innenminister Joachim
Herrmann die Anweisung: Alle zehn Polizeidirektionen Bayerns benutzen
künftig Twitter und Facebook. Die Oberfranken waren im Januar die Letzten.
Mittlerweile zählen Experten über 200 Accounts von Polizeiinstitutionen,
darunter das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei. Inzwischen haben die
ersten Polizeibeamten individuelle Accounts.
Was verspricht sich die Polizei davon?
Berlin, 1. Mai. Kriminaloberkommissarin Monique Pilgrimm öffnet ihr
Lunchpaket. Sie bedient heute den Einsatzkanal der Berliner Polizei bei
Twitter und gleich beginnt in Kreuzberg die „Revolutionäre 1. Mai Demo“.
Sie sitzt in einem großen Raum, hohe Wände, abgewetzte Dielen. Ständig
piept das Einsatzprotokollsystem der Polizei, oft klingelt das Telefon,
meistens ist es der Führungsstab.
Der sitzt eine Etage über ihr. Im zweiten Stock des Polizeipräsidiums
Berlin drängen sich 35 Leute in einem Glaskasten zwischen Bildschirmen und
Funkgeräten. Sie koordinieren über 5.000 Polizistinnen und Polizisten.
Twitter ist für sie ein Arbeitsinstrument. „Einsatzmittel“ heißt es im
Polizeijargon. Bei Demonstrationen, bei Amokläufen und Terrorattacken
wollen die Beamten bestimmen, welches Bild sich die Menschen von der Lage
machen. „Gerade bei Einsätzen verbreiten sich Gerüchte. Dem muss man
entgegentreten, sonst gibt es Panik“, sagt Stefan Jarolimek. Er ist
Professor für Kommunikationswissenschaft an der Deutschen Hochschule der
Polizei in Münster und erforscht, wie die Polizei soziale Medien benutzt:
„Beim Amoklauf in München war am Ende jeder Sektkorken ein Schuss. Und wenn
Journalisten unter Zeitdruck arbeiten, kommt es durchaus zu
Falschmeldungen.“
Während über Facebook vor allem direkt mit der Bevölkerung kommuniziert
werde, richte sich Twitter verstärkt an Journalisten. „Dort sind nur 6 bis
7 Prozent der Internetnutzer“, sagt Jarolimek. „Aber gerade im Einsatz
erreicht man viele Multiplikatoren.“
In seinem Glaskasten im zweiten Stock autorisiert der Führungsstab am Abend
des 1. Mai „taktische Tweets“, bevor sie ins Netz gehen. Taktische Tweets
sind die, die Polizeitaktik betreffen. Ein Beispiel: „Unser #Hubschrauber
verschafft sich jetzt einen Überblick über das #Myfest und die Verkehrslage
in #Kreuzberg. #b0105“.
Es ist 18.44 Uhr. In Kreuzberg laufen die Demonstranten los.
Im Präsidium blickt Monique Pilgrimm, 39, blonde Locken, Herzchenpullover,
auf einen Bildschirm mit einem Kartenausschnitt von Kreuzberg. Diese
taktische Karte zeigt Anfang und Ende des Zugs – und drei Zahlen: 8.000
Demonstranten, davon 500 Gefahrenkategorie Gelb, 250 Kategorie Rot. Dann
piepst es. Das Einsatzprotokollsystem der Polizei meldet:
„Kleinpflastersteine gefunden und entsorgt.“
Die Berliner Polizei hat für den 1. Mai eine Doppelstrategie. Innensenator
Andreas Geisel (SPD) hatte schon vor Tagen erklärt: „Kommunikation, solange
es friedlich bleibt, und hartes Durchgreifen gegen Gewalttäter.“ Deswegen
soll die unangemeldete „Revolutionäre 1. Mai Demo“ so lange wie möglich
laufen, die Polizei will keine Eskalation.
## Trotz Axtangriff und Bombe ein schönes Wochenende
18.49 Uhr. Pilgrimms Telefon läutet, es ist der Führungsstab mit einem
Auftrag. Über Twitter soll verbreitet werden, dass die Demo keinen
Verantwortlichen benannt hat, der mit der Polizei kommuniziert. Um 18.55
Uhr twittert Monique Pilgrimm mit dem Einsatzaccount der Berliner Polizei:
„Revolutionäre #1Mai-Demo läuft zzt. durch Naunynstraße. Verantwortliche
für die Demo haben jede Kooperation mit uns abgelehnt.“
Um 18.56 Uhr twittert @161-Ausbildung, ein linker Demobeobachter, aus dem
Zug: „Bisher keine Probleme.“
Für die Polizei Oberfranken spielt Twitter als Einsatzmittel keine so große
Rolle. Zwar will man vorbereitet sein, schließlich gab es in der Nähe, bei
Würzburg, im vergangenen Jahr einen Axtangriff und in Ansbach einen
Sprengstoffanschlag.
