# taz.de -- PKK-Prozess in Berlin: In den Kellern von Cizre
       
       > Der HDP-Abgeordnete Faysal Sarıyıldız erhob in Berlin-Moabit schwere
       > Vorwürfe gegen die türkische Regierung. Er ist Zeuge in einem
       > PKK-Prozess.
       
 (IMG) Bild: Menschen aus Cizre vor ihrem zerstörten Haus, nachdem es in dem Distrikt am 2. März 2016 zu Kämpfen zwischen der PKK und Regierungstruppen kam
       
       Berlin taz | Dienstagmorgen im Kammergericht Berlin-Moabit. Faysal
       Sarıyıldız betritt Raum 701 im schwarzen Anzug. Der Richter fragt seine
       persönlichen Daten ab. Auf die Frage nach seinem Beruf antwortet er:
       „Abgeordneter des türkischen Parlaments.“ – „Aber sie wohnen derzeit in
       Köln?“ – „Seit acht Monaten, ja.“ – „Weshalb?“ – „Weil in der Türkei ein
       Haftbefehl gegen mich vorliegt und ich nicht mit einem fairen Prozess
       rechnen kann.“
       
       Sarıyıldız, der im Exil seine Tätigkeit als Abgeordneter der prokurdischen
       Partei HDP de facto nicht mehr ausüben kann, stammt aus Cizre, einer
       120.000-Einwohner-Stadt in der südosttürkischen Provinz Şırnak. Sarıyıldız
       werden in der Türkei unter anderem Mitgliedschaft in einer
       Terrororganisation und Waffenschmuggel vorgeworfen. Er verließ das Land
       bereits vor dem Putschversuch im vergangenen Juli, und bevor die beiden
       Kovorsitzenden sowie unzählige weitere Mitglieder der HDP festgenommen
       wurden.
       
       Doch das ist nicht der Grund, weshalb Sarıyıldız vor dem Berliner Gericht
       erscheint. Er sagt als Zeuge im Prozess gegen Ali D. aus, dem von der
       Staatsanwaltschaft die Mitgliedschaft in der bewaffneten kurdische
       Arbeiterpartei PKK vorgeworfen wird. Sarıyıldız, der sich entschieden hat,
       auf kurdisch auszusagen, erklärt, er kenne D. nicht und sehe ihn zum ersten
       Mal. Die Verteidigung lud ihn ein, um seine Beobachtungen von
       Menschenrechtsverletzungen seitens der türkischen Sicherheitskräfte in den
       kurdischen Gebieten zu schildern. Damit die Zusammenhänge des bewaffneten
       Widerstands klarer werden.
       
       Es sind schwere Vorwürfe, die Sarıyıldız am Dienstag gegen die türkische
       Regierung erhebt. Er hielt sich während der vom Staat verhängten
       Ausgangssperren im September 2015 und von Dezember 2015 bis März 2016 in
       Cizre auf. Während der ersten Ausgangssperre seien 24 Menschen getötet
       worden, die von offizieller Seite als Terroristen eingestuft wurden.
       Sarıyıldız aber habe eine Liste mit den Namen aller Verstorbenen geführt,
       die belege, dass es sich mehrheitlich um Zivilisten gehandelt habe. Es
       befänden sich ein zwölfjähriges Mädchen und ein fünf Monate altes Baby
       unter ihnen. Krankenwagen seien nicht durchgelassen, verletzte Zivilisten,
       die sich trotz Ausgangssperre auf den Weg ins Krankenhaus machten, seien
       von Sicherheitskräften ohne Vorwarnung erschossen worden.
       
       Während der zweiten dreimonatigen Ausgangssperre sollen in den Kellern drei
       verschiedener Gebäude verletzte Zivilisten von Sicherheitskräften mit
       Benzin übergossen und in Brand gesteckt worden sein. Über den Fall hatten
       nur wenige berichtet, darunter die bis vor Kurzem inhaftierte Autorin Aslı
       Erdoğan. Sarıyıldız selbst habe die Tat nicht gesehen, jedoch währenddessen
       mit einer Augenzeugin telefoniert. Als er Rauchwolken aus dem Fenster
       gesehen habe, rief er beim TV-Sender IMC TV an, der die Zeugin Derya Koç
       live zuschaltete. Koçs Leiche wurde eine Woche später ihrer Familie
       übergeben, der TV-Sender IMC von der Regierung verboten.
       
       Der Richter befragt ihn auch zu den Streitkräften. Sarıyıldız erzählt, dass
       die Spezialeinheiten der Polizei ihre Operationen mit „Allahu Akhbar“-Rufen
       starteten, auf Häuserfassaden fundamentalistische Parolen hinterließen und
       von vielen Augenzeugen als IS-Sympathisanten oder gar -Anhänger eingestuft
       wurden. Besonders brisant sind solche Angaben gerade, weil auch der
       türkische Polizist, der kürzlich in Ankara den russischen Botschafter
       Karlow erschoss, sich zur Miliz el-Nusra bekannte. Der Verdacht, dass die
       türkische Polizei von radikalen Islamisten unterwandert wird, verstärkt
       sich.
       
       Welche Wirkung solche Aussagen konkret auf den Prozess gegen Ali D. haben,
       bleibt fraglich. In der Regel werden nachweisliche PKK-Mitglieder von
       deutschen Gerichten verurteilt. Doch Faysal Sarıyıldız verfolgt einen
       universelleren Zweck: dokumentierte Verbrechen publik zu machen. Gemeinsam
       mit über 50 anderen Personen erstattete er auch im Juni beim
       Bundesgerichtshof Strafanzeige gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan –
       wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
       
       3 Jan 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fatma Aydemir
       
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