# taz.de -- Staatschef über bosnischen Frieden: „Ich hoffe auf künftige Generationen“
       
       > Trotz vieler Probleme ist Bosnien und Herzegowina beispielhaft für gute
       > Konfliktlösung, glaubt Mladen Ivanić, serbischer Vertreter im
       > Staatspräsidium.
       
 (IMG) Bild: IFOR-Truppen zur Sicherung des Dayton-Friedens am Flughafen von Sarajevo im Jahr 1992
       
       taz: 21 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica, auch 21 Jahre nach dem
       Friedensschluss von Dayton [1][steht der frühere General Mladić] in Den
       Haag vor dem internationalen Gerichtshof. Glauben Sie, dass diese
       juristische Aufarbeitung hilfreich ist für die historische Einordnung des
       Bosnien-Konflikts und zur politischen Einigung des Landes beitragen kann? 
       
       Dr. Mladen Ivanić: Vielleicht ist das der einzige Weg, derzeit mit der
       Geschichte umzugehen. Aber können wir sagen, dass nach dem
       Gerichtsverfahren alle Menschen die Ergebnisse akzeptieren werden? Das
       glaube ich nicht. Eher werden sie mit ihren eigenen Erklärungen
       weiterleben.
       
       Was sind denn ihrer Einschätzung nach diese eigenen Erklärungen? 
       
       Das sehr spezifisch bosnische Problem ist doch, dass der Krieg drei
       Parteien hatte. Und was haben alle drei Seiten gemeinsam? Es ist das Gefühl
       jeder Seite, dass sie die Opfer und dass die jeweils anderen verantwortlich
       für den Krieg waren. Egal, wen sie fragen, sie werden immer die Antwort
       bekommen: „Wir sind die Opfer. Die anderen haben es getan, nicht wir. Und
       wenn wir etwas falsches getan haben, dann wegen der anderen.“ Unter diesen
       Umständen ist es wirklich schwer, eine gemeinsame Erklärung für den Krieg
       zu finden, was die Vorbedingung wäre, damit so eine Einordnung geschehen
       könnte wie beispielsweise in Deutschland oder in Südafrika. Dort war es
       relativ leicht, zu einer eindeutigen Erklärung zu kommen. In unserem Falle
       glaube ich nicht, dass die am Krieg beteiligte Generation, die Bedingung
       für eine Erklärung erfüllen werden. Ich hoffe, dass künftige Generationen,
       die verschont von den alten Geschichten aufwachsen konnten, die
       grundlegenden Voraussetzungen für eine gemeinsame Erklärung dessen, was
       geschehen ist, erfüllen und so zu einem wirklichen Ausgleich finden können.
       Bis dahin müssen wir einfach versuchen, normal zu leben, keine neuen
       Probleme zu schaffen, aber auch keine zu hohen Erwartungen in die Menschen
       zu setzen, die am Krieg teilgenommen haben, dass sie alles ein paar Jahre
       danach wieder zurück auf normal stellen könnten.
       
       Wie ist denn das Verhältnis zwischen Serbien, Kroatien und Bosnien und
       Herzegowina auf der Alltagsebene? 
       
       Das läuft durchaus. Es gibt gegenseitige Investitionen, Import und Export,
       das ist wirklich nicht das Problem. Auch die Universitätsabschlüsse werden
       gegenseitig anerkannt. Auch auf kultureller Ebene gibt es Austausch.
       Allerdings gibt es nicht mehr so viel Studentenaustausch wie früher. Das
       ist etwas, das sehr gefährlich werden kann. Viele junge Leute haben ihren
       Teil des Landes nie verlassen oder die Nachbarländer besucht. Wir haben
       eine junge Generation die sehr gut ausgebildet ist, Englisch spricht, aber
       komplett voneinander getrennt ausgebildet wurde. Die Jungen werden also
       nicht unbedingt automatisch entspannter miteinander umgehen, als es die
       alten taten.
       
       Wie gestaltet sich denn das Zusammenleben der Menschen in Bosnien selber? 
       