Doch Elzinger und Mettke benutzen Facebook und Twitter eher zur
Imagepflege, um Nachwuchs anzuwerben und um Straftaten aufzuklären. Sie
setzen Fahndungsaufruf auf Facebook, das mögen die Leute, das kennen sie
aus dem Fernsehen, aus Sendungen wie „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“. Vor
allem aber machen soziale Netzwerke die Polizeiarbeit messbar. Was
interessiert die Leute? Was nicht?
Die beliebtesten Posts der beiden waren bisher: der Imagefilm der Polizei
Oberfranken, der Burgen, Schlösser und Polizeiautos zeigt; und ein kleines
Video, mit dem sie den Leuten ein schönes Wochenende gewünscht haben.
Mettke sagt: „Eine gesunde Mischung der Inhalte ist sinnvoll. Realität ja –
aber auch Unterhaltung. Man darf das Publikum nicht mit Horrormeldungen
überfrachten.“
Die Linie ihrer Kommunikation beschreiben die beiden als nah, aber seriös.
Das Ende ihres Imagevideos zeigt einen Schriftzug: #aktuell #regional
#echt.
„Die Polizei hat schon immer versucht, der Bevölkerung von ihrer Arbeit zu
berichten“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stefan Jarolimek. „Lange
funktionierte das über den Journalismus. Aber die Öffentlichkeit hat sich
verändert. Sie kann jetzt direkt medial mit den Menschen in Kontakt treten,
ohne den Umweg über den Journalismus.“
Auf der Facebookseite der Polizei Oberfranken herrscht dabei große
Harmonie: Ruhiges Wochenende! Danke für Eure Arbeit! Die einzige Kritik in
den ersten beiden Wochen: Die Technomusik des Imagefilms gefällt manchen
nicht.
Auf einem Regal steht eine Blume aus Holz mit einem Twittervogel als Blüte,
Heiko Mettke hat sie am Wochenende geschnitzt. Über allem schwebt der Lärm
der Bauarbeiter, die gerade das Dach abdecken. Work in progress.
Es dauert lange, eine Behörde mit klaren Befehlsketten für die
Schnelligkeit sozialer Netzwerke fit zu machen. In Bayreuth seien vor
allem die Polizeireporter der lokalen Presse skeptisch gewesen, erzählt
Heiko Mettke. „In Gesprächen schwang immer ein bisschen die Angst mit, dass
deren Arbeit überflüssig werden könnte.“ Dazu kamen technische
Schwierigkeiten. Man musste man erst einmal spezielle Rechner einrichten,
die nicht mit dem Polizeinetzwerk in Verbindung standen. Denn diese
Computer mit sensiblen Daten besitzen gar keine oder nur sehr langsame
Internetverbindungen.
Mettke und Kollege Elzinger sind dann zu Schulungen gefahren, zur
Social-Media-Abteilung der Polizei München, die damit in Bayern am meisten
Erfahrung hat. Nach knapp vier Monaten Social Media werde der
Facebook-Auftritt gut angenommen, sagt Heiko Mettke. „Die Leute sind
interessiert, aber sehr brav. Es gibt wenige, die Kritik äußern. Dabei
stehen wir sachlicher Kritik in anständiger Form sehr offen gegenüber.“
Die Berliner schreiben weniger anständig. Der erste Kommentar, den die
Polizei dort auf Facebook erhielt, war: „Wie ist denn die Haschqualität in
der Hasenheide heute?“ Damals reagierten die Beamten nicht.
Vor ein paar Tagen gratulierte ein Nutzer zum dreijährigen Jubiläum: „Super
Job hier, weiterhin viel Erfolg! Aber: Hat sich die Haschqualität in der
Hasenheide in den letzten drei Jahren auch so prächtig entwickelt?“ Die
Antwort: „Auf jeden Fall haben wir unsere Einsatztaktik dort
weiterentwickelt.“ Schlagfertiger war die Polizei Frankfurt, als jemand sie
auf Twitter fragte, welche Strafe fällig sei, wenn man mit ein paar Gramm
„Grass“ erwischt werde. Antwort: „Welches Buch?“
Die Polizei hat über die Jahre dazugelernt. Die Behörde passt sich eher dem
Netz an, nicht umgekehrt. Vor ein paar Monaten twitterte die Berliner
Polizei eine Geschichte über eine Kontrollstreife, die ein völlig marodes
Fahrzeug aus dem Verkehr zog, verrätselt mit siebzehn Emoticons und
verlinkt auf die Auflösung bei Facebook. Andere Posts aus den letzten
Tagen: Ein gefundener Hamster, den die Belegschaft eines Streifenwagens auf
„Sir Henry“ getauft hat und der in einer kleinen Pappkiste mit auf Einsätze
fuhr, alles mit Fotos dokumentiert. Und ein Mitarbeiter des
Social-Media-Teams, der am 4. Mai, dem Star-Wars-Tag, mit Laserschwert
posierte.
