# taz.de -- Kommentar Proteste in Frankreich: Selbstverschuldete Revolte
       
       > Mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt wäre hilfreich. Doch ein
       > gelockerter Kündigungsschutz, um rascher neu einzustellen, ist völlig
       > unrealistisch.
       
 (IMG) Bild: Hunderttausende protestierten in ganz Frankreich gegen die geplante Arbeitsmarktreform
       
       Frankreich leidet an einem Reformstau. Das Land schafft es einfach nicht,
       einen Weg aus der Krise und der Massenarbeitslosigkeit zu finden. Die
       Misere wird zu Recht in ganz Europa beklagt, denn sie gefährdet auch die
       Eurozone. Mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt wäre zweifellos hilfreich.
       Das bestreiten auch die Gegner [1][der umstrittenen Arbeitsrechtsreform]
       nicht. Die Frage aber ist, wie diese Modernisierung – vor allem der
       Arbeitszeit und des Kündigungsschutzes – angepackt wird.
       
       Frankreichs Regierung will das gesetzliche Korsett lockern und den
       Unternehmen mehr Handlungsfreiheit geben. Auch das scheint auf den ersten
       Blick gut. Tatsächlich aber werden die Arbeitnehmer so der Willkür der
       Arbeitgeber ausgesetzt. Statt den Dialog der Sozialpartner zu stärken,
       schwächt diese Reform die Gewerkschaften, die mit einem Organisationsgrad
       von nur 8 Prozent in der Privatwirtschaft ohnehin kaum repräsentativ sind.
       
       In Frankreich sind die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern
       eine permanente Kraftprobe. Wer, wie dies jetzt die Regierung vorhat, der
       einen Seite Zugeständnisse macht, fordert zwangsläufig die Gegenseite
       heraus. Die Arbeitnehmer, die Arbeitslosen und die Jungen, die gegen die
       geplante Reform protestieren, haben keinen Anlass, den Unternehmern
       Vertrauen zu schenken. Ein gelockerter Kündigungsschutz, um rascher neue
       Leute einzustellen? Das tönt aufgrund der Erfahrungen der letzten
       Jahrzehnte für sie wie ein Märchen – völlig unrealistisch.
       
       Ihr einziger Schutz war bisher das Gesetz, so kompliziert und starr es auch
       sein mag. Da die Sozialpartnerschaft nie funktioniert hat, musste der Staat
       immer schlichten und richten. Das gilt in Frankreich immer noch als
       Errungenschaft und Grundpfeiler des Sozialmodells. Wer das infrage stellt,
       verabschiedet sich vom sozialen Frieden. Wer allein auf das freie Spiel der
       Kräfteverhältnisse setzt, muss sich über die Revolte, die zur französischen
       Politkultur gehört, nicht wundern.
       
       10 Mar 2016
       
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