       Bosnien und Herzegowina ist keine perfekte Gesellschaft. Wir können das
       auch nicht sein. Wir können nicht die schönste, idealistischste und
       demokratischste Gesellschaft sein, so kurze 21 Jahre nach dem Krieg. Aber,
       ganz ehrlich: Ich sehe kein anderes, so erfolgreiches Beispiel für eine
       Befriedung, weltweit. Wir leben jetzt ganz normal hier. Und dafür haben wir
       nur fünf Jahre nach Ende des Krieges gebraucht. Sie werden in der jüngeren
       Geschichte kaum ein anderes Beispiel dieser Art finden. Die Menschen haben
       gelernt, miteinander zu leben. Wenn sie Bosnien mit anderen Konfliktherden
       vergleichen, dem Nahen Osten, Syrien, Libyen, dann ist unser Land immer
       noch der bestmögliche Fall. Nicht unbedingt schön, wie gesagt, voll von
       Problemen. Dazu erwarten uns auch in der Zukunft viele potentielle
       Konflikte. Aber meiner Meinung nach ist Bosnien immer noch eines der besten
       Beispiele für den friedlichen Aufbau in einer sehr kurzen Zeit.
       
       Sie schätzen Dayton also als Garant für Stabilität und Frieden? 
       
       In diesem Rahmen haben wir in der Vergangenheit viele schwierige
       Entscheidungen getroffen. Ich möchte nur daran erinnern, dass Bosnien ja
       nicht einmal eine eigene Armee hatte. Wir hatten drei Armeen, die im Krieg
       gegeneinander gekämpft hatten, jetzt aber haben wir eine gemeinsame. Wenn
       wir also eine Lösung finden wollen, dann können wir das auch. Tun wir das
       nicht, kann auch die beste Verfassung, das idealistischste Stück Papier
       unsere Probleme nicht lösen, das hängt einzig von den Menschen selber ab.
       Die entscheidende Vorbedingung für einen funktionierenden Staat ist mehr
       Vertrauen. Ich würde also sagen, dass unser größtes Problem der Mangel an
       Vertrauen ist. Dafür benötigen wir Zeit.
       
       Bleiben Sie optimistisch was die Zukunft des Landes angeht? 
       
       Ja, vorsichtig optimistisch. Und ich sage, dass ich vorsichtig optimistisch
       bin, weil die Menschen der Konflikte überdrüssig sind. Sie wollen das
       einfach nicht mehr, und ganz offen gesprochen, ich sehe nicht, dass irgend
       eine der regionalen Kräfte stark genug wäre, das ohne Unterstützung aus dem
       Ausland zu ändern. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass eine der
       Großmächte den Status Quo in unserem Land antasten will. Ich glaube also,
       dass wir in dem Rahmen von Dayton bleiben werden, es wird mehr positive
       Schritte geben.
       
       Und wie fügen sich da nationalistische Initiativen ein, wie jene aus der
       bosnischen Republik Srpska wo Präsident Milorad Dodik ein umstrittenes
       Referendum über einen serbischen Feiertag durchführte? 
       
       Natürlich wurde das Referendum nicht von allen in Bosnien begrüßt. Ich
       glaube aber, die Menschen überschätzen die Bedeutung eines öffentlichen
       Feiertages. Niemand diskutierte über die Sache selber. Alle sprechen über
       ein mögliches anderes, neues Referendum über die Unabhängigkeit der
       Republika Srpska. Ich weiß das, da ich lokal von der Opposition bin. Auf
       der Staatsebene bin ich im Präsidium aber in der Repulika Srpska gehöre ich
       zu der Opposition, die einem solchen Referendum nicht zustimmen würde. Auch
       Serbien unterstützt ein solches Unabhängigkeitsreferendum nicht. Das
       Referendum ist also keine wirkliche Bedrohung, es ist einfach nur eine
       wilde Geschichte. Nur die deutschen Zeitungen haben so aufgeregt darüber
       geschrieben.
       
       Aber welche Bedeutung hat eine Person wie Dodik, worauf zielt er ab? 
       
