# taz.de -- Fotografische Aufklärung: Operationen im Verborgenen
       
       > Die Ausstellung „Terror Incognitus“ des britischen Fotografen Edmund
       > Clark im Mannheimer Zephyr – Raum für Fotografie.
       
 (IMG) Bild: Aus der Serie “Negative Publicity: Artefacts of Extraordinary Rendition“ von Edmund Clark, Ausschnitt des Bildes des Hotelzimmers, in dem Khaled el Masri 23 Tage festgehalten wurde
       
       Während US-Präsident Barack Obama im Februar diesen Jahres einen letzten
       Anlauf gestartet hat, das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba zu schließen,
       sind in den letzten Jahren immer mehr Details über das dahinterstehende
       System illegaler staatlicher Aktivitäten ans Licht gekommen. Ungewöhnliche
       Einblicke in das Thema bietet die Ausstellung „Terror Incognitus“ des
       preisgekrönten britischen Künstlers und Fotografen Edmund Clark, die
       zurzeit im Mannheimer Zephyr – Raum für Fotografie – zu sehen ist.
       
       Zu Beginn der Ausstellung wird der Besucher im Einleitungstext darum
       gebeten, das Handbuch zur Ausstellung zu nutzen, da sich die Logik der
       Bilder ansonsten nicht erschließen würde. Dies ist ein erster Verweis auf
       den großen Komplexitätsgrad der Ausstellung.
       
       Die künstlerische Arbeit Edmund Clarks, bestehend vor allem aus
       dokumentarischen Fotografien sowie Video-Arbeiten und einer Skulptur,
       stützt sich ganz wesentlich auf die Recherchen des Mitglieds des Bureau of
       Investigative Journalism, Crofton Black. Die von diesem zutage geförderten
       Dokumente sind dabei nicht nur der rote Faden, sondern gleichzeitig die
       Legitimation und die Erklärung für die einzelnen Fotografien Edmund Clarks.
       
       Die Mannheimer Ausstellung besteht aus 7 Kapiteln, die verschiedene, seit
       2010 entstandene Arbeiten Clarks zeigen. Premiere hat im Zephyr die jüngste
       Arbeit Clarks mit dem Titel „Negative Publicity: Artefacts of Extraordinary
       Rendition“, die auch den meisten Platz einnimmt.
       
       ## Krieg gegen den Terror
       
       Darin setzt er sich mit dem weltweiten Netzwerk von illegalen Gefängnisse
       der amerikanischen CIA sowie dem dazugehörigen System privater Charterflüge
       für die extralegalen Überführungen (im Englischen „extraordinary
       rendition“) der Gefangenen auseinander. Angeordnet und durchgeführt wurden
       diese Praktiken von der US-amerikanischen Regierung nach dem 11. September
       2001 als Teil des Kriegs gegen den Terror.
       
       Die umfangreichen Operationen geschahen weitgehend im Verborgenen als
       parapolitische Maßnahmen der US-Regierung, die nie das Licht der
       Öffentlichkeit erblicken sollten. Dass sich heute überhaupt Informationen
       dazu finden, ist auf die Einbeziehung privater Unternehmen zurückzuführen,
       die mit einzelnen Maßnahmen wie den Gefangenenflügen betraut waren.
       
       Akribisch wurden von den meist mittelständischen Unternehmen Flugstunden
       und Ausgaben dokumentiert. Als einige der Unternehmen vor Gericht zogen, um
       Umsatzeinbußen einzuklagen, wurden auch die Unterlagen öffentlich und
       ermöglichten eine Rekonstruktion dieses geheimen Herrschaftsapparats.
       
       Die in der Ausstellung gezeigten Dokumente reichen von Rechnungen des
       amerikanischen Unternehmens Richmor Aviation, Empfehlungsschreiben des US
       State Department, deklassifizierten Geheimdienstberichten der CIA bis hin
       zu Untersuchungsberichten aus den USA und der EU.
       
       ## Verzicht auf Menschendarstellungen,
       
       Clark kombiniert dieses Material mit dokumentarischen Fotografien der für
       diese Operationen relevanten Orte. So zeigt er etwa das Hotelzimmer, in dem
       der Deutsche Khaled El-Masri in Skopje festgehalten wurde, die Zentrale von
       Richmor Aviation in den USA, ein geheimes Foltergefängnis in Litauen oder
       die Zentrale des libyschen Geheimdiensts in Tripolis, mit dem die USA
       kooperierte.
       
       Der Verzicht auf Menschendarstellungen, der nüchterne Stil von Clarks
       Fotografie sowie die sachliche Aura der unzähligen Dokumente geben dem
       Ganzen den Anschein der Unwirklichkeit und lassen die Reichweite des Themas
       nur erahnen. Nur versteckt in einzelnen Dokumenten finden sich Hinweise
       darauf, wie direkt auch Einrichtungen in Deutschland ein elementarer Teil
       dieses Schattenreichs waren.
       
       So taucht in einer Liste mit Flügen der CIA, die vom EU
       Sonderberichterstatter Claudio Fava im Jahr 2007 präsentiert wurde, immer
       wieder Frankfurt/Main auf. Und auch der US-Militärflughafen Ramstein, nur
       wenige Kilometer von Mannheim entfernt, war oder vielleicht ist ein
       wichtiges Teil dieses Puzzles.
       
       ## Extralegale Haftanstalt
       
       In der Ausstellung werden jedoch nicht nur Antiterrormaßnahmen der USA
       thematisiert. Erschreckendes förderte auch Clarks Arbeit „Control Order
       House“ zutage. Im Jahr 2011 durfte er drei Tage in einem Haus verbringen,
       in dem ein britischer Bürger in einer Art extralegalen Haftanstalt
       festgehalten wurde.
       
       Zwischen 2005 und 2012 erlaubte die „Control Order“, des Terrors
       Verdächtige an einen unbekannten Ort zu verbringen. Wie perfide
       bürokratisch das Prozedere dahinter waren, zeigt der Abdruck der
       Hausregeln, die es dem Gefangenen etwa untersagten, Bilder an die Wand zu
       hängen. Clarks weitwinklige und mit Blitz aufgenommen Bilder des Ortes
       zeigen knallhart die beklemmende Stimmung im Haus.
       
       Auf eindrückliche Weise zeigt die Ausstellung „Terror Incognitus“ damit das
       Potenzial künstlerisch-dokumentarischer Rechercheprojekte auf, mit
       multimedialen Präsentationsformen auf drängende zeithistorische Fragen und
       politische Problemstellungen als kritisches Korrektiv staatlicher
       Machtapparate zu fungieren. Dies ist unter anderem einer Hinwendung zum
       Archiv und dem „forensic turn“ in der zeitgenössischen Kunst zuzuschreiben.
       
       21 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Koltermann
       
       ## TAGS
       
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