# taz.de -- Kolumne Unter Leuten: Kolumbiens Tarzan
       
       > Er sieht aus wie eine Kreuzung aus Rolf Eden und Indiana Jones: Kapax ist
       > ein echter Urwaldheld. Er kämpft mit bösen Männern und Riesenschlangen.
       
 (IMG) Bild: Die Große Anakonda kann kann mehrere Meter lang werden: für richtige Tarzane kein Problem
       
       Es ist eine schwüle Sommernacht in der Kleinstadt Leticia am Amazonas, als
       sich für meinen Kollegen Andres aus Kolumbien ein Jugendtraum erfüllt. Wir
       sitzen an der Gartenbar eines Hotels, vor uns eiskalter Caipirinha, hinter
       uns der Regenwald. Plötzlich gerät Andres ins Stammeln. Ich drehe mich um.
       Neben mir sitzt ein etwa 70-jähriger Mann vor einem Drink. Er sieht aus wie
       eine Kreuzung aus Rolf Eden und Indiana Jones: Schulterlange, blondierte
       Haare, sonnengegerbtes Gesicht, schräger Hundeblick. Das ist Kapax,
       flüstert Andres. Der Tarzan Kolumbiens.
       
       Im ganzen Land wachsen Kinder mit ihm auf, wie bei uns mit Winnetou. Er hat
       Krokodile bezwungen, mit Indios die Friedenspfeife geraucht und ein
       Fotobuch über seine Abenteuer herausgebracht. Ein echter Urwaldheld. Andres
       spricht ihn an.
       
       Presse? Kapax hat Zeit. Gleich morgen früh, acht Uhr, hier im Hotel. Dort
       arbeitet er schließlich. Als Hausmeister. Am nächsten Morgen stehen wir
       wieder vor der Gartenbar. „Buenos“, brummt es hinter uns. Es ist Kapax.
       
       Bei Tageslicht wirkt sein zerfurchtes Gesicht gealtert und faltig. Außerdem
       reicht mir Kapax, dessen Name so viel bedeutet wie „der Große,
       Vielfassende“, nur bis zur Schulter. Kapax führt uns in eine muffige Hütte
       hinter dem Pool. Er öffnet den Deckel eines Bastkorbs und zeigt auf eine
       vier Meter lange Anakonda, die aufgerollt wie ein Gartenschlauch vor sich
       hindämmert.
       
       „Fürs Foto“, brummt er.
       
       Zu dritt hieven wir die Würgeschlange ins Freie, allein schafft es der
       Urwaldheld nicht. Der Rücken. Nach dem Shooting spricht Kapax über sein
       Fotobuch. Er holt ein dünnes Heft aus der Tasche.
       
       Ob die Bilder gestellt sind? „Nein, nein“, sagt Kapax. „Alles echt.“
       
       Ich blättere. Die Story erinnert an die Fotoromanze aus der Bravo – nur
       ohne Romanze. In einigen Szenen schwimmt Kapax grimmig dreinblickenden
       Ureinwohnern davon. Zweifellos gestellt. Die Darsteller haben sich beim
       Verkleiden nicht mal Mühe gegeben. Kapax ist ein echtes Fake-Idol, denke
       ich später. Ich finde das beruhigend. Auch Nationalhelden sind eben nur
       Menschen.
       
       26 Feb 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Eins
       
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