# taz.de -- Karneval der Kulturen: Viel mehr als nur Narren
       
       > Karneval kehrt die Machtverhältnisse um – als närrische Auszeit. Der
       > Karneval der Kulturen muss mehr sein als das. Spaß machen darf er aber
       > trotzdem.
       
 (IMG) Bild: TänzerInnen der Gruppe „Sapucaiu no Samba“ beim Karneval der Kulturen 2015 in Berlin.
       
       Das Volk übernimmt die Macht, also diejenigen, die sonst nicht viel zu
       bestimmen haben: Das ist die Grundidee des Karnevals, wie er jedenfalls in
       Deutschland gefeiert wird. Dass die neuen HerrInnen, wenn ihnen die
       Rathausschlüssel übergeben werden, dabei mit Schellenmützen und bunten
       Phantasieuniformen als Närrinnen und Narren gekennzeichnet sind, dass die
       umgekehrten Verhältnisse „närrische Tage“ genannt werden, impliziert dabei
       aber sogleich, dass alles nur ein großer Witz ist, eine Auszeit: die
       Machtverhältnisse bleiben gleich.
       
       Übertrüge man diese Idee eins zu eins auf Berlins Karneval der Kulturen
       (KdK), der vor 20 Jahren als Reaktion auf rassistische Gewalt gegründet
       wurde, müssten die TeilnehmerInnen ihn boykottieren. Doch in manchem passt
       das Bild durchaus: Auch bei dem Multikulti-Fest ging und geht es darum,
       denen eine Bühne zu bieten, die sonst wenig gehört werden. Das sollte
       allerdings keine Narrheit sein und nicht nur zu einem Kater, sondern zu
       gesellschaftlichen und politischen Veränderungen führen.
       
       Den Kater haben die KulturkarnevalistInnen in den vergangenen Jahren hinter
       sich gebracht, als der KdK manches Mal vor dem Aus stand. Zunehmend hatten
       gerade langjährige Teilnehmergruppen die Lust verloren, sich einem
       Spektakel aufzuopfern, dass keinen politischen Sinn mehr zu haben schien.
       
       Zumindest in dem Punkt haben sich die scheinbar Machtlosen in diesem Jahr
       tatsächlich Gehör verschafft. Der Karneval hat nun einen aus
       TeilnehmerInnen bestehenden Beirat, es gibt endlich Übungs- und Lagerhallen
       für die Umzugsgruppen und einen Träger, der sich mit der Grundidee der
       Multikulti-Veranstaltung selber identifiziert.
       
       Damit ist es Berlins Multikulti-KarnevalistInnen tatsächlich gelungen,
       Machtverhältnisse zu ändern. Das ist gut. Ob damit auch die
       fortgeschrittene Kommerzialisierung des und das vielstimmige Gemecker über
       den Karneval gestoppt werden können, wird die Zukunft zeigen. Aber mal ganz
       ehrlich: Ist doch eigentlich auch egal.
       
       Denn: Begreift man das Volksfest als Bühne all derjenigen, die mehr
       Partizipation an dieser Gesellschaft wollen, dann muss man auch ihre
       Entscheidung akzeptieren, wie sie sich auf dieser Bühne präsentieren
       möchten.
       
       Dass VertreterInnen eines postkolonialen Diskurses mit hochpolitischen
       Performances auf dem Umzug entgeistert auf Trachten tragende
       Folkloregruppen schauen, die wiederum den hybriden Transkulturellen
       sprachlos gegenüberstehen – genau das bildet die Spannweite und Bandbreite
       des gesellschaftsgestaltenden Diskurses in Deutschland doch ab. Und warum
       sollte es nicht möglich sein, privat serbische Volkstänze zu tanzen und
       ansonsten über die Karriere des Begriffs „People of Colour“ zu promovieren?
       
       Und mal ganz abgesehen davon: Karneval, die Zeit der Narren, ist eben
       einfach auch eins – ein großer Spaß. Kürzlich erzählten in dieser Zeitung
       vier syrische Flüchtlinge, die in Berlin arabischsprachiges Radio machen,
       dass sie in ihre allererste Sendung eine Live-Band eingeladen hatten: Die
       Leute sollten sich bei allem Stress einfach auch mal ein bisschen Spaß
       haben, entspannen können, lautete die Erklärung. Genau.
       
       15 May 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
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