# taz.de -- Dschihadisten droht Niederlage: Offensive gegen den Islamischen Staat
       
       > Kurdische Kämpfer und syrische Rebellen rücken auf die Stadt Tel Abjad
       > vor. Die Türkei ließ Flüchtlinge zunächst nicht über die Grenze.
       
 (IMG) Bild: Syrische Flüchtlinge haben den Grenzzaun zur Türkei durchschnitten und fliehen vor den Kämpfen zwischen Kurden und Dschihadisten
       
       ISTANBUL taz | Am Ende hat doch die türkische Hilfsbereitschaft gesiegt.
       Die Regierung in Ankara öffnete am Sonntagabend den Grenzübergang Akcakale
       südlich von Sanliurfa und ermöglichte Tausenden von Syrern die rettende
       Flucht über die Grenze.
       
       Tagelang hatten die Flüchtlinge versucht, aus der von den Extremisten des
       Islamischen Staates (IS) kontrollierten Stadt Tell Abjad zu entkommen.
       Aufnahmen eines Fotografen der Nachrichtenagentur AFP zeigten, wie bärtige
       und teils vermummte IS-Kämpfer mit gezückten Waffen offenbar versuchten,
       die Frauen, Männer und Kinder zur Rückkehr zu zwingen.
       
       Die türkische Polizei und Armee, die diesseits der Grenze mit gepanzerten
       Fahrzeugen in Position gegangen ist, waren freilich ebenfalls wenig
       zimperlich. Soldaten feuerten Warnschüsse ab, die Polizei setzte
       Wasserwerfer, um die Flüchtlinge daran zu hindern, den Schutzzaun zu
       überwinden.
       
       Am Sonntagabend warteten Helfer des türkischen Katastrophendienstes Afad,
       um die erschöpften Zivilisten zu versorgen. Nach offziellen Angaben sind in
       den vergangenen zehn Tagen bereits 13.000 Personen aus Tell Abjad geflohen.
       
       ## Von strategischer Bedeutung
       
       Kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) und syrische Rebellen haben
       eine gemeinsame Offensive auf Tel Abjad begonnen und in den vergangenen
       Tagen etliche Dörfer im Umland unter ihre Kontrolle gebracht. Unterstützt
       von amerikanischen Luftangriffen sind sie dabei mittlerweile bis zum
       Stadtrand von Tel Abjad vorgerückt.
       
       Für den IS ist die Grenzstadt von strategischer Bedeutung. Die Stadt ist
       eine der wichtigsten Lebensadern der Extremisten. Sie ist das Einfallstor
       für Waffen und die meisten ausländischen Dschiihadisten, die über die
       Türkei nach Syrien gelangen. Gleichzeitig dient sie dem IS als
       Umschlagplatz für seine Schmuggelgeschäfte.
       
       Von Tel Abjad führt eine Überlandstrasse direkt in das etwa 120 Kilometer
       entfernt gelegene Rakka. Nach Angaben der Aktivistengruppe „Raqqa Is Being
       Slaughtered Silently“ haben Prediger die Einwohner am vergangenen Freitag
       aufgefordert, Lebensmittel zu horten, um sich auf eine mögliche Belagerung
       der syrischen IS-Hauptstadt vorzubereiten.
       
       ## Kritik von Erdogan
       
       Es ist das erste Mal seit Monaten, dass die Extremisten in Syrien in die
       Defensive geraten. Vor gut drei Wochen gelang es ihnen noch, die Stadt
       Tadmor/Palmyra zu erobern. An der jetzigen Offensive gegen den IS sind
       neben der YPG mehrere syrische Rebellenverbände beteiligt, die sich Burkan
       al-Furat (Euphrat-Vulkan) nennen. Gemeinsam versuchen sie, die Extremisten
       von Westen und Osten zu umzingeln.
       
       Genauso wichtig wie für den IS ist Tell Abjad (kurdisch: Gire Spi) für die
       Kurden. Sollten sie den Sieg davon tragen, könnten sie zwei der drei
       „Kantone“, die sie in Nordsyrien kontrollieren, miteinander vereinen. Im
       Westen von Tel Abjad hatten die Kurden den IS Ende Januar aus Kobane
       vertrieben. Die Türkei fürchtet freilich nichts mehr als ein Erstarken der
       kurdischen Autonomie in Syrien und der YPG, die mit der Arbeiterpartei
       Kurdistans (PKK) verbündet ist.
       
       Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan warf der YPG gar ethnische
       Vertreibungen vor. Sie würden in von Arabern und Turkmenen bewohnten
       Regionen Kurden ansiedeln, sagte der Präsident laut türkischen
       Medienberichten. Dies sei kein gutes Zeichen, da es den Weg für eine
       Struktur ebne, die die Grenzen der Türkei bedrohe. Syrische Oppositionelle
       widersprachen dieser Darstellung. In der Region leben vor allem Araber und
       Kurden, und es waren der IS und andere Extremisten, die vor zwei Jahren die
       Kurden angriffen.
       
       15 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Inga Rogg
       
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