# taz.de -- Serie „Die Kanzlei“: Ohne den Dicken
       
       > Die ARD setzt Dieter Pfaffs Anwaltsserie ohne Pfaff fort. Nun darf sich
       > Herbert Knaup in „Die Kanzlei“ um die Sorgen der kleinen Leute kümmern.
       
 (IMG) Bild: Werden sich miteinander arrangieren müssen: Anwaltskollegen Isabel von Brede (Sabine Postel) und Markus Gellert (Herbert Knaup).
       
       Die beste deutsche Anwaltsserie ist und bleibt: „Liebling Kreuzberg“.
       Dieser (von Manfred Krug gespielte) arbeitsscheue Götterspeisen-Zyniker,
       der seine Fälle lieber an einen Kompagnon delegierte, um sich die Zeit mit
       Frauengeschichten und Motorradfahren zu vertreiben, um sich schließlich
       doch noch dazu herabzulassen, den kleinen Leuten aus seinem Kiez aus der
       juristischen Patsche zu helfen, hat wohl durchaus die eigene Entscheidung
       beeinflusst, Jura zu studieren. Vergleichbar gutes Fernsehen war in dem
       Jahr, in dem Robert Liebling seine Kanzlei eröffnete (1986) nur „Kir
       Royal“. Aber Journalist als Beruf war damals noch keine Option.
       
       2005 ging dann Dieter Pfaff mit „Der Dicke“ auf Sendung, mit auffälligen
       Parallelen: Launischer Anwalt hilft den kleinen Leuten in Hamburg-Altona.
       Kreuzberg nicht unähnlich, aber doch viel harmloser als jener Stadtteil im
       Westberlin der 80er Jahre. So wie Gregor Ehrenberg als Mensch auch viel
       verträglicher war als jener Robert Liebling. Ehrenberg kam mehr nach dem
       auch von Pfaff verkörperten Psychotherapeuten „Bloch“.
       
       Dieter Pfaff ist vor zwei Jahren gestorben. Die Anwaltsserie mit ihm setzt
       die ARD nun ohne ihn fort. Weil aber der für die Nachfolge bestimmte
       Herbert Knaup ein schlanker Mann ist, heißt die Serie fortan „Die Kanzlei“.
       
       An der Spitzenposition von „Liebling Kreuzberg“ kann sie allerdings nicht
       rütteln. Die Klasse von „Liebling Kreuzberg“ hatte auch mit den Fällen zu
       tun, die juristisch immer Hand und Fuß hatten, weil Autor Jurek Becker den
       Beruf seines Helden ernst nahm und seine Pointen in den Gesetzestexten
       suchte: Berliner Viermächtestatus und Taschenpfändung. Liebling war ein
       guter Anwalt. Pfaff war und Knaup ist (nur) ein guter Schauspieler.
       
       Die Anwälte der „Kanzlei“ sind aber schlechte Juristen. Da droht in der
       ersten der neuen Folgen Isabel von Brede (Sabine Postel): „Sie wollen
       unseren Mandanten verklagen? Ich schwöre Ihnen, wir verklagen Sie!“ Nur
       geht es in dem Streit um eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Strafrecht.
       Im Strafrecht wird nicht verklagt, sondern angeklagt, von der
       Staatsanwaltschaft. Eine Petitesse, aber exemplarisch.
       
       ## Wie wird Pfaffs Ausscheiden erklärt?
       
       Die Anwälte der „Kanzlei“ könnten ebenso gut Psychotherapeuten sein oder
       Kommissare. Man (Buch: Thorsten Näter; Regie: wechselnd) meint wohl, sich
       ganz auf die Schauspieler in ihren sympathisch schrulligen Rollen verlassen
       zu dürfen. „Kann es sein, dass Sie gar kein Anwalt sind, sondern
       Gebrauchtwagenhändler?“, fragt von Brede ihren neuen Kollegen. Es wäre nur
       konsequent, wenn sich das am Ende tatsächlich herausstellte.
       
       Am interessantesten war vorab die Frage, wie Dieter Pfaffs Ausscheiden
       erklärt würde. Gregor Ehrenberg nun einfach mit Herbert Knaup zu besetzen –
       nein, das geht nicht. Außerdem bekommt Knaup, der seinen ersten Auftritt
       erst in der zweiten der neuen Folgen hat, ja seinen eigenen Rollennamen:
       Markus Gellert. Ein plötzlicher Todesfall wäre naheliegend. Schließlich
       verschwinden Menschen nicht einfach so. Obwohl, manchmal tun sie es doch.
       Sie gehen Zigaretten holen oder ein Bier trinken und kommen nicht zurück.
       Manchmal passiert das sogar im Fernsehen, so wie bei Paul Simon in der
       „Heimat“ von Edgar Reitz.
       
       Aber: „Dass Ehrenberg bei Nacht und Nebel einfach so verschwindet, dass er
       keine Nachricht hinterlässt, dass er nicht an sein Handy geht, das macht
       doch alles überhaupt gar keinen Sinn!“, findet Kollegin von Brede. Und so
       sahen es auch die Verantwortlichen: Eine solche Leerstelle wäre in der ARD
       um 20.15 Uhr wohl doch ein zu großes Wagnis. Aber musste es unbedingt sein,
       dass man stattdessen einen gedoubelten Ehrenberg noch ein letztes Mal bei
       der Kanzlei vorbeifahren lässt, um seinen Hund zu holen?
       
       8 Sep 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Müller
       
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