# taz.de -- Letztes Länderspiel von Lukas Podolski: Der Klimaschützer
       
       > Lukas Podolski spielt am Mittwoch seine letzte Partie im DFB-Trikot. Die
       > jüngere deutsche Fußballgeschichte hat er entscheidend mitgeprägt.
       
 (IMG) Bild: Sie schauen sich die Nationalelf nur noch vom Sofa aus an: Poldi (links) und Schweini, hier auf einem Foto aus dem Oktober 2006
       
       Der Deutsche Fußball-Bund war immer froh, den Poldi zu haben, einen
       sympathischen Markenbotschafter der Nationalmannschaft. Lukas Podolski ist
       so gar nicht aus dem Holz des Fußballbundes geschnitzt.
       
       Dieser Apparat, eine Art Geheimbund mit angeschlossenem Sportbetrieb,
       leistet sich eine Presseabteilung, die das nordkoreanische
       Informationsministerium neidisch machen würde. Der DFB hat Funktionäre
       beschäftigt, die am großen Rad der Korruption gedreht haben und trotzdem
       als reine Menschenfreunde gefeiert werden wollen. Und jetzt ist dort jemand
       Chef, der irgendwie an Helmut Kohl erinnert und an Bierzeltromantik im
       ländlichen Niedersachsen.
       
       Aber lassen wir das und wenden uns der Frohnatur zu, die sich längst in
       einer höheren Sphäre der Volkstümlichkeit bewegt und auf deren
       Klingelschild nur die Koseform „Poldi“ stehen könnte und alle wüssten
       Bescheid. Das hatte er einmal gemein mit seinem siamesischen
       Fußball-Zwilling, Schweini. Poldi und Schweini, das waren in den nuller
       Jahren die Enfants terribles des Nationalteams. Schweini hat dann versucht,
       im Abwehrkampf gegen das Spätpubertäre den Diminutiv hinter sich zu lassen
       – durch herz- und schmerzhafte Auftritte als Kapitän der Nationalmannschaft
       und durch einen viertelstaatsmännischen Gestus.
       
       Das Coming of Age eines Fußballprofis ist Podolski nicht ganz so gut
       gelungen. Er hatte als Kölner aber auch immer andere Verbindlichkeiten.
       
       Das Freundschaftsspiel am Mittwoch gegen England (ARD, 20.15 Uhr) ist das
       letzte Spiel für den 31-Jährigen. 129 Mal steckte er im Trikot des
       Deutschen Fußball-Bundes, nur Miroslav Klose und Lothar Matthäus liegen in
       dieser Statistik vor ihm. 48 Tore hat er geschossen, mehr als Jürgen
       Klinsmann oder Rudi Völler (beide 47). Gestern, auf seiner letzten
       DFB-Pressekonferenz, sagte er, jetzt nach 13 Jahren aufzuhören, das sei
       „ein komisches Gefühl“.
       
       ## Leichter, technischer, fluffiger
       
       An Podolski lässt sich die jüngere Geschichte des deutschen Fußballs
       erzählen. Für viele beginnt die ja erst im Jahre 2006 mit der
       Weltmeisterschaft im eigenen Land, als Deutschland nicht nur
       fußballpatriotisch auffällig wurde, sondern sich auch ein neuer Stil
       durchsetzte. Das deutsche Spiel, bis dahin leicht panzerig oder rumpelig,
       wurde plötzlich leichter, technischer, fluffiger. Es war eine Zeit des
       Umbruchs. Leistungszentren und Jugendarbeit wurden wichtig, genauso wie
       Mentalcoaches, Fitnesstrainer, Ernährungsberater und Taktikfreaks. Als ein
       solcher galt Joachim Löw. Noch so ein Sympathieträger, der dem ollen DFB
       ein freundliches Gesicht gab. Es dauerte nicht lang, da wurde auch Löw
       vereinnahmt. Als Jogi machte er Karriere, neben Schweini und Poldi.
       
       Der Jogi ist jetzt Weltmeistertrainer, der Schweini ein Celebrity, die
       [1][es in die USA zu den Chicago Fire zieht], und Poldi, der mit seinem
       polnischen Migrationshintergrund dann auch noch Mitglied der
       Internationalmannschaft wurde, beglückte halb Europa mit seiner
       Fußballkunst. Er verzückte zum Beispiel die Fans des FC Arsenal nicht nur
       mit Dribblings auf der linken Seite und gewohnt strammen Linksschüssen,
       sondern auch mit recht verblüffenden Kenntnissen der englischen Sprache.
       
       In London schaffte er es aber nur selten in die Startelf, und auch in der
       DFB-Auswahl war Podolski die meiste Zeit eher Ergänzungsspieler, dessen
       Wert sich nicht nur auf dem Rasen zeigte, sondern im Mannschaftsquartier
       als Buddy und Supertype. „Er hat eine unglaubliche Empathie“, sagte Löw
       gestern, „jedem hat er das Gefühl gegeben, wichtig zu sein.“
       
       ## Außenminister der Nationalmannschaft
       
       Podolski, der im Sommer nach Japan geht, wuchs in die Rolle des
       Außenministers der Nationalmannschaft hinein. Seinen denkwürdigsten
       Auftritt hatte er nach der Schnüffel-Affäre von Löw. Der Bundestrainer
       hatte sich selbstvergessen ins Schamhaar gefasst und dann, von Kameras
       beobachtet, an seiner Hand gerochen, was nicht nur in Boulevardmedien
       diskutiert wurde. Podolski sagte anschließend: „In der Mannschaft ist das
       kein Thema, ich denke, achtzig Prozent von euch und auch ich kraulen sich
       mal an den Eiern. Von daher ist alles gut.“
       
       Mit solchen Auftritten rechtfertigte er weitere Nominierungen in den Kader
       des DFB-Teams, sportlich hatten ihn andere längst überholt. Löw ist ein
       Mann, der loyal ist und zu schätzen weiß, was altgediente Spieler fürs
       Mannschaftsklima tun können, vor allem während eines Turniers, wenn die
       Spieler wochenlang aufeinanderhocken. Da braucht es Sportler, die für
       Entspannung und Unterhaltung sorgen. Kicker wie Podolski.
       
       Gut möglich, dass er auch seine Mitspieler mit Bonmots zum Lachen brachte.
       Der schönste dieser Sprüche stammt allerdings gar nicht vom Offensivspieler
       selbst, sondern von Jan Böhmermann: „Fußball ist wie Schach – nur ohne
       Würfel.“
       
       Das DFB-Team ohne Poldi – das ist wie Dame ohne Roulettekessel.
       
       22 Mar 2017
       
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 (DIR) Markus Völker
       
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