       Ich glaube, es ist zu einfach, Dodik als Erklärung für alles zu benutzen,
       was in Bosnien passiert. Er hat seine Argumente und Positionen und manchmal
       überreagiert er. Er will im Amt bleiben und sieht seine Vorstöße als guten
       Weg, Wahlen zu gewinnen.
       
       Aber was will er? 
       
       Er spricht ein paar harte Worte, will aber letztlich nichts tun, das
       unseren Alltag ernsthaft bedroht, das ist schon die ganze Geschichte.
       
       Wenn es nun schon nicht bei den Feiertagen klappen will, was könnte denn
       ein einigendes Symbol zwischen den verschiedenen Gruppen in Bosnien sein? 
       
       Es ist schwer, etwas zu finden, dass uns allen gemein ist. Wir versuchen
       es. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Als ich Außenminister war, wollte
       ich, dass wir eine kurze „Geschichte Bosniens“ haben. So kurz wie möglich,
       einfach nur eine Broschüre, aber unter einer Bedingung: Der Text dürfte nur
       Themen beinhalten, über die sich Historiker aller drei Gruppen geeinigt
       hätten. Das ist jetzt zehn Jahre her und bis heute haben wir keine „Kurze
       Geschichte Bosniens“. Und das ist nur ein kleines Beispiel. Im Moment sehe
       ich nur wenig, das potentiell allen Seiten gemeinsam ist. Die Situation ist
       nun einmal nicht einfach schwarz und weiß. Wir brauchen Zeit, um unsere
       Gemeinsamkeiten heraus zu arbeiten.
       
       Wie ist denn Russlands und Serbiens Rolle in Bosnien und der Republika
       Srpska? 
       
       Der Schlüssel für mögliche Instabilität ist die Position von Serbien und
       Serbien macht deutlich: wir lieben die Republika Srpska und lieben die
       Serben dort, aber wir werden nichts tun, was die Einheit von Bosnien und
       Herzegowina gefährdet. Ansonsten sehe ich da keine Bewegung oder besondere
       äußere Einflussnahme.
       
       Aber was glauben Sie, sind die russischen Absichten in der Region? 
       
       Ich denke, sie werden politisch und wirtschaftlich vielleicht einen Fuß in
       der Tür halten wollen, aber mehr sehe ich da nicht.
       
       Und die EU? 
       
       Die Europäische Union ist ein wichtiger Garant für unsere politische
       Stabilität, auch die Tatsache, dass wir die Mitgliedschaft anstreben.
       Außerhalb der EU zu bleiben, würde voraussetzen, dass wir uns wirklich so
       einig wären, dass uns Europa egal sein könnte. Aber so einig sind wir
       nicht. Ein offenes Bosnien, das Teil von etwas größerem ist, ist die
       Bedingung für uns, ein normales Land sein zu können.
       
       Sie sagen, dass die EU ihre Zukunft sein kann, aber was erwarten Sie, wie
       es überhaupt mit der Europäischen Union weitergeht? Schließlich steckt die
       selber in einer Krise. 
       
       Zunächst einmal glaube ich, dass die EU ihre Krisen überleben wird. Schon
       vor sechs Jahren haben wir gehört, dass die EU zusammenbrechen würde.
       Europa ist noch da. Nun gibt es wieder die Diskussionen, ob die EU
       fortbestehen wird. Ich denke, sie wird. Warum? Weniger wegen der natürlich
       existierenden ökonomischen Gründe, sondern hauptsächlich wegen Fragen der
       Sicherheit. Ich sehe zum Beispiel kein Land, das alleine gegen den
       Terrorismus kämpfen könnte. Deshalb wird die EU überleben.
       
       Aber schauen wir nicht auf eine immer polarisiertere politische Landschaft,
       auch in der EU, ein Versagen klassischer politischer Strukturen? Macht
       Ihnen das keine Sorgen? 
       
