# taz.de -- Kolumne So nicht: Ein erotisches Europa für alle
       
       > In der Politik darf es nicht nur um Gut gegen Böse oder um
       > Neoliberalismus gegen Faschismus gehen – eine dritte Option ist immer
       > gut.
       
 (IMG) Bild: „Gehörig angefeuchtet“: Philosophen bei Platons Gastmahl, Gemälde von Anselm Feuerbach (1873)
       
       Eins von den 5 Dingen, die ich an der Uni gelesen und mir gemerkt hab, ist
       das Saufgelage von Platon, besser bekannt als Gastmahl oder Symposion. Der
       Grund für den bleibenden Eindruck ist sicher, dass ich fortan den Eindruck
       hatte, wer mit und über Leidenschaft diskutiert, ist nie ganz nüchtern. Es
       beschwingt das Rumspinnen und beflügelt die Vorstellungskraft ungemein,
       wenn ein bisschen Ausschweifung herrscht.
       
       Im Gastmahl hängen ein paar Philosophen, Künstler und Redenschreiber in den
       Seilen, weil sie noch verkatert vom gestrigen Zechen – oder wie es
       Aristophanes formuliert, „gehörig angefeuchtet“ – sind. Das hält sie aber
       trotzdem nicht davon ab, sich erneut einschenken zu lassen und ausgerechnet
       in diesem Zustand die Leidenschaft, den Eros, zum Gegenstand ihrer
       rauschhaften Unterhaltung zu wählen: Warum ausgerechnet dieser Gott Eros so
       ein Wichtigtuer ist, wie er wurde, was er ist, warum sich ständig alles um
       ihn dreht, wo man ihn überall trifft und verpasst und warum er der Beste
       ist, den wir haben. Auch in der Politik.
       
       Dabei lässt Platon den Aristophanes über die Gründe des Umarmens,
       Vereinigens und Verlangens erzählen: Der Mensch sei mal ein Kugelwesen mit
       vier Beinen gewesen, das von Zeus zweigeteilt wurde und das seitdem auf der
       Suche nach seiner bessere Hälfte ist, wofür es Geschlechtsteile erhielt.
       Wie viel Liter Wein der Gute da schon intus hatte, überliefert Platon
       leider nicht en detail.
       
       Am Sonntag war wieder Leidenschaft: Präsidentschaftswahlen in Frankreich.
       Hocherotisch. Wenigstens mussten wir uns nicht gleich wieder anhören, dass
       das Land geteilt ist, die Gesellschaft gespalten, die Nation d’amour
       gesplittet. Von Fifty-fifty-Franzosen kann nämlich nicht die Rede sein.
       Wenn schon, dann müsste von der geviertelten Nation gesprochen werden. Nach
       dem Höhepunkt, der Hochrechnung, hörten wir dann doch wieder vom
       bevorstehenden Kampf Gut gegen Böse, Europa gegen Antieuropäer,
       Neoliberalismus gegen Faschismus, Protektionismus gegen Marktwirtschaft,
       Erneuerer gegen das Establishment.
       
       ## Unheimliche Vorstellung
       
       Es liegt in der Natur der Sache eines Duells, dass es zu einem auf Leben
       und Tod gemacht wird. Ob sich das für die französische Präsidentschaftswahl
       so einfach darstellen lässt, lese man bei den Experten nach, die sich in
       dieser Hinsicht mehr als uneinig sind. Dass der linke Kandidat Mélenchon es
       vorgezogen hat, lieber keine Empfehlung für die Stichwahl abzugeben, fanden
       viele bäh, igitt, unsympathisch.
       
       Was aber gehörig nervt, ist, dass alle politischen Fragen an der Frage, ob
       und wie das den Rechtsextremen schadet, geführt werden. Ob ein neoliberales
       Frankreich sich mit Europa harmonisch vereinigt, ohne dass sich die
       Sozialpolitik verändert? Nicht, dass mir Mélenchon ob seiner
       Volkssturmrhetorik sonderlich sympathisch wäre. Aber die Vorstellung von
       Europa, das keine Parteien, sondern nur noch Bewegungen kennt, ist mir
       unheimlich; eine dritte Option zu haben kann nie schaden. Was Aristophanes
       in seinem Kugelwesenmythos vernachlässigte: Vereinigung geht auch zu dritt.
       Auf ein erotisches Europa für alle! Prost.
       
       25 Apr 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Doris Akrap
       
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