# taz.de -- Petition für Verkehrshelfer in Newcastle: Ja zu Rentnern mit Lutscher
       
       > Newcastle muss sparen. Und will daher in Zukunft auf Schülerlotsen – die
       > sogenannten „Lollipop People“ – verzichten. Und was wird aus den Kindern?
       
 (IMG) Bild: Eine „Lollipop Woman“ – Sheila Gallagher – vor St. Paul's Cathedral in London
       
       Fünfzehn Jahre lang stand Michele Armstrong an der Kreuzung Brunton Lane
       und Fawdon Walk im nordenglischen Newcastle. Als Lollipop Lady sorgte sie
       dafür, dass die Kinder sicher in ihre Grundschule Kingston Park gelangten.
       Nun will der Stadtrat von Newcastle Armstrong und die anderen
       Lollipop-Leute einsparen. Das wollen die Eltern der Schulkinder mit einer
       Petition verhindern.
       
       Ein Lollipop ist ein Lutscher. Der Spitzname für die Lotsen wurde vom
       Bauchredner John Bouchier erfunden, der in den Sechzigern mit seiner Puppe
       Charlie Schulen besuchte, um den Kindern Verkehrsregeln beizubringen. Der
       Lotsenstab mit dem runden Stoppschild erinnerte ihn an einen Lutscher.
       
       Der Begriff ist allemal schöner als das offiziell ausgemusterte deutsche
       Wort Schülerlotse. Heute ist von Verkehrshelfern die Rede, weil sie nicht
       mehr nur für Schulwege eingesetzt werden, sondern auch bei Großereignissen
       wie Fußballspielen. Anders als in England, wo das Lutschervolk meist schon
       im Rentenalter ist, dürfen in Deutschland bereits Elfjährige lollipoppen.
       
       Ein weiterer Unterschied ist, dass die englischen Kollegen – wenn auch
       miserabel – bezahlt werden. Die Stadtverwaltung von Newcastle hat daher
       Anfang Oktober beschlossen, die Schülerlotsen zu entlassen. Dadurch spare
       man 212.000 Pfund im Jahr. Der Stadtrat habe keine andere Wahl, sagt
       Newcastles Bürgermeister Nick Forbes. Die Regierung in London habe „die
       Stadt aufgegeben“, Newcastle müsse 70 Millionen Pfund bis 2020 einsparen.
       Ab dann habe die Stadt Müllabfuhr, öffentliche Büchereien, Straßenreinigung
       und Sozialarbeiter selbst zu bezahlen. Und eben Lollipopper. Seit einer
       Gesetzesänderung im Jahr 2000 dürfen die Bezirksverwaltungen auf sie
       verzichten. So soll es in Newcastle nun kommen.
       
       ## „Road Rage“ gegen Rentner
       
       Unbezahlte Freiwillige dürfen den Job aus Versicherungsgründen nicht
       übernehmen. Als eine Gruppe von Eltern dem Stadtrat anbot, die Kosten für
       eine Schülerlotsin selbst zu übernehmen, hieß es, dass dafür 55.000 Pfund
       fällig würden. 47.000 Pfund davon seien Verwaltungsgebühren.
       
       „Lollipopper haben es nicht leicht“, sagt Elaine Gadomski, eine der
       Initiatorinnen der Petition für Michele Armstrong. „Sie wäre trotz ihrer
       fluoreszierenden gelben Jacke mehrmals fast überfahren worden, weil die
       Kreuzung unübersichtlich ist und die Autos die Warnschilder gerne
       ignorieren“, sagt sie. „Die Kreuzung ist gemeingefährlich. Auf dem Weg zur
       Schule gibt es einen toten Winkel, und trotzdem kommen die Autos um die
       Ecke gerast. Wegen der Büsche kann man auch die Autos auf der Gegenfahrbahn
       nicht sehen.“
       
       Hinzu komme oftmals Road Rage, also die Wut von Autofahrern, die
       ausrasteten, wenn sie von Rentnern mit Lutschern aufgehalten würden. Knapp
       1.400 Fälle werden im Durchschnitt jedes Jahr in England gemeldet.
       
       Es gab zudem immer wieder einmal Vorfälle, die den Lollipop People
       Aufmerksamkeit zuteil werden ließen. Voriges Jahr etwa wurde ein
       Lutscher-Mann entlassen, weil er eine Feuerwehr im Einsatz seelenruhig
       warten ließ, bis fünf Feuerwehrleute ihn von der Straße trugen.
       
       ## Die neuen Milchmänner
       
       Die [1][Petition für Michele Armstrong] ist bisher von nahezu 40.000
       Menschen unterzeichnet worden. Es gibt weitere Petitionen für
       Lollipop-Leute in Newcastle – zum Beispiel [2][für Dave, den „winkenden
       Lollipop Man“], 71 Jahre alt. Oder für Carol Frampton, die „irgendwie schon
       immer vor der Walkergate-Grundschule“ in Newcastle gestanden und den 500
       Kindern über die Straße geholfen habe, wie Elaine Gadomski sagt.
       
       „Wenn es so weitergeht, gehören Lollipop-Leute bald ins Reich der
       Folklore“, sagt sie. Heutzutage müsse man Kindern den Hit [3][„No Milk
       Today“] der Beatband Herman’sHermits erklären, weil es keine Milchmänner
       mehr gebe. Spätere Generationen werden [4][„The Lollipop Man“] nicht
       verstehen, mit dem die Rockband The Sweet dem Lutschervolk ein Denkmal
       gesetzt hat: „Du gehst auf die Mädchenschule / Und ich gehe auf die
       Jungsschule / Wir sind getrennt durch den Lollipop Man / Ich muss die
       Straße überqueren / um dich zu treffen / Deshalb muss ich am Lollipop Man
       vorbei.“
       
       Aus und vorbei. Jedenfalls in Newcastle, sofern die Petitionen das nicht
       verhindern.
       
       12 Nov 2016
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.thepetitionsite.com/754/578/975/save-our-lollipop-lady-busy-road-save-lives/
 (DIR) [2] http://www.thepetitionsite.com/277/769/952/save-the-waving-lollipop-man-on-two-ball-lonnen-in-fenham-newcastle-upon-tyne/
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=AuGWNshGM64
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=8EqPr4ZHNnY
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
       ## TAGS
       
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