# taz.de -- Berliner Szene: Gottes Segen und Allah
       
       > Manchmal stellt Multikulti Menschen vor besondere Herausforderungen. So
       > auch einen Obdachlosen in Berlin-Charlottenburg. Eine Beobachtung.
       
 (IMG) Bild: Gott oder Allah, Kirche oder Moschee? Spielt das überhaupt eine Rolle?
       
       Der Mann mit dem verklebten Bart und den filzigen Haaren hat es sich
       gemütlich gemacht. Er liegt längs auf einer der zwei Banken an der
       Haltestelle Mierendorffplatz in Berlin-Charlottenburg. Mit dem Rücken lehnt
       er an einem grünen Kasten Bier, vor der Bank stapeln sich voll gestopfte
       Discounter-Plastiktüten, an der Wand steht sein Fahrrad. Weder er noch das
       Velo machen einen fahrtüchtigen Eindruck. Der Mann pöbelt vor sich hin,
       kommentiert laut die Vorbeigehenden, die Wartenden, das Wetter, das Leben,
       sein Bier.
       
       Das Charlottenburger Publikum ist genervt. Es nieselt. Das
       Freitagabend-Make-up verläuft langsam. Man ist mit Weißwein und
       Glitzerlidschatten auf dem Weg zur Party. Zerstreuung ist das Ziel des
       Wochenendes. Keiner will sich mit dem Mann auseinandersetzen, der da liegt
       und keine Pläne hat. Kollektives Weggucken, Weghören, Warten auf den Bus
       Richtung Pankow. Noch drei Minuten.
       
       Die Einzige, die nicht wegsieht, ist eine kleine, rundliche Frau. Sie hat
       braune Augen, trägt einen weiten Mantel und ein schwarzes Kopftuch. Immer
       wieder dreht sie sich nach dem Mann um. Irgendwann holt sie den Geldbeutel
       aus ihrer Jackentasche, geht zu ihm und drückt ein paar Münzen in seine
       Hand. Dabei guckt sie ihm in die Augen. Und lächelt. Unter dem verklebten
       Bart und den filzigen Haaren hellt sich das Gesicht des Mannes auf.
       
       „Möge Gott die Hand schützend über Sie halten“, ruft er voll Pathos und
       Dankbarkeit, schwingt dazu ausladend sein Bier. Ein paar Tropfen davon
       fliegen durch die Luft. Dann hält er kurz inne, zieht die Stirn kraus und
       sagt leiser mit fragendem Blick auf das Kopftuch. „Ich hoffe, das klappt
       überhaupt.“ Die Frau hört das nicht mehr oder will es nicht hören. Der Bus
       ist da, die Wartenden steigen ein. Der Mann bleibt allein zurück. Seine
       Frage hängt unbeantwortet im Charlottenburger Nachthimmel.
       
       5 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannah Weiner
       
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