# taz.de -- Deutscher Eiskunstlauf vor der WM: Der Trotz läuft mit
       
       > Nathalie Weinzierl soll bei der WM ein gutes Ergebnis holen. Bei der EM
       > hatte der Verband sie noch aus der Mannschaft geworfen.
       
 (IMG) Bild: Weinzierl bei der EM in Bratislava im Januar 2016
       
       Zu den Favoritinnen gehört Nathalie Weinzierl nicht bei den
       Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf, die diese Woche in Boston ausgetragen
       werden. Aber eine Topten-Platzierung könnte für die 22-Jährige drin sein,
       wenn alles gut läuft. „Nathalie hat ihren Rückstand aufgeholt. Sie hat
       zuletzt sehr gute Programme im Training gezeigt“, sagte Elke Treitz,
       Vizepräsidentin der Deutschen Eislauf-Union, über die deutsche
       Vizemeisterin, die im Februar an einer hartnäckigen Angina erkrankt war,
       nicht trainieren konnte und Wettkämpfe absagen musste.
       
       Ganz sicher aber wird die WM für die Mannheimerin ruhiger verlaufen als die
       europäischen Titelkämpfe im Januar in Bratislava. Und das nicht nur, weil
       Weinzierl sich seit Tagen gemeinsam mit dem starken russischen Team in New
       York auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet. Vor allem: Sie hat keine
       Störmanöver mehr von ihrem Verband zu erwarten wie noch in Bratislava.
       
       Dort hatte die Deutsche Eislauf-Union ihr unmittelbar vor ihrem Auftritt im
       Kurzprogramm die Teamkleidung abgenommen und sie aus der Mannschaft
       ausgeschlossen. Begründung: Die Sportlerin war einer Mannschaftssitzung,
       die am Vorabend ihres Wettkampfes für 21 Uhr angesetzt war, unentschuldigt
       ferngeblieben. Sie wollte am nächsten Morgen zum Wettkampf fit sein und
       dazu brauchte sie ausreichend Schlaf. „Wir bauen gerade ein neues Team
       auf“, hatte Sportdirektor Udo Dönsdorf die rigide Disziplinarmaßnahme
       begründet. „Das ist noch ein zartes Pflänzchen, und das wollen wir uns
       nicht kaputt machen lassen.“
       
       Die Antwort von Weinzierl auf den Eklat: Sie lief ihre Programme mit Wut im
       Bauch und beendete die europäischen Titelkämpfe als siebente. Das ist das
       beste Ergebnis für eine deutsche Einzelläuferin seit Tanja Szewczenko 1998.
       Ihre Mannschaftskameradin Lutricia Bock hingegen, immerhin deutsche
       Meisterin und hochtalentiert, scheiterte nach der spätabendlichen
       Mannschaftssitzung und anschließenden Presseterminen im zu sehr früher
       Stunde angesetzten Kurzprogramm an ihren Nerven und konnte sich als 25.
       nicht mehr für die Kür qualifizieren.
       
       ## Wirtschaftsjura statt Bundeswehr
       
       Nach ihrem sportlichen Erfolg nahm der Verband Weinzierl wieder in die
       deutsche Mannschaft auf und entschuldigte sich bei der Sportlerin für die
       „Überreaktion“ eines angeblich noch unerfahrenen Funktionärs. Wie auch
       anders: Weinzierl hatte mit ihrem siebten EM-Platz nicht nur das einzige
       deutsche WM-Ticket gelöst, sondern den deutschen Eiskunstläufern für das
       kommende Jahr wieder zwei EM-Tickets gesichert. Sollte sie da auch als
       Einzelläuferin außerhalb der deutschen Mannschaft antreten?
       
       Nathalie Weinzierl ist eine Persönlichkeit auf dem Eis. Und das nicht nur,
       weil die Sportlerin, die jahrelang vor allem durch ihre starken Sprünge
       Punkte gesammelt hat, an ihrem Laufstil gearbeitet hat und in den letzten
       drei Jahren ausdrucksstarke Programme auf dem Eis interpretiert. Sie vermag
       es auch, sich nach langwierigen Verletzungen und Erkrankungen immer wieder
       zurückzukämpfen und ihre Leistungen zu steigern. So blieb sie die gesamte
       letzte Saison gesundheitlich bedingt unter ihrem Leistungsvermögen, musste
       jüngeren nationalen Konkurrentinnen die Startplätze zu internationalen
       Meisterschaften überlassen. Jetzt ist sie zurück.
       
       Weinzierl hat auf eine Förderung durch die Aufnahme in eine Sportgruppe der
       Bundeswehr und damit auf eine finanzielle Absicherung für ihren Sport
       verzichtet. Stattdessen studiert sie neben dem Sport Wirtschaftsjura an der
       Uni Mannheim. Als Jurastudentin beteiligt sie sich an Diskussionen um das
       neue Dopinggesetz und die Praxis von Dopingkontrollen: Nach dem neuen
       Gesetz würde die Beweislast umgekehrt, also Sportler müssten unter
       bestimmten Umständen ihre Unschuld beweisen, erklärte sie in einer
       Regionalzeitung und auf ihrer Facebookseite. Die Unschuldsvermutung gelte
       nicht. Damit seien „wir Sportler vor dem Gesetz potenzielle Kriminelle“.
       
       Auch nächtliche Dopingkontrollen lehnt die Kunstläuferin ab. Sie selbst
       hatte bei den Olympischen Spielen in Sotschi eine Kontrolle, die bis 2 Uhr
       nachts dauerte. Am nächsten Morgen hatte sie um 7 Uhr auf dem Eis stehen
       müssen und konnte mangels Schlafs ihre Leistung nicht abrufen, erklärt sie.
       Doping lehnt sie aber ab. Das sei nicht nur anderen Sportlern gegenüber
       unfair. „Kein Erfolg ist es wert, seine eigene Gesundheit dermaßen zu
       gefährden.“
       
       29 Mar 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Mai
       
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