       Was nicht funktioniert, ist das, was ich typische Routine-Politik oder
       klassische Parteipolitik nennen würde. Nicht nur in Europa, in der ganzen
       Welt. Die Gegenbewegung haben wir zum Beispiel mit Syriza in Griechenland
       oder Podemos in Spanien gesehen. Mir geht es dabei gar nicht um die
       ideologischen Fragen, sondern darum, dass es allgemein ein neues,
       alternatives Politikverständnis gibt. Wir sehen das auch bei uns in der
       Region in Kroatien zum Beispiel mit der Bewegung Most oder mit Trump in den
       Vereinigten Staaten. Die Routinepolitik muss sich also ändern und ich hoffe
       sehr, dass die extreme Rechte nicht einfach die nächsten Wahlen gewinnen,
       ob nun in Frankreich oder den Niederlanden. Ich hoffe auch, dass das
       positive Signal aus Österreich nicht das einzige bleibt.
       
       Was denken Sie, was die EU Ihnen bieten kann? 
       
       Was ich von der EU erwarte, ist, dass sie uns Regeln gibt: Regeln über
       demokratische Abläufe und das Bewusstsein, dass Institutionen wichtiger
       sind als Persönlichkeiten, denn unsere Gesellschaften sind immer noch an
       Einzelperson gebunden, die wichtiger als demokratische Institutionen
       erscheinen. Geld und Investitionen würde ich nicht unbedingt in großem Maße
       erwarten, wir sind doch ein eher kleiner Markt.
       
       In welchem Zeitrahmen erwarten Sie denn einen Beitritt? 
       
       Ich bin jetzt nicht überoptimistisch, dass wir das sehr schnell erledigen
       können. Das wird seine Zeit brauchen, nicht wegen uns, mehr wegen der EU.
       Man könnte es so sagen: Ich wäre sehr froh, wenn das vor 2025 geschieht.
       Aber allein, dass uns diese Tür offen steht, wird uns helfen, die internen
       Spannungen zu überwinden.
       
       Warum sollte die EU an einem bosnischen Beitritt interessiert sein? 
       
       Haben Sie mal auf eine Karte von Europa geschaut? Wir haben dort ein Loch,
       und das ist der westlichen Balkan. Man kann natürlich eine Umgehung nach
       der nächsten um diese Region herum bauen, aber sie ist immer noch da.
       Umgeben ist sie von der Eurozone und mittendrin haben Sie ein Loch, einen
       blinden Fleck. Jetzt stellen Sie sich vor, es gibt dort neue
       Instabilitäten, neue Probleme, vielleicht auch einen neuen
       Flüchtlingsstrom. All das könnte ins Desaster führen. Die EU sollte also im
       Interesse der eigenen Sicherheit und Stabilität den Beitritt Bosniens
       befürworten.
       
       Sollten Bosnien und Serbien denn eigentlich gemeinsam und gleichzeitig der
       EU beitreten oder lieber nacheinander Schritt für Schritt? 
       
       Rein akademisch gesprochen wäre es sicher der logische und vernünftige Weg,
       alle Balkanländer gleichzeitig aufzunehmen und keines vorzuziehen.
       
       Aber der Zug ist ja schon unterwegs… 
       
       Ja, und ich habe auch kein Problem damit, wenn das nacheinander geschieht,
       aber es muss ein fortlaufender Prozess sein. Nicht wie bisher, erst ein
       Land und dann nach einer langen Wartezeit das nächste. Dieses Vorgehen kann
       neue Probleme schaffen, denn wenn man einzelne Länder auf dem Balkan den
       anderen vorzieht, wird das nicht lange gut gehen.
       
       Was würden Sie für die Zukunft speziell von Deutschland und der deutschen
       Politik erwarten? 
       
       Deutschland war lange nicht genug in Europa engagiert und ganz besonders
       nicht in der Entwicklung des Balkans. Auf der deutschen Verwaltung und
       Politik lastet aber eine große Verantwortung. Gerade in den vergangenen
       zwei Jahren wurde diese verantwortungsvolle Rolle nun sehr positiv, sehr
       ausgeglichen und sehr bodenständig ausgefüllt. Ich hoffe, dass in
       Deutschland die politische Wahrnehmung dergestalt ist, dass weiter so
       gemacht werden sollte. Ich weiß, dass sehr viele Probleme im Fokus deutsche
       Politik stehen. Aber ich hoffe, dass wir darüber nicht vergessen werden.
       
       14 Dec 2016
       
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