Die Polizei gibt sich bürgernah, authentisch, wie der nette Kollege von
nebenan: Der gibt entlaufenen Hamstern Spitznamen und fragt auf Facebook:
Hat jemand diesen Hund gesehen? Er feiert Star Wars und freut sich wie alle
aufs Wochenende.
Wenn ihm einer blöd kommt, antwortet er schlagfertig.
Und wenn es ernst wird, verhaftet er dich.
## 276.000 Menschen folgen der Berliner Polizei
In den sozialen Medien verschwimmt die Grenze zwischen Polizeiarbeit und
PR. Taktische Tweets wie Aufforderungen an Demonstrationsteilnehmer kommen
aus derselben Hand wie die Bilder vom niedlichen Hamster. Das ist ein
bisschen so, als würde ein Verkehrspolizist Tickets fürs Falschparken
verteilen und dabei immer miterzählen, wie gern er Katzen mag.
Die Polizei versucht sich öffentlich so gut wie möglich zu verkaufen. Kann
sie dann noch Dinge tun, die sie schlecht dastehen lassen?
Berlin, 1. Mai, 19.01 Uhr. Das Einsatzprotokoll der Polizei meldet mit
einem Piepsen: „Vereinzelt Flaschenwürfe auf PolKräfte.“ Monique Pilgrimm
verfasst einen Tweet, da piepst es wieder: „Pyros und Nebeltöpfe“.
Um 19.16 twittert Monique Pilgrimm: „Aus der Demo kam es zu Flaschenwürfen
auf Kolleg, Pyrotechnik & Nebeltöpfe wurden gezündet. Sie wird nun
seitlich & in der Spitze begleitet.“
Um 19.17 twittert der Beobachter-Account @161 Ausbildung: „Spalier von
beiden Seiten.“
Yvonne Tamborini, Pilgrimms Chefin, sagt, dass sie natürlich berichten,
wenn auf einer Demo Straftaten begangen werden. Wenn zum Beispiel Steine
und Flaschen geworfen werden, folgt daraus, dass Polizisten ein Spalier
bilden. „Die Leute fragen sich natürlich, warum. Polizeiliche Maßnahmen
muss man begründen“, sagt Tamborini.
Das klingt ein wenig nach dem Philosophen Jürgen Habermas, der sich die
ideale Kommunikation als möglichst frei von Verzerrungen durch Macht oder
Hierarchien vorstellt. „Herrschaftsfreier Diskurs“ heißt das bei ihm. Das
würde bedeuten, eine Behörde ließe sich auf das Niveau von Bürgern herab,
vielleicht sogar bis auf Augenhöhe und die Polizei wäre angreifbarer.
Eine solche Bereitschaft zum Dialog ist ein Wagnis. Die Polizei geht
Risiken ein, denn der Unmut in den sozialen Netzwerken trifft auch sie.
Einmal verloste die Polizei Sachsen eine Fahrt im Wasserwerfer und wurde
gefragt, ob es auch einen Schnupperkurs für Pfefferspray gebe? Sie brach
das Gewinnspiel ab.
In Berlin wird der Dialog mit den Bürgern hart kalkuliert. Man antworte auf
Fragen, aber nur, wenn die Antwort allen Nutzern etwas bringt, sagt Monique
Pilgrimm. Auf lange Diskussionen und Vorwürfe lasse man sich nicht ein. Sie
checkt bei kritischen Fragen auf Twitter: Wie viele Follower hat der
Account? Kann der Post viral gehen? Bedroht er unsere Hoheit über die
Information? Sie überlegt auch, ob die Antwort auf eine Frage sie und ihre
Kollegen gut dastehen lässt. Oft werden die Beamten für ihre schlagfertigen
Tweets und Posts gelobt. Auch eine Konsequenz aus der Vermischung von PR
und Polizeiaufgaben.
Die Reichweite und den Einfluss der Polizei in den sozialen Medien
beobachten auch die Autoren der Fachzeitschrift Cilip, die seit Ende der
70er Jahre über Bürgerrechte und Polizei berichtet. Einer schreibt 2014,
als die Berliner Polizei sich Twitter zulegt, das werde mehr Druck auf
Veranstalter politischer Demonstrationen ausüben, denn die hätten einen
schlechteren Zugang zu Zeitungen und Agenturen. Er schreibt: „Im Wettstreit
um die Informationshoheit verschafft Twitter der Polizei einen enormen
Vorsprung.“
Dem Einsatzaccount der Berliner Polizei folgen 276.000 Menschen. Dem
Bündnis „Revolutionärer 1. Mai“ 1.076 Personen.
19.21 Uhr. Monique Pilgrimm öffnet ein Programm, das die Reaktion der
Twitternutzer auf die Tweets der Berliner Polizei sammelt. Der Tenor ist
bislang positiv, es gibt aber Vorwürfe: Warum lässt sich die Polizei eine
unangemeldete Demo gefallen?
Pilgrimm bespricht das mit dem Führungsstab. Der Auftrag: Es soll
kommuniziert werden, dass man die Versammlungsfreiheit hochhalte, aber
Straftaten verfolge. Fünf Mal gehen Vorschläge hin und her. Um 20.14 Uhr
twittert Pilgrimm: „Wir erdulden & ermöglichen Teilnehmer*innen der #R1MB
Demo viel, jedoch dokumentieren wir beweissicher & verfolgen Straftaten
konsequent“.
Nutzer @Gwittertott, der die SPD in einem Tweet die „Scharia Partei
Deutschland“ nennt, schreibt: „Staatsversagen in 140 Zeichen.“ Bisher war
es so: Die Rechten verteidigten die Polizei, die Linken kritisierten sie.
In den sozialen Medien bekommt die Polizei in letzter Zeit immer mehr
Kritik von rechts.
Als in Heidelberg vor ein paar Monaten ein 35 Jahre alter deutscher Student
mit einem Wagen in einem Menschenmenge rast, kocht auf Twitter die
Gerüchteküche: Warum veröffentlicht die Polizei nicht die Nationalität des
Täters!? Das war ein Flüchtling!? Oder doch wenigstens ein Muslim! „Bei
Zuwanderern hätte man es monatelang verschwiegen“, schrieb einer. Und die
Polizei: „Nö, hätte man nicht, jedenfalls wir nicht.“ Noch heute zweifeln
einige auf Twitter und Facebook an der Darstellung der Polizei.
## Schüchtern fliegt eine Flasche gegen die Scheibe
Den Begriff „Lügenpresse“ benutzen viele Menschen seit Längerem in den
sozialen Netzwerken. An diesem Tag schreiben welche auf Twitter von der
„Lügenpolizei“.
Vielleicht irritiert die Rechten der Ton. Jahrzehntelang war der
preußisch-streng, und jetzt trifft man zumindest im Internet plötzlich auf
selbstironische, oft sympathische Menschen, auf Tierbilder und
Sonnenemojis. In den Tweets zu einer linksradikalen Demo gibt es
Gendersternchen.
Soziale Medien und die Polizei – für den Kommunikationswissenschaftler
Stefan Jarolimek ist das eine Erfolgsgeschichte: „Ich bin der Überzeugung,
dass die Polizei durch Social Media wieder näher an der Bevölkerung dran
ist, weil sie ihre Arbeit erklärt. Das Image der Polizei ist heute besser
als vor zehn Jahren, auch durch Social Media.“
1. Mai, 21.47 Uhr. Ein Reporter der Boulevardzeitung BZ twittert:
„Spreewaldplatz erste verletzte Polizisten bei Auseinandersetzungen“. Dazu
ein Video. Monique Pilgrimm schaut sich das an: Eine Polizeiwanne bahnt
sich den Weg durch eine Menschenmenge. Eine einzelne Flasche fliegt
schüchtern gegen die Frontscheibe. „Mhmjoa“, macht Pilgrimm: „Wenn der
schon so was twittert, ist nichts los.“
Der Abend bleibt ruhig. Um 22.30 Uhr twittert Pilgrimm ein Dankeschön an
die Polizeibeamten, die aus anderen Bundesländern zur Demo angereist sind.
Nutzer @LerbsMichael, zwei Follower auf Twitter, fragt: „Warum tragen die
Kollegen aus anderen Bundesländern teilweise keine Kennzeichnung an ihren
Uniformen? Ich denke dies ist in Berlin Pflicht?“ Keiner antwortet.
Philipp Daum, 29, hört gern Polizistenlieder aus den 80ern: „Sie rauchen
‚Milde Sorte‘, weil das Leben ist doch hart genug.“
Karsten Thielker, 51, lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin.
13 May 2017
## AUTOREN
(DIR) Philipp Daum
(DIR) Karsten Thielker
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