# taz.de -- Formschwankungen durch Formaldehyd: Wenn das Amt krank macht
       
       > Die Luft im neuen Jobcenter in Bremen-Nord ist mit Schadstoffen belastet.
       > Eröffnet wird es heute trotzdem – dank strenger Auflagen.
       
 (IMG) Bild: Tote, hier Papst Johannes Paul II, halten sich durch Formaldehydeinsatz länger - im Gegensatz zu Lebenden.
       
       Heute wird es feierlich eröffnet, das neue Jobcenter in Bremen-Nord, und
       alle werden sie kommen, bis hin zum SPD-Arbeitssenator Martin Günthner.
       Einen „Hausschlüssel“ werden sie überreichen und sicher viele lobende Worte
       finden – vorher aber noch mal ordentlich lüften: Damit der „stechende und
       unangenehme Geruch“ nicht so auffällt, vom dem jene berichten, die darin
       arbeiten sollen.
       
       Das Gebäude ist „nachgewiesenermaßen umweltbelastet“, schrieb der
       Betriebsarzt des Jobcenters im September in einer Mail, die der taz
       zusammen mit anderen Unterlagen vorliegt. Deswegen sei es „zwingend
       erforderlich“, dass das Gebäude in der Hermann-Fortmann-Straße, nahe der
       Grohner Dühne, „bis auf Weiteres nicht als Betriebsstätte verwendet wird“.
       Mehrere MitarbeiterInnen haben gesundheitliche Beschwerden und sich krank
       gemeldet. Die Symptome, so der Mediziner, lassen ihn an das
       Sick-Building-Syndrom denken. An die Geschäftsführung des Jobcenters wurden
       seitens der Beschäftigten keine Beschwerden herangetragen, sagt der
       Sprecher.
       
       Experten zufolge leiden in Industrieländern bis zu 30 Prozent der
       Büroangestellten unter der Krankheit, die sich vor allem in Kopfschmerzen,
       Schwindel, Augen- und Schleimhautreizungen sowie Konzentrationsschwächen
       zeigt. Ausgelöst wird sie durch Lösungsmittel oder Feinstaub, der etwa aus
       Laserdruckern kommt. Forschungen belegen, dass Schädigungen der Lunge und
       Veränderungen des Erbguts nicht auszuschließen sind.
       
       Das Problem, so schrieb der Betriebsarzt: Ein „eindeutiger Zusammenhang“
       zwischen den Symptomen und dem konkreten Gebäude sei nicht nachweisbar:
       „Das macht es juristisch so schwierig.“ Ein Versuch des Personalrates, dem
       Umzug zu stoppen, scheiterte vor Gericht – aus formalen Gründen.
       
       Gebaut hat den neuen Bürokomplex die Weser Wohnbau. Ihr Geschäftsführer
       Matthias Zimmermann sieht „keinerlei Mängel“ und auch „keine Veranlassung
       zur Nachbesserung“, sagte er der taz. Von dem Problem habe er erst aus der
       Presse erfahren. Und überhaupt: Der Bauherr habe damit „nichts zu tun“.
       
       Der Leiter der neuen Jobcenter-Geschäftsstelle, Volker Wöhlmann, räumt
       gegenüber seinen MitarbeiterInnen Probleme ein. Er sieht aber „keine
       Gesundheitsgefahr“, schrieb er Anfang Oktober – auch wenn es in den Fluren
       und den Kopierräumen „unangenehm“ rieche. Verantwortlich dafür seien die
       Fußbodenbeläge, die aus Nadelfilz und Linoleum bestehen, wobei Linoleum ein
       „reines Naturprodukt“ sei. Es besteht zwar vor allem aus Leinöl, kann aber
       Farb- und Kunststoffe enthalten; zudem stellt sich die Frage, welcher
       Kleber verwandt wurde.
       
       Eine „Verbesserung der Situation“, schreibt Wöhlmann, „kann nur durch
       ausreichendes Lüften erreicht werden.“ Jedoch könnten die betroffenen Räume
       „nur schwierig ausreichend gelüftet werden“. Ende des Jahres sollen neue
       Messungen stattfinden. Der Sprecher des Jobcenters sagt: „Es stimmt
       eindeutig nicht, dass das Gebäude ‚nachgewiesenermaßen umweltbelastet‘
       ist.“
       
       Der Technische Arbeitsschutz Bremens hat im September erklärt, einem Umzug
       in den Neubau stehe nichts im Wege, Grenzwertüberschreitungen lägen nicht
       vor, die Konzentration der Gefahrstoffe für Neubauten „absolut üblich“.
       Laut einer der taz vorliegenden Analyse des Umweltinstituts TTZ sind
       einzelne Räume und der Eingangsbereich hingegen wegen ihrer Belastung mit
       flüchtigen organischen Stoffen als „hygienisch auffällig“ einzustufen, auch
       krebserregendes Formaldehyd wurde gefunden. Die Belastung der Luft wurden
       laut TTZ vermutlich durch Farben oder Kleber verursacht. 
       
       Die Unfallkasse des Bundes hat den Bezug des Neubaus laut der Gewerkschaft
       Ver.di nur mit Auflagen genehmigt. Dazu gehören „strenges Lüften“ und
       intensives Heizen der Räume auf 30 Grad. Die Heizung gibt das aber gar
       nicht her, sagt Ver.di, der Arbeitsschutz schreibt nur 20 Grad vor. Zudem
       habe die Unfallkasse eine schnelle „Gefährdungsbeurteilung“ angemahnt – die
       laut Ver.di schon früher hätte gemacht werden müssen.
       
       Die Geschäftsführung freue sich mit den MitarbeiterInnen, dass das neue
       Gebäude heute eröffnet werde, sagt der Sprecher des Jobcenters.
       
       21 Oct 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Zier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Umwelt
       
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