# taz.de -- Mussorgski in der Komischen Oper Berlin: Pute mit Pope
       
       > Barrie Kosky hat an seiner Komischen Oper versucht, das Fragment „Der
       > Jahrmarkt von Sorotschinzi“ von Modest Mussorgski zu inszenieren.
       
 (IMG) Bild: Szene aus Modest P. Mussorgskis „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ an der Komischen Oper
       
       Es soll und muss deftig zur Sache gehen in diesem Stück, das fast nie
       aufgeführt wird, weil ihm dafür so gut wie alles fehlt. Der geniale, aber
       alkoholkranke Mussorgski hat jahrelang daran gearbeitet. Seine Skizzen
       waren so radikal, dass es selbst seinen Freunden davor gegraust hat. Fertig
       geworden ist er nie.
       
       Barrie Kosky liebt solche Abenteuer. Die paar original überlieferten
       Bruchstücke können nur mit Ergänzungen anderer Komponisten überhaupt
       zusammengesetzt werden. Er hält sich an eine russische Fassung aus den 30er
       Jahren, fügt zusätzlich Lieder von Mussorgski ein und bleibt wie immer sehr
       nah am Stoff. Er nimmt ihn beim Wort und so entstehen mitunter Szenen von
       bezwingender, grotesker Komik.
       
       Jens Larsen und Tom Erik Lie etwa stecken sturzbesoffen im selben Mantel,
       was die beiden zu einem akrobatischen Slapstick-Strip zwingt. Später muss
       Agnes Zwierko als zanksüchtige Ehefrau Ivan Turšic, ihren Liebhaber, den
       Sohn des Dorfpopen, vor den beiden Suffköppen verstecken, die zu früh in
       ihre Küche kommen. Wohin mit ihm? Sie stopft ihn kopfüber in den
       Putenbraten, woraufhin er für immer neue Verwirrungen sorgt.
       
       ## Im Geist von Nikolai Gogol
       
       Der gerupfte Teufelsbraten scheint zu leben, bewegt sich hin und her auf
       dem Tisch bis er im rauchenden Backofen verschwindet. Braun geröstet und
       immer noch rauchend kehrt er in Versammlung des Dorfes zurück: Das ist ganz
       sicher Gogols Geist, auf dessen Erzählungen aus dem (ukrainischen!) Dorf
       Mussorgski seine komische Volksoper aufbauen wollte.
       
       Nur blitzt er kurz auf und vergeht dann wieder. Die Hauptrolle spielt
       ohnehin der Chor, für den Mussorgski sein berühmtes Klavierstück „Die Nacht
       auf dem Kahlen Berge“ umgeschrieben und instrumentiert hat – auf seine
       handfeste Art der Verletzung sämtlicher Regeln seiner Zeit.
       
       Die Orchesterfassung ist bis heute ein Hit in den Konzertsälen der Welt,
       mit Chor klingt der Hexensabbat für Instrumente etwas gedämpfter, es geht
       nicht nur um die russisch-ukrainische Walpurgisnacht. Die Stimmen des
       Chores bremsen die Orgien aus, weil sie von der Angst des Dorfes singen, in
       dem ein Teufel umgeht.
       
       ## Bewundernswerter Chor
       
       Großartige Musik ist das, die weit in das 20. Jahrhundert vorausweist.
       Unter Henrik Nánásis Leitung spielt sie das Orchester genau so, wie man sie
       spielen muss: nicht zu laut und nicht zu schnell, immer darauf bedacht,
       alle Einzelteile des chaotischen Kaleidoskops erkennbar aufklingen zu
       lassen. Und die Leistung der Chöre ist schlichtweg bewundernswert.
       
       Die Chorsolisten, der Kinderchor und das Vocalconsort Berlin verschmelzen
       nie zur bloßen Klangmauer, immer hat man des Gefühl, Individuen zu hören,
       die nun mal in ihrem trostlosen Dorf zusammenleben, singen, tanzen, saufen,
       fressen, ficken, und ständig Angst haben vor bösen Geistern.
       
       Um diese Angst zu zeigen, schiebt Kosky mehrfach lange Generalpausen ein,
       in denen der Chor wie eingefroren zum Standbild erstarrt. Plötzlich, ohne
       erkennbaren Grund, schreien die Stimmen auf und rennen davon. Das ist nicht
       schlecht, aber es reicht nicht, weil es Episode bleibt.
       
       ## Alle stehen sie in Reih und Glied
       
       Ausgerechnet für diesen grandiosen Chor ist dem Regisseur sonst sehr wenig
       eingefallen. Er schiebt ihn auf der leeren Bühne hin und her, minimal
       choreographierte Gruppen bilden sich heraus, aber am Ende stehen sie dann
       doch wieder alle in Reih und Glied an der Rampe.
       
       Katrin Lea Tag hat das Bauernvolk in Trachten und Anzüge gekleidet, die ein
       wenig an russische Folklore erinnern, vor allem aber dunkel und brav
       aussehen. Die Teufel auf dem kahlen Berg stecken in Schweinemasken, aber
       warum sie gerade in ihrer Nacht der Nächte ganz hinten auf der Bühne ruhig
       und friedlich an einer üppig gedeckten Abendmahls-Festtafel sitzen bleiben
       müssen, ist schwer zu begreifen. So wird das einfach nichts mit diesem
       Jahrmarkt und seinen Gespenstern.
       
       Mirka Wagner und Alexander Lewis, der einzige Gast dieser Produktion,
       spielen ein Liebespaar, das sich gegen Agnes Zwierkos böse Frau mit ihrem
       gebratenen Popen durchsetzen muss. Sie singen ihre Rollen sehr schön,
       wirken dabei aber doch nur wie weitere Ruhepunkte, die dem seltsam starren
       Theaterspiel erst recht kein Leben einhauchen können.
       
       ## Auch Kosky macht daraus kein Theaterstück
       
       Das mag sicher auch daran liegen, dass es schon Mussorgski nicht gelang,
       eine so konventionelle Spielhandlung in die sprunghafte, mit disparaten
       Elementen vermeintlicher und echter Volksmusik versetzte Konzeption seines
       letzten Bühnenwerkes zu integrieren. Auch Kosky konnte daraus kein
       Theaterstück machen, aber die zwei Stunden pausenloser Spieldauer seines
       gescheiterten Berliner Versuchs waren nicht umsonst.
       
       Denn Henrik Nánási gelingt es, ein außerordentliches Stück Musik zu
       erschließen, dessen bizarre Schönheit alle Schlaglöcher des Theaters
       ausfüllt. Schade, dass es seine letzte Produktion als Chefdirigent ist. Er
       verabschiedet sich mit einem wunderbaren Geschenk an sein Publikum.
       
       4 Apr 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Niklaus Hablützel